Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1843)
- Article
- Beleuchtung des Aufsatzes: Vorwärts oder Rückwärts in der Preußischen Judenemancipation
- Date
- 1843-04-11
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 Verhä'ltnißwidrige fallen -lassen, und dazu die Autorität leicht in der heiligen Schrift und dem Geiste des Talmud Nachweisen. Auch hierin wird das Bessere bald immer größere Anerkennung finden, wenn die Regierung nur ihren Schutz gewährt. Ich komme jetzt zu dem zweiten Theile ihrer Abhandlung, den zu machenden bürgerlichen Koncessionen, wobei ich um so kürzer sein kann, je ausführlicher ich die religiöse Seite beleuchtet habe. Sie scheinen durch ihre Schlußworte selbst anzudeuten, daß dem strengen Rechte nach, eigentlich vollkommene Gleichstellung erfolgen sollte, daß aber die Umstände eine Modifikation fordern, so verstehe ich wenigstens die Worte, möge hiermit die richtige oder vielmehr die ausführbare Mitte getroffen sein. ' ' Diese Umstände können zweierlei Art fein', entweder find die Juden noch nicht reif zur vollkommnen Emancipation, oder besorgt man von der Bevölkerung Unzufriedenheit. Die erstere Behauptung findet ihre schlagendste Widerlegung in Frankreich, Holland, Belgien und Hessen; daß aber die preußischen Juden in keiner Beziehung den der obengenannten Länder nachstehen, wird kein vernünftiger Mensch bestreiten. Es kann also nur das Bedenken der Unzufriedenheit Seitens der christlichen Bevölkerung als hindernd der vollkommnen Gleichstellung entgegengesetzt werden. Wir wollen die Frage nicht auswerfen, ob die Rechtspflege, denn im Grunde fordert jeder einzelne Jude sein Privatrecht, von dem Beifall oder Tadeln der Menge abhängen darf; lassen Sie uns aber sehen, was es mit dieser Besorgniß' zu sagen hat. Als 1817 blondes Haar, blaue Augen und ein Bärenfell als ausschließendes Attribut des Deutschthums ausgestellt wurde, begann der erste Kreuzzug gegen die schwarzgelockten Juden, die auf den freiem Gauen und Auen nicht geduldet werden sollten. Das Hep, Hep, durchflog wie eine Influenza das deutsche Vaterland, und seitdem haben Philosophen und Staatsmänner, Volksvertreter und Minister nicht aufgehört, die abstrusesten Behauptangen aüfzustcllen, um Entschuldigung für das versagte Recht zu finden; das Volk aber hat zu gesunden Sinn, um dauernd dieser eingeimpften Krankheit zu unterliegen! Sehen wir uns doch um, wie es auf dem Markte aussieht, wo tritt denn die Feindschaft gegen den Juden in einer That hervor? Des Königs. Majestät hat einen Juden zu seinem Hofschloffer, einen andern zu seinem Hofinstrumenrenmacher ernannt; bei dem feierlichen Aufzuge der Gewerke in Breslau zur Einholung der Majestäten, war ein jüdischer' Tischler mit seinen 40 Gesellen im Zuge, in Cosel, in Obecschlesien, führt ein jüdischer Maurermeister tüchtige Werke auf: hören wir irgendwo, daß Gewerbsgenossen und Gesellen Feindseligkeiten gegen diese Leute begehen? Aber auch für höhere Stellungen schenkt das Volk den Juden Vertrauen, das geht aus den Wahlen zu Stadtverordneten, Magistratalen und Schiedsrichtern hervor, die entschieden häufiger erfolgt wären, wenn nicht von Amtswegen Einhalt dagegen geschehen. Ich könnte Fälle namhaft machen , wo Christen, die put Juden im Proceß waren, die Entscheidung des Rabbiners forderten, und sich damit zufrieden gaben. Und sollte denn das preußische Volk auf einer niedriger» Bildungsstufe stehen, oder wähnt es sich christlich frommer zu sein, als das holländische, das belgische und der brüderlich deutsche Hessen? Gewiß nicht! Es erkennt vielmehr vollkommen das Recht der Juden an und in dessen Versagung klar die Gefahr für sein, eigenes; es ahnet, richtig, daß es den Rang unter den Juden, der ihm angewiesen werden soll, sehr Lheuer wird erkaufen müssen durch die Unterordnung unter ....... Wie würde sonst die allgemein Laut gewordene Sympathie zu erklären sein. Der verständige Bürger hat Längst einsehen .gelernt, daß die Konkurrenz des jüdischen Mitbürgers keine Gefahr droht, in eine ganz andere Sphäre der Gesellschaft hingegen, hat sich eine Art Gespensterfurcht eingeschlichen, Geespenster aber schwinden vor dem Licht der Sonne, und dieses Licht, wir wollen dem Propheten glauben (Ies. 21» 12): der Wächter ruft, der Morgen kommt, wenn auch es Nacht ist, wird auch nicht ausbleiben! Ihr. 41. Deutschland. Aus dem Bübischen, 25. Marz. Wenn gleich auch in unserem Vaterlande die völlige bürgerliche Gleichstellung der Israeliten der Sanktion von Seiten der legislativen Faktoren noch immer entbehrt, so entwickelt sich nichts desto weniger durch das rege Streben der Israeliten selbst, mit der geistigen Entwickelung ihrer christlichen Mitbürger gleichen Schritt zu halten, und durch das Sympathisi'rm für alle Institute, welche die sittliche und intellektuelle Fortbildung zum Zwecke Haben, immer mehr in dem Sinne unsrer Mitbürger selbst die Anerkennung der Gleichberechtigung der Israeliten. Zwei neuere Erscheinungen zeugen' hiervon augenscheinlich. Vor einigen Jahren entstand nämlich in unserem Vaterlande ein Verein zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder. Dieser fand einen solchen Anklang auch bei Israeliten, daß die Direktion sich veranlaßt sah, an den Großherzoglichen Oberrath der Israeliten zu schreiben, die Kollekte für den neu gegründeten Verein habe bei den Israeliten einen solchen guten Erfolg gehabt, daß man sehnlichst wünsche, sich dankbar zu beweisen, man schlage daher vor, im Einverständnisse mit jener Behörde, eine den Mitteln des Vereins angemessene Anzahl von Israel. Kindern, die sich im Uebrigen nach den Vereinsstatuten zur Versorgung qualift'cirten, bei unbescholtenen Glaubensgenoffen unterzubringen und für deren sittliche Veredelung und weiteres Fortkommen Sorge zu tