Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1843)
- Article
- Hamburg
- Date
- 1843-05-02
- Page
- Seite 140 (sequence 3)
- Language
- German
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140 fest nähert sich, und eine Stimme ruft: „Predige! Predige von Freiheit, wie es das Fest -erheischt." „„Von Freiheit?"" Da schweists mein Blick über die Lüneburger Haide hinaus und ich dachte an unsre armen Brüder im Königreich Hannover; und ich dachte an die Städte, die sich.die freien nennen, und unter denen eine — wie lang ist es her! — mit frevelnder Hand frei geborne Israeliten wie Sklaven austrieb und noch immer nicht daran denkt, die Sünde gut zu machen; und ich'dachte an die Städte-, in denen die Bekenner des einig — einigen Gottes heutigen Tages noch einen Tribut zollen müssen, damit sie-geschützt werden; und ich dachte an die größeren Länder, in welchen die Neichen in Juda nur so frei sein dürfen — die Herren und Herrscher mit ihrer Umsicht und ihrem — Golde zu bedienen; und ich dachte an die Städte und Länder, in welchen man das Ding, das sie Freiheit nennen, wie eine'betäubende Arznei betrachtet, von welcher den Patienten von Zeit zu Zeit, alle Jahr, alle zwei Jahre einige Tropfen gereicht werden. Und da dachte ich denn auch an die jüngsten Verhandlungen in Ihrer geliebten Vaterstadt — so weit sie das Schicksal unsrer dortigen Israelitischen Mitbrüder angehen, und meine Seele trauerte bei der Vorstellung, wie die daselbst vernommenen, so unbegründeten, so unchristlichen Anklagen; wie die verhöhnenden Äußerungen des Uebermuthes und des Hasses; wie die getäuschten Hoffnungen der Bessern so schmerzlich auf Ihr edles, weiches Gemüth gewirkt haben müssen,, auf das Gemüth dessen, der so unermüdet, so uneigennützig, so aufopfernd für die Veredlung Israels arbeitet ..... Und doch ^verläßt der Herr sein Volk nie und nimmer! Und doch führt er Israel, durch alle Leiden und Sünden hindurch, einer bessern und Hellern Zeit entgegen! Und doch werden alle falschen Lippen verstummen, die von dem Splitter sprechen, den sie in den Augen des Bruders sehen, und des Balkens unerwähnt lassen in dem eigenen Auge! Und doch wird Gott seinen Arm enthüllen vor den Äugen der Völker und Israel helfen, rief mir mein Jesajas zu — und ich hielt das Wort fest und befolgte den Ruf: „Predige auch in diesem Passah von Freiheit!" — Niemand wird das Treffende dieser Schilderung verkennen; denn wenn auch die Hinweisung auf Lübeck vielleicht nur noch auf kurze Zeit eine wohlverdiente wota censoria sein mag, so ist sie es doch leider in diesem Augenblicke wirklich noch in unbezweifelter unleugbarer Wahrheit, und wenn man auch ferner einzelnen wackern Mitgliedern der zweiten sächsischen Kammer (einem v. Watzdorf, Todt, von Mayer u. A.) alle Hochachtung zollen muß, die ich Ihnen gern hier zum zweiten Male seit dem Tage der entscheidenden Debatte, zolle-, so bilden diese leider immer noch nicht die Majorität. — Wüßten die Christen nur erst, wie geneigt wir sind, unsere eigenen Mängel einzusehen, und sogar öffentlich zuwügen, während sie über ihre Mängel mit Blindheit geschlagen zu sein scheinen. Und würde denn ihr Unrecht auch nur beschönigt, wenn wir wirklich, das unsrige nicht einsähen? Wirwollen vor Allem Gerechtigkeit geübt wissen; von Andern gegen uns, wie wir sie, ohne Menschenfurcht, unter uns wie gegen Andere üben. — Darum werden wir nie aufhören, den Uebertritt mit der größten Brandmarkung, die das Wort des Einzelnen auferlegen kann, zu versehen; denn die Ueberläuser sind es, sie, die unsere Reihen lichten, welche zur Verzögerung beitragenwenn es sich darum handelt, daß Recht und Gerechtigkeit gegen uns gehandhabt werde. Aber unsere Abscheu wollen wir auch gegen die aussprechen, die, wie es kürzlich in Rom geschehen sein soll, die auf Fürbitte eines ihrer Glaubensgenossen ihnen angebotene größere Zuwachs der Freiheit für Alle aus eigennützigem Grunde zurückweisen. Freilich müßte der Pabst, wäre er wirklich unfehlbar und könnte er die Herzen prüfen, gerade diese.hartherzigen Neichen,-welche die Armen in Knechtschaft erhalten wissen wollten, in ihrem Zustande lassen, ja ihre Bande noch enger schnüren und den Genuß der gebotenen Freiheit gerade diesen doppelt Unglücklichen, weil auch irdischer Glücksgüter Entbehrenden, gewähren. — Aber der Pabst ist nicht unfehlbar. -- Unfehlbar ist nur ein Princip, ja.nur ein Princip, das der Gerechtigkeit für Alle und sei es auch, das dessen Handhabung dem eigenen nächsten Vortheile eine Wunde zu schlagen schiene. — Denn Schein und ist Nichts als eitler Schein ist, der Verlust für Augenblicke; er trägt den Gewinn für eine u nberechnen bare Ewigkeit in sich. — Darum arbeitet jetzt Ihr vor Allen unablässig, vereint, vor aller Welt Augen an Eurer Emancipation. Ihr Juden Ungarns! lasset den gegenwärtigen Zeitpunkt, den günstigsten, der Euch je geboten war, nicht unbenutzt; verschmelzet Euch mit der Nation, beschämet immer mehr jene Lüge, daß die Juden ein besonderes Nationalgefühl, ein anderes Interesse haben, als ihre übrigen Mitbürger und die christlichen Bewohner desselben Landes. Zwar werden Euch jene Feinde des erwachenden Ungarthums, die ungarischen Slaven und sogenannten Illyrier und Illyro-Serben, doppelt hassen, wenn Ihr die ungarische Sprache lernet, und Euch als Ungarn suhlet; aber dieser Haß ist nicht blos ein ohnmächtiger, sondern er ehrt Euch auch in dm Augen der unbestochenen Mitwelt, er wird den ungarischen Reichstag anspornen, Euch Euer volles Recht zu gewähren. — Dresden, 22. April. In einer der letzten Sitzungen der 1. Kammer kam die Vorstellung der Juden gemeinde zu Dresden um Aufhebung mehrer Rechtsbeschränkungen zur Verhandlung. Der Deputationsbericht (Referent Graf Hohenthal-Püchau) hatte Veranlassung gefunden, auf die allgemeine Frage der Emancipation der Juden einzugehen, und gestand zu, daß seit der bekannten Judenordnung vom 2. Oct. 1682 bis auf 1830, die sächsische Gesetzgebung auf dem Grundsätze beruhe: der Jude ist ein nothwendiges Uebel, er muß allerdings geduldet, aber möglichst unschädlich gemacht werden, damit er seinen christlichen Nebenmenschen nicht schade; um dies aber zu erreichen, muß seine Existenz im Staate durch beschränkende Gesetze, wo möglich aber durch eine immerwäh-