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Der Orient · 1843-06-13 · 24 (13.6.1843) · p. Spalte 379-380

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Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
24 (13.6.1843)
Article
Was man nicht Alles aus den Propheten heraus interpretieren kann
Date
1843-06-13
Page
Spalte 379-380 (sequence 2)
Language
German
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380 379 Was man nicht Alles aus den Propheten heraus interpretiren wird. Theologen, von dem Verfasser über die Glaubwürdigkeit -er Evangelien, der aus Strauß „Leben Jesu" eine absurde Konsequenz gezogen. Man wird wohl sehr, leicht merken, daß der edle Zweck dieses Werkes dahin geht, das Dioskurenpärchen Staat und Kirche zu vereinigen, ja noch mehr die Nothwmdigkeit einer Staatsreligion zu beweisen. Der Vers., dem Gelehrsamkeit und vrelumsaffende Belesenheit gar nicht abzusprechen find, sucht historisch diesen Beweis Zu geben, d. h. bei allen Völkern die Religion als die Basis und Unterlage des Staates zu beweisen. Inwiefern dies dem Vers, gelungen ist, ist hier der Ort nicht zu entscheiden, nur bemerke ich, daß er Platon und Aristoteles Gedanken unterschiebt, die mit ihren spekulativen Ansichten in Disharmonie stehen, oder die durchaus nicht die Konsequenz ihrer Spekulation sind. Wenn aber der Vers. Stellen aus ihren Werken citirt, die seine Behaupturgen belegen sollen, so muß ich bemerken, daß diese Stellen, da sie aus dem Zusammenhänge gerissen, so viel als Nichts belegen. Platon hat bekanntlich die Gerechtigkeit als die Substanz feiner Republik an die Spitze gestellt, das Allgemeine die Ideen sollen den Staat regieren, und Aristoteles hat die theoreti schex) Vernunft, dies leidlose Wesen, als das 1) Der Vers, ist der Ansicht, daß Aristoteles ein Theist war, und daß er die Religion als eine Hauptinstitution (?) betrachte, .und belegt diese Ansicht mit einer Stelle aus der Ethik. Diese Ansicht ist grundfalsch, sie gehört dem Vers., aber wohl nicht dem Aristoteles. Aristoteles ist erstens kein Theist im Sinne der modernen Afterspekulation — Aristoteles ist eher Pantheist. Denn der durchgreifendste Gedanke seiner Philosophie ist doch kein anderer, als daß die theoretische Vernunft die immanente Tätigkeit alles Seins ist. Dieje Thärrgkeit ist die ordnende Einheit (Gotr), welche sich in allen Kreisen des g e sa m m t e n U n i v ersums offenbart. (Siehe Biese, Darstellung d. Aristot. Philoft Bd. L p. 353. Hegel, Geschichte d. Philos. Bd. IL p. 320. Aristot. Metaph. 12, 7. p. 24-9. vergl.. de coelo ,2, 3.) Diese dem Universum immanente Thätigkeit kommt im Menschen zum Bewußtsein durch das Sicherfassen im Denken, und so ist der Zweck des Menschen kein anderer als das theoretische ftscogici) Denken, es ist schlechthin das S eligste (ydiGzov). Diesen Zweck — den freilich nur der Philosoph anerkennen kann, hat Aristoteles ganz deutlich in feinerEthik9, 4 ausgesprochen8%sl ydg vvv o ftsog tayccd'ov ccVJ av d> n tlqx eolv, do %£i£ &av xd VOOVV £ UCC 6 T 0 Q 81VCC.L, £MX?U6lVergl. 10, 7.: rco dv& goo 7t oj Srf o % ax cc xd v vovv ß to g rc. Das was Aristoteles in der Ethik fordert, soll sich aber praktisch d. .h. politisch bewähren. Die Politik ist.die Wahrheit der Ethik, oder das Substrat der Politik muß daß ethische (wohl gemerkt) im Aristotelischen Sinne sein. Die vortrefflichste dvvapig tft die politische (Politik. 