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Der Orient · 1843-04-18 · Heft 16 (18.4.1843) · p. Seite 122

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 16 (18.4.1843)
Article
Jerusalem: Bericht über d. Chasidim, Karaiten und Rabbaniten
Date
1843-04-18
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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- 122 - und vor Tagesanbruch auf glühende Kohlen gelegt wird. Der Beschwörer selbst, in reine weiße Leinwand gekleidet, steht vor der Kohlenglut und spricht, während der Rauch aufsteigt, die Namen der Engel, welche über diesen Monat gesetzt sind. Dieses geschieht an drei Lagen nacheinander. Am dritten Lage sammelt er die Asche, streut dieselbe mitten in das Zimmer, legt sich darauf und schläft. Er zweifelt nicht, daß dann die Engel kommen und ihm im Lraum offenbaren, was er zu wissen wünscht. Die Karaiten in Jerusalem stehen unter dem Chacham Abraham Ha-Lewi. Ihre Sekte charaktensirt sich durch ihren Widerspruch gegen die rabbinischen Satzungen und den Talmud. Schon durch ihren Namen a) bezeichnen sie. sich, als solche, welche die heilige Schrift lesen und erforschen, und sich der mündlichen, von den Rabbinen gefeierten Überlieferung entgegenstellen. Ihr Ursprung geht wenigstens in, das achte Jahrhundert und in die Zeiten des Khalifats zurück^ „Ihr Aeußeres hat nie großes Ansehen gewonnen, sie haben nicht nach Reichthum und Glanz gestrebt; Handwerk, Ackerbau und Handel mit Lebensmitteln sind fast ihre ausschließlichen Erwerbszweige, die heilige Schrift nebst einigen Hilfswissenschaften ihr vorzügliches Studium. Ihr sittlicher Charakter ist nie angefochten worden". 2) Ihr Hauptsitz war Palästina; seit den Zeiten der Kreuzzüge zogen sie sich in andere Länder, und haben gegenwärtig im südlichen Rußland besonders in der Krim ihren Hauptaufenthalt. Missionär Ewald Lheilt uns ihr Glaubensbekenntniß mit, dessen zehn Artikel also lauten: 1. Alles was da ist, das Körperliche und Geistige, die ganze Welt und Alles, was darin ist, ist erschaffen worden.; 2. Es M ein Schöpfer und Nichts hat sich selber erschaffen/ 3. Gott ist einer; ohne Abbild, ohne Gleichen. 4. Er hat Mose gesandt, unfern Meister. / 5. Er hat uns durch Mose, unfern Meister, gegeben sein vollkommenes Gesetz. 6. Jeder Gläubige muß verstehen die Sprache des Gesetzes und seinen Sinn; die Schrift und ihre Auslegung. ' 7. Gott hat den übrigen Propheten die Weissagung gegeben. 6. Er wird auferwecken die Menschenkinder am Lage des Gerichts. 9. Er wird geben einem Jeglichen nach seinem Wandel und nach seinen Werken. 10. Er hat nicht verworfen sein gefangenes Volk, sondern dasselbe ist unter der Züchtigung Gottes, und soll hoffen auf sein Heil durch den Messias, den Sohn David. Aus der Auslegung, welche die Karaiten diesem Glaubensbekenntnisse. beifügen, geht hervor, daß sie den sechsten Artikel so verstehen, daß sie als das, von Mose gegebene Gesetz denselben Text anerkennen, den wir jetzt besitzen, sammt den Vokalen und Accenten, und daß sie zum richtigen Verständniß desselben das Studium der Grammatik und der Logik anempfehlen. Sie verlangen, im Gegensätze zu den rabbinischen Deuteleien, eine grammatisch-vernünftige Interpretation. In der Erklärung des zehnten Artikels wird gesagt, der Messias werde gewißlich nach Verlauf von 6000 Jahren, nach Erschaffung der Welt, erscheinen, vielleicht früher. Mehre Feste,, welche die rabbinischen Juden feiern, begehen die Karaiten nicht. Diese letzterk haben auch nur vier Fast- 1) Karaim, DWp. 2) Jost, israelitische Geschichte. 2, S. 219. tage im Jahre. Drei derselben sind zum Andenken an die Zerstörung von Jerusalem, und der vierte ist der große Versöhn ungsrag. Die rabbinischen Juden verachten und hassen die Karaiten, und betrachten sie — namentlich in Jerusalem — als ärger denn die Heiden. Anderwärts dagegen zeigen deutliche Spuren, daß dieser alte Haß im Abnehmen begriffen ist und gegenseitige Annäherung stattsindet. Im Ganzen befinden sich die Juden in Jerusalem in einem Zustande großer Verwahrlosung, doch regt sich auch unter ihnen in neuerer Zeit ein frisches Leben. Bon beiden wollen wir aus den Briefen Ewalds ein Beispiel anführen. Er schreibt: ich besuchte mehre jüdische Familien. In einer überaus elenden Hütte fand ich eine Anzahl Juden, welche mit einander ein einziges. Gemach bewohnen. Ich sagte zu dem Vater eines neunjährigen Knaben: Ihr solltet ihn zur Schule senden. Er antwortete mir, das würde er sehr gerne thun, aber es gebe in Jerusalem keine Schule, worin ein Kind etwas lernen könnte. Ich sagte ihm, wir würden bald eine errichten, und da möge er sein Kind dann senden. Er versprach es zu thun. Rabbi Israel hat in seinem Hause eine kleine Synagoge, wo sich einige von den Chasidim zum Gebete versammeln. Dieser Rabbi Israel ist ein außerordentlich gescheuter Mann. Er hat kürzlich hier eine Buchdruckerei errichtet mit zwei Pressen, welche achtzehn Arbeiter beschäftigt. Das Merkwürdigste ist aber, daß Alles, was dazu gehört, Hieselbst ist verfertigt worden unter Rabbi Israels Leitung. Die Lettern schneidet er selbst, und obschon das ganze Unternehmen noch in seinem Anfänge steht, so sind doch schon mehre jüdische Bücher aus dieser ersten Druckerei Jerusalems hervorgegangen. Deutschland. n Berlin, 31. März. Die im abgelaufemn Monat stattgehübte Einweihung der Nauen'schm Erziehungs-Anstalt ist bereits nach einer Mittheilung der Vossrschen Zeitung im Wochenberichte der Nr. 13 des Or. erwähnt. Es bleibt mir Nichts hinzuzufügen, als daß der Rabbinatsverweser Herr Oettinger bei dieser Gelegenheit eine deutsche Rede, gefolgt von einem hebräischen Gebete las, wobei wenigstens der gute Wille nicht zu verkennen war, sich den Forderungen der Zeit zu akkomodiren» In wie fern dieses Streben von Erfolg begleitet, ist hier nicht zu ewagen, so viel aber ist gewiß, daß der Wunsch unsrer Gemeinde, eine Repräsentation zu besitzen, die der. Wichtigkeit der Berliner Korporation angemessen sei, vollkommene Begründung hat. Es ist dasselbe Verhaltniß bei einem zweiten Anlässe um Vieles schlagender hervorgetreten, nämlich bei der feierlichen Grundsteinlegung zum Bau der längst intendirten Alter- Versorgungs-Anflalt (30. d. M.). Der Magistrat und die Stadtverordneten-Versammlung hatten Deputiere gesendet, der Oberbürgermeister Krausnick war selbst zugegen, und dennoch wußte sich die Gemeinde in diesem Falle nicht würdiger zu vertreten, als bei jeder andern Gelegenheit, so daß bei den hier gehaltenen Reden und Gegenreden, mit Ausnahme der herzlichen und sinnigen i

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