Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 24 (13.6.1843)
- Article
- Apologetik [Rezension]
- Date
- 1843-06-13
- Page
- Spalte 371-372 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— Tractatus Macot cum scholiis hermeneuticis etc. 372 371 The Conciliator. neue Ideen in einem neuen Körper auftreten sehen. Blicken wir nun auf die Uebersetzung des vorliegenden Werkes, das, wie schon früher bemerkt, an den meisten Seiten aus einer befangenen Exegese hervorgegangen ist, so müßten wir der vorhergegangenen Betrachtung zufolge, blos ein kulturhistorisches Interesse daran finden, indem wir nämlich den Bildungsgrad der Juden und auch der Christen im 17. Jahrhundert (der erste Theil dieses Werkes, welcher 1632 erschien, wurde schoN 1633 ins Lateinische übersetzt; vergl. deKossi, Bibliotheca judaica — antichristiana p. 66) kennen lernen; allein wenn wir die Vorrede und die Noten des Uebersetzers lesen, so wird uns auch ein Blick in den Kulturstand vieler heutigen englischen Juden eröffnet. (Fortsetzung folgt.) Talmud. Talmud bahylonicum , cum scholiis, glossario nec non indicibus adjectis. 1. Tractatus Macot. — Zweiter Tractatus Macot cum scholiis hermeneuticis, glossario, nec non indicibus adjectis, auctore Dr. 11. S. Hirschfeld, Kabbino. Berolini, sumptibus M. Simiou. 1842. VI. und 173 S. Das vorliegende Werk, welches den Anfang zu dem großartigen Unternehmen, den ganzen Talmud mit lateinischen Scholien herauszugeben, machen soll, entbehrte bisher nur deswegen einer öffentlichen Besprechung und Anerkennung in den Organen der Wissenschaft, weil es überhaupt schwierig und prekär bleibt, ein so weites und vielumfaffendes Werk nach einem kleinen Anfang zu beurtheilen. Ref. hätte daher abgewartet, dis eine hinreichende Anzahl größerer talmudischer. Traktate an das Lichr geschafft wäre, um ein begründeteres Urtheil fällen zu können, wenn nicht besondere Umstände ihn veranlaßt hatten, einerseits vor demjenigen Publikum, welches sich für den Fortschritt jüdischer Wiffenschast interessirt, gewisse Punkte zu besprechen, die allgemein herrschenden Vorurtheilen unterliegen, andrerseits dem hier im Entstehen begriffenen Unternehmen seinen richtigen Standpunkt unter andern ähnlicher Tendenz, wenn auch nicht ähnlicher Ausführung, anzuweisen. Denn während sogar bei demjenigen Leser, den tcrlmudische und klassische Kenntnisse überhaupt befähigen, ein solches Werk zu prüfen und kennen zu lernen, während sogar bei diesem langsam und sehr allmälig sich ein richtiges Urtheil über ein wissenschaftliches Werk herausbildet, während einem großen Theil derselben (und das 'Ganze ist leider nicht sehr groß) nur spät und spärlich dies oder jenes Produkt der jüdischen Literatur zu Augen kommt, so ist es gar bei dem nicht gelehrten, aber doch gebildeten und für Entwickelung jüdischer Literatur fühlenden Publikum fast nicht zu vermeiden, daß Marktschreierei und unverschämte Selbstüberhebung oft den Sieg über den bescheidenen, sich mit dem stillen Bewußtsein begnügenden wahrhaften Gelehrten davontragen. Es ist aber die Pflicht der Oeffentlichkeit, die ihr zu Gebote stehenden Mittel zur Verbreitung richtiger Begriffe über die Tagesliteratur anzuwenden; der Oeffentlichkeit, die sich nicht zur Schmarotzerin von literarischen Despotien, nicht zur absichtlichen Partei hergeben will, sondern Freund und Feind, Großen und Kleinen nicht kennend, nicht kennen wollend, Resultate gründlicher, kaltblütiger Forschungen'den Augen wahrheitsliebender Leser vorzulegen bemüht ist. Der Talmud, dieses in seiner Art einzige Werk, das Denkmal einer höchst merkwürdigen Geistesepoche des jüdischen Volkes, hat sich bisher fast einzig unter dem jüdischen Volke erhalten. Ihm war es Vorbehalten, aus dem Meere des Talmud unzählige größere und kleinere Ströme und Bäche abzuleiten, welche nach allen Richtungen hin das jüdische Leben, die jüdischen Bestrebungen im Staats- und im Gemeindeleben , in Wissenschaft und Kunst, im Denken und Handeln durchdrangen, überall hin befruchtende Keime trugen, die zu himmelhohen Bäumen erstarkten. Diese Scharfe des Geistes, diese rasche Empfänglichkeit, dies klare Auffassen und schnelle Durchdringen jedes neu sich darbietenden Gegenstandes — — Eigenschaften, denen fast die äußere Erhaltung des jüdischen Volkes zu danken ist — sind dem Studium des Talmud zuzuschreiben, ihm, das schon mit der Muttermilch dem kaum lallenden Kinde eingetränkt wurde, ihm, das den Juden bei Tag und bei Nacht, auf Reisen und zu Hause nicht verließ, ihm, das zeitliches Wohlergehen in dieser, ewige Seligkeit in jener Welt versprach (aan W) Hin D^)Ö -plM*). Es ist hier nicht am Orte, zu entscheiden, ob der Nutzen oder der Schaden dieses Einflusses auf das jüdische Volk größer war; genug, daß die Thatsache sich so verhält, wie wir gesagt. Aber die Neuzeit hat Vieles geändert. Der vorgestrigen Generation noch Mark und Saft des Lebens, klang er der gestrigen nur aus Erinnerung früher Knabenjahre nach, und ist der heutigen zum großen Theil ein Unbekanntes,' von dem. der Bescheidene und Gläubige mit Ehrfurcht und heiligem Staunen, der Leichtsinnige und Unbesonnene mit Spott und Verachtung spricht, alle diese aber gern ihre Unkunde desselben bekennen. Wenn also schon in dem Judenthum selbst über den Talmud sich abenteuerliche und sonderbare, jedenfalls unbegründete Vorstellungen bildeten, wie viel mehr mußte dies bei dem Nichtjuden der Fall sein, der nicht einmal aus Jugenderinnerungen oder aus Erzählungen des Vaters einen Begriff von dem eigenthümlichen Leben des Talmud haben kann. Sollen wir hier an die unzähligen falschen Begriffe erinnern, die über Talmud, talmudische Erzählungen, Gebräuche und Lehre, über mosaisches und talmudisches Judenthum in Umlauf sind? An die tausendmal widerlegten Beschuldigungen, die tausendmal berichtigten Falschheiten, die mehr als bloße Jrrthümer in dem Gebiete des Wissens blieben, die Blut kosteten, Scheiterhaufen anzündeten, und Tausende schuldloser Familien in Jammer und Elend stürzten? Sollen wir sie heraufbeschwören, die Geister unschuldig Gemordeter, deren Schicksal noch vor Kurzem dem sich in falsche