1, 2. siehe in H. Gesch. d. Philos. Bd. II. die angeführte Stelle aus den Magna Moralia 1, 1.), der Mensch ist ein politisches Thier, das Vernunft hat. Der Staat ist dir Ente lech ie, das Wesen der Einzelnen. Aristoteles' Fundament des Staats ist das allgemein Menschliche, das Denken, nicht das Individuelle — die Religion, und das ist auch der wahre Sinn der Hegel'schen Rechtsphilosophie. Der i v h a L 7t uv, in jeder Beziehung als d-as non plus ultra aufgestellt, die Vernunft muß im Staate regieren. Aber dies nur beiläufig. Wenn nun der Verfasser überall die Religion als das Fundament des Staats erblickte, so hatte er an der jüdischen Theokratie ein eklatantes Exempel. In wieweit der jüdischen Geschichte ein Princip des Staatslebens und der Politik, ein Bewußtsein, üöer die eigentliche Substautialität des politischen Lebens zuzuschreiben ist, das kann ich hier nicht auseinandersetzen, werde es aber in meiner -Beurtheilung der Hirsch'schen Briefe andeuten. Aber wenn der. Vers. (p. 32.), im Namen eines christlichen Gelehrten, aus Jesaja (eap. XUX, 22, 23) ableiten will, daß der Prophet einem hierarchischen Princip nicht abhold ist, daß er weissagend das Princip des Staats der Kirche unterwürfig macht, daß-er den König nur Pfleger, die Königin die Säugame der Kirche sein läßt, daß, kurz der König — d. h. das politische Princip der Kirche, nur der Kirche dienen, und nur sie beschützen muß, so giebt sich der Vers, eine Blöße, indem er einem exegetischen Gew alt streich gerne folgt, und sich , von pietistlschen Theologen (deren wir genug haben) tauschen läßt. Die Methode, aus den Propheten die Wunder des Christenthums, so z. B. die Geburt Jesu rc. herauszudemonstriren, ist längst verschollen, die Kritik hat alle diese süße Illusionen aufgedeckt und zerstört. Freilich da in England die Philosophie seit Locke und Hume und den sich anreihenden Jüngern, nicht zu einem neuen Entwicklungsprincipe sortgeführt wurde, ja vielmehr alle Spekulation so gut wie ganz vergessen — da England noch heute aas dem Standpunkt dieser Philosophie, nämlich ans dem Standpunkt des Sensualismus-) und Rationalismus steht; so weiß man natürlicherweise von einer philos. Kritik, die in Deutschland in der schönsten Blüthe steht, im politischen, praktischen England Nichts, und nur daher ist diese Kuriosität begreiflich. Wie abgeschmackt klingt die Behauptung, Jesaja hätte schon damals die Kirche im Sinne gehabt; und noch absurder sind die Beweise aus Deut. c. XXX11. 12.; ibid. 5.; Num. c. X!., Vers, zeigt nur daher, wie er das tiefe, spekulative nicht gefaßt, und konnte er es, durfte er es fassen? Sein Zweck ist em theologischer, individueller, beschränkter. Er will den christlichen Staat, also einen unfreien. Er darf also die pure blanke Wahrheit nicht erfaßen — ohne seinen beschränkten Zweck aufzugeben. Die Wahrheit widerspricht einem solchen theologischen, antihumanistischen Zweck, weil die Wahrheit — Freiheit, und die Freiheit Wahrheit will. Der Wahrheit ist nicht das Heilige wahr, sondern das Wahre heilig. Die Theologie überhaupt erkennt keine Wahrheit. — Denn Aristoteles als Pantheist wäre die Negation der Theologie auf dem Standpunkte der Theologie. Dasselbe sagt Feuerbach in Ruges' Anecdotis von Spinoza. Aristoteles ist die Negation des christlichen Staates — nicht die Position. 2) Die Engländer verstehen noch nicht unfern alten Kanr, dies beweist ein Buch, welches 1824 erschien: Prindpies of the Xante sinn or tfansceiidental philosophy etc.

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