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Der Orient · 1843-04-18 · Heft 16 (18.4.1843) · p. Seite 124

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 16 (18.4.1843)
Article
Hamburg
Date
1843-04-18
Page
Seite 124 (sequence 2)
Language
German
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- 124 - fungiren befugt sein solle, sich demnach aller - rituellen Entscheidungen zu enthalten habe. Eine solche Sentenz darf Niemanden befremden, der die Ansichten der jetzt in Preußen waltetenden höchsten Behörden kennen gelernt und die Handlungsweise des „christlichen Staates" mit.' schärferen Blicken beobachtet hat. Eine andere Frage aber ist die, ob eine solche Entscheidung den Zwist in der Gemeinde beseitigen, den Frieden wiederherstellen, der Einigkeit Vorschub leisten, oder nicht vielmehr den Riß zwischen den Parteien mehr und mehr erweitern, die siegende zum Mißbrauche ihrer Gewalt, die unterliegende vielleicht gar zum Abfalle von der Religion verleiten könne. Es ist hier nicht der Ort, zn untersuchen, in wie weit gerade ein solches Resultat von der Regierung könne gewollt oder gefördert-worden sein; wohl aberist es Pflicht jedes Redlichdenkenden, zu einem Kompromiß zwischen den Parteien in einem Falle mitzuwirken, wo der Zwiespalt zur Beeinträchtigung der Rechte und eigentlichen Principien Beider die willkommenste Veranlassung bieten könnte. Es ist auch für die Juden Preußens eine kritische Zeit gekommen und wir halten uns uberzeugt, daß das neue Censurgesetz nur traurige Folgen haben wird. Denn Voructheil und Fanatismus werden immer noch eine Hmterthür findenum auf das wehrlose Judenthum einzudringen, während die jüdische Wissenschaft, zumal die erst wieder im Aufblühen begriffene, religionsphilosophische nur mit Angst und Zagen, mit Besorgniß und Scheu weniger vor ihrenwirklichenals von den ihr untergeschobenen Konsequenzen und Tendenzen sich wird bewegen können. — Ist da die Zeit zum gegenseitigen Aufreiben, zu wilder Leidenschaft gegen einander? Müssen nicht vielmehr alle Parteien, ihres Haders vergessend, den Sturm von außen äbzuwehren suchen? — Und doch ist gerade der am 20. Marz erfolgte Tod des H. Tiktin vielleicht das Signal zu neuen, endlosen Streitigkeiten. Denn die Anhänger des Verstorbenen (von diesem selbst ziemt es uns jetzt nicht mehr zu reden) werden nicht unterlassen, seinen frühen Tod theilweise den Kämpfen zuzuschreibm, welche die Ruhe seiner letzten Jahre gestört haben, seine Widersacher aber werden den günstigen Moment zur Verfolgung ihrer Zwecke'nicht ungenützt vorüber gehen lassen wollen. Doch glauben wir, aus dem vorangeschickten Gründen, nicht, daß Hr. Dr. Geiger oder ein anderer der jüngeren Rabbiner ohne Widerstand von Seiten der Regierung die Zügel der Gemeinde werden ergreifen können. — Es ist dies nun schon das dritte, oder, wenn man will, das vierte, größere jüdische Gemeindewesen in Europa, das jetzt des Hirten entbehrt.— Weder in London noch in Kassel ist bis Dato die langst erwartete Wahl erfolgt; über Berlin herrscht noch immer Zweifel und kaum läßt sich unter dem jetzigen Ministerium eine Allen zusagende Lösung des auch dort, wenn auch mehr verborgenen fortdauernden Memungskampfes hoffen; nun tritt auch noch in Breslau eine Vakanz ein. — In Bezug auf London wollte zwar eine Einsendung aus London (?) in der Voss. Zeit, vom -20. März wissen, daß in einer Generalversammlung der engl. Gemeindevorsteher am 21. Marz die Wahlausschreiben erfolgt würden. Aber schon die Nachricht, daß man dort außer auf hie Herren Rabbiner Adler in Hannover und Hirsch in Emden auch aus Hm. Borchardt sein Augenmerk gerichtet habe, deutet genugsam auf eine Mystisicatioü und schon in der folgenden Nummer der Voss. Zeit, war auf das widrig-lacherliche Spiel, das man in öffentlichen Blättern mit-dem Namen des Letztgenannten treibt, in einer Anfrage hingewiefen. — Wir nehmen die Gelegenheit wahr, noch einmal auf die Nothwendigkeit aufmerksam zu machen, daß in London ein Rabbiner gewählt werde, der den, jetzt von vielen Regierungen begünstigten proselytenmacherischen Umtrieben kräftig entgegenwirke. — Ueber den Bischof Dr. Alexander in Jerusalem brachte kürzlich ein Leipziger belletristisches Blatt gar saubere Geschichtchen. Er soll zuerst Schlächter, dann Hausirer gewesen sein, endlich in Ehescheidungsangelegenheiten vor dem Rabbiner Hirschel gefordert und zu einer Disciplinarstrafe verurtheilt, bei den Missionaren sein Heil gesucht und gefunden haben. Als Gewährsmann für diese Erzählung wird ein H. Newton (?), früher Vorsteher einer jüdischen Gemeinde in London, genannt. — Ware nicht eine „Gallerie früherer und jetziger Missionäre" ein sehr dankenswertes literarisches Unternehmen? Die „Voice of Jacob“ hat im vorigen Jahre einige brauchbare Vorarbeiten dazu geliefert. — Nur in wenigen Landern will man die Juden als Juden und als'Menschen gelten lassen. Um so erfreulicher ist es, unter dem Wirrwarr der Stimmen über Emancipation und Nichtemancipation wieder einmal eine so besonnene und so entschiedene zu vernehmen, wie sie kürzlich Bülow-Cummurow, ein gewiß nicht übertriebenen Freiheitsschwindels zu zeihender Publicist, r'm zweiten Bande seines Werkes: „Preußen, seine Verfassung und Verwaltung" (Jena bei Frommann und Berlin bei Veit u. Comp. 1843) hat vernehmen lassen. — Weniger günstig scheint man in Oesterreich den gerechten Ansprüchen der Juden zu sein. Wir schließen dies zunächst aus der Verkündigung einer von der Regierung dem nächsten ungarischen Reichstage vorzulegenden Proposition, die'Gleichstellung aller christlichen Konfessionen betreffend. Wir hoffen, daß die beiden Tafeln die Nothwendigkeit, alle Confessionen einander bürgerlich gleichzustellen, einsehen werden. Wenigstens leidet es keinen Zweifel, daß ein großer Theil des einflußreichen und patriotisch gesinnten Adels für die Juden ist. Ich darf bloß an den Baron v. Cötvös (der jetzt auch eine ungarische Monatsschrift begründen will) und den Grafen Karl Zay erinnern. — Gewiß werden Ungarns Repräsentanten, von denen wir die

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