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Der Orient · 1843-05-09 · Heft 19 (9.5.1843) · p. Seite 147

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 19 (9.5.1843)
Article
Frankfurt a. M.: Anstellung des Dr. J. Auerbach an der Bürger- und Realschule
Date
1843-05-09
Page
Seite 147 (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt 6. M-, 26. April. Unsere Bürger¬ und Real-Schule hat sich neuerdings des Glückes zu erfreuen, durch die Anstellung des Hm. Dr. Jakob Auerbach, als Prediger und Religionslehrer, an die Stelle des ihr zu früh entrissenen Dr. Creizenach, eine Aquisttion gemacht zu haben, die dieser ausgezeichneten Lehr- und Bildungsanstalt würdig ist. Bei der Besetzung dieser Stelle wurde vorzüglich Rücksicht genommen, einen solchen Prediger zu erlangen, der dem Andachtssaale eine größere Konfluenz zuführe, und diesem Institute einen neuen, lebenskräftigem Geist zu geben vermöge. Bis jetzt waren die Wortrage unseres gelehrten Jost die einzigen geistigen Stützen dieses schon 'antiquirten Instituts, und seine so vortrefflichen philosophisch-historischen Abhandlungen über die verschiedenen Zeitperioden der jüdischen Geschichte, die mehr doktrinell als homiletisch, waren immer die vorzüglichsten Anziehungspunkte für einen solchen Kreis von Zuhörern, die aus dem tiefen Born seines klaren Geistes Kenntniß und Lehre schöpften, und die intellektuelleAusbildung des Judenthums erstarkte und erfrischte an die lebensfrische Warme, die er in begeisterter Sprache seinen Zuhörern enrhauchte. Jost ist und will nur ein denkender Historiker, aber kein Religionslehrer sein. Stehen ihm auch die Pforten der jüdischen Theologie weit geöffnet, und begünstigt er auch seinerseits die religiöse Beweglichkeit, die Licht und Leben verbreitet, so verkennt dennoch niemals feinen Standpunkt, um seine subjektiven Gefühle zur Schau zu tragen, die dem verzehrenden und verheerenden Feuer des alles Religiöse verschlingenden Modegötzen neue Nahrung brächten. Anders verhält es sich bei dem Religionstehrerz dieser muß dem Lehrfache, dem er sich gewidmet, das echte Gepräge seines innern Denkvermögens aufdrücken; seine Vortrage müssen eine bestimmte Farbe haben, und er darf nicht mit hohlen, allgemeinen Phrasen bald den laxen Jndifferentismus, bald den starren Formenglauben angreifen, von einem „Durchdrungensein des Glaubens", vom „Festhalten an den Gottes-Gedanken" reden, aber immer durch die divergirenden religiösen Ansichten, wie ein geschickter Pilot zwischen der Charybdes und der Skylla hindurchschiffen, ohne es zu wagen, bei einer Klippe anzulegen oder die Tiefe des Strudels zu erforschen. Eine entschiedene Richtung, konsequent durchgeführt, und ohne verletzende Bitterkeit für diese oder jene Ansicht, hat sich der Religionslehrer in seinen Vorträgen als Lineamente seines Wirkungskreises vorzuzeichnen. Besonders sei er bedacht, den sich so oft erhebenden Widersprüchen zwischen dem Leben und der Lehre, die ein Zwiespalt in seinem eigenen Jnnerm vermuthen lassen, auszuweichen, selbst auf die Gefahr hin, von einigen fanatischen und intoleranten Wortführern des Unglaubens als Obskurant verdächtigt zu werden. Wir freuen uns, daß Hr. Dr. Auerbach eine solche Richtung eingeschlagen hat, von der wir die ersprießlichsten und segenreichsten Folgen, im Geiste der Zeit und der wahren Religiosität, für unsere Gemeinde und für die heranzubildende Generation zu erwarten berechtigt sind. Seit feiner Anstellung hat er schon dreimal vor einer zahlreichen Zuhörerschaft Beweise eines eminenten Rednertalents abgelegt. Seine Sprache ist rein, poetisch erhaben, ohne Schwulst und Bilderüberladung, und die paffend eingepflochtenen Bibelstellen und midraschischen Gleichniffe geben seinem Vortrage Abwechslung und Leben. Vertrauensvoll erwarten wir, daß ein tiefdurchdachter Plan seinen Vorträgen und seinem Religionsunterrichte zu Grunde liege, damit kein Hin- und Herschwanken den vortheilhaften Totaleindruck vernichte, den er gleich bei seinem ersten Auftreten sich zu erfreuen hatte. Wir wollen versuchen, einige Bruchstücke aus seiner jüngsten Passahpredigt, über die Wanderung Israels, die wir aus dem Gedächtniß niederschreiben, hier mitzurheilen. Die Blüthen sind sichtbar worden an der Erde und die Zeit des Sanges hat begonnen, In dieser Zeit, da stimmt auch Israel sein Loblied an und seinen Hallelujagesang, und feiert ein schönes Frühlingsfest, den großen Welt- und Völkerfrühling, der die Erde und die Menschheit hat erlöset von den Banden der Erstarrung und des Knechtschaft. Israel feiert den Tag, an dem es seine Wanderung durch die Welt hat angetreten, die lange Wanderung durch des Meeres Fluchen und der Wüste Sand. O Israel, wie schön sind deine Schritte, wie zogst du leicht und froh dahin, ein Wanderer über die Erde. Die Schuhe an den Füßen, die Lenden gegürtet, den Stab in der Hand, ein kurzes Nacht- und Liebesmahl, so schnell als möglich zubeceitet, genüge dir, dich für die große Reise vorzubereiten, dann gingst du frei und sorglos hin, die Sendung zu vollbringen. Sie haben dich geschmäht, du Wanderer in der Fremde, weil dein Gewand so alt und seltsam war, weil die Sonne dein Gesicht verbrannt; sie haben dir den Friedensgruß, den du gebracht, mit Spott und Hohn erwiedert; statt dir ein festlich Obdach zu gewähren, dich hinausgestoßen in die kalte, stürmische Nacht. Es muß wohl eine besondere Obhut über uns gewaltet haben, daß wir so viele Mühe ertragen, so viele Gefahren überstehen konnten. Die Welt meinte, es wäre der Fluch Gottes, der uns so auf der Erde umhergetrieben, wir aber wissen, daß es sein Segen war, den wir verbreiten sollten; die Welt meint, es sei der Sturm des Herbstes, der das dürre Laub zerstreute nach allen Enden; wir aber wissen, daß es der ewige Frühling war, der Hauch und Odem Gottes, der uns frei gemacht und herausgerufen; die Welt meinte, es sei ein Werk der Frnsterniß gewesen, das uns erhalten habe mitten in der Zerstörung; doch wir wissen, daß es der große Geist in unserer Mure war, der sein Heiligthum beschützte. Der Glaube soll uns heben und tragen, nicht aber 19 *

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