Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1843)
- Article
- Der Emancipationskampf im Friesenland
- Date
- 1843-05-30
- Page
- Seite 175 (sequence 2)
- Language
- German
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175 gezogen, die meisten Souveraine Deutschlands haben diesen Gegenstand ausgenommen, und gewiß ist die Geschichte dieses Kampfes im 19. Jahrhundert eine der interessantesten. Auch Friesenland, welches in diesem Jahrhundert fast ganz als erstarrt scheint, ist von diesem Kampfe nicht frei geblieben. Ein Gegner der Judenemancipation und ein Freund der Knechtschaft überhaupt, hat in der in Emden erscheinenden Frisia (Nr. 29 u.30) ein Votum gegen die Juden addrucken lassen, welchem aber ein Jude, der nicht btos seine Freiheit allein liebt, erwiderte. Als Beitrag zur Geschichte der Emancipation lasse ich beide Aufsätze, wie Text und Kommentar gegenüberstehend, hier folgen, in der festen Ueberzeugung, daß sie so manchen Gedanken enthalten, welcher der Prüfung oder der Beachtung werth ist. & Der Unfreie. Die EmarrcipaLionsfrage. Auch ein Votum. Soll denn Israel ~ ich meine hier nicht eine häufig mit diesem Namen bezeichnete Parthei der Christen, sondern die allen Israeliten, die Nachkommen Abrahams— sollen diese immer und ewig in den Fesseln der Knechtschaft seufzen, nachdem sie durch den Untergang ihres Staates ihre Selbstständigkeit verloren haben? Sollen sie immer und ewig von den Christen und Muhammedanern gedrückt, verfolgt, ausgestoßen werden? Sollten sie wie Spreu im Winde über den ganzen Erdboden zerstreut, nirgends ein Vaterland, eine Heimath haben und ewig in der Wüste wandern, nur an den Erinnerungen einer großen Vergangenheit zehrend, ohne Trost für die Zukunft und ohne die Hoffnung, jemals wieder in 'das gelobte Land ihrer Väter einzugehen. Sollen sie bei allen unverkennbar guten Eigenschaften und Lugenden, als da sind Mäßigkeit, Arbeitsamkeit, Keuschheit u. s. w. selbst von Christen, die doch sogar Heiden zu sich heranzuziehen suchen, immer und ewig von aller menschlichen und brüderlichen Gemeinschaft, von allen öffentlichen Geschäften, von aller Lheilnahme an dem Wohl und Wehe des Staats ausgeschlossen sein, als Wesen von so niedriger Art, daß wir sie zu unserem Geschlecht nicht rechnen können, und eben , dadurch auf Hinterlist, Betrug und die niedrigste Art des Unterhalts, auf den Schacher förmlich von uns angewiesen? Man hat häufig in den Debatten der Kammern mehrerer deutschen und nichtdeutschen Länder, in den Schriften der Publicisten, in den Werken der Theologen und in den Traktätlein der modernen Pietisten die obige Frage mit Ja beantwortet. In den Kammern fand man es unrecht, von den Rechten der in Possession befindlichen Staatsbürger einige an die Juden abzugeben; die Publicisten waren der Meinung, die Juden könnten als ein fremdes Volk, das in seinen einzelnen Gliedern sich nur temporell (? temporär) hie und da uufhalte, keine Staatsämter unter den Christen, welche den Slaat' ausmackpn, bekleiden; die Theologen, natürlich die Mtca-Orthodoxen, beriefen sich auf den hohenpriesterlichen Fluch: „Sein Blur komme über uns und unsre Kinder," und auf die exemplarische (?) Strafgerechtigkeit Gottes, welcher man nicht vorgreifen oder in den Weg treten dürfe, und die Pietisten verwarfen das Judenvolk, weil es den Herrn Christum gekreuzigt hatte und dessen Geist noch immer widerstrebe. Der Freie. Protest eines Inden*) gegen das Votum eines Christen für die Emancipation der Inden. „Es ward gedrückt, es ward gepeinigt Und öffnete doch nicht seinen Mund, Wie Schaaf zur Schlachtbank ward's geführet, Wie Lamm vor seine Scheerer — Es blieb verstummt und öffnete doch nicht seinen Mund." Das war dem jüdischen Volke von dem Seher seines tausendjährigen Märtyrerthums in der Völkergeschichte (Jes. 53.) vorausverkündet, ehe es seinen schmerzensreichen Gang durch Völker und Zeiten anzutreten hatte: und nie ward es daher überrascht, wenn in den dunkeln Zeiten nun vergangener Jahrhunderte fanatischer Wahn und blinde Leidenschaftlichkeit ühm die Scheiterhaufen anzündeten, es zur Schlacht- oder Scheerbank schleppten — es blieb verstummt, es öffnete nicht seinen Mund, es schwieg und duldete - denn es wußte, die Zeit seines Märtyrerthums war noch nicht aus, konnte noch nicht zu Ende sein. In einer Zeit jedoch, wo die Nacht am Völkerhimmel allmälig zu schwinden beginnt, wo das am jüdischen Sinai entzündete Licht des großen Gotteinheit- und Menschenbruderschaft-Gedankens allmälig mit seiner llillen aber allge-. wattigen Macht sich Raum zu schaffen beginnt in der Brust der Menschen; in einer Zeit wo allmälig, allmälig wir der von eben demselben Seher des jüdischen Märtyrerthums verkündeten schönen Zeit näher zu rücken scheinen, in welcher den sonst über jüdische Rücken nur Geißel schwingenden Völker und Völkerhirten die Binde von den Augen fällt, und sie schmerzlich die Jahrtausende lang am jüdischen Menschenbruder verübten Völkersünden überdenken, den sie (ebendas.) „von Gottes Finger betroffen, von Gott geschlagen und gepeinigt wähnten, während er nur von ihnen bereitete Leiden zu tragen, von ihnen bereitete Schmerzen zu dulden hatte, dem sie bei Verbrechern das Grab bereiteten, der zu den Verbrechern gezahlt wurde und doch kein Unrecht hatte geübt, und keinen Verrath im Munde geführt," — in einer solchen Zeit darf auch der Jude nicht schweigen, muß auch der Jude mithelfen, die mit dem siegenden Lichtgedanken noch ringenden Nebel des Vorurtheils und des Wahnes zu zerstreuen, auf daß das schöne Werk der Völkersühne rein und wahr und leicht sich vollende. Er darf aber vor Allem da nicht schweigen, wo, wie in dem in der Ueberschrift bezeichnetem Votum geschehen, die *) Audiatur et altera pars. A. d. H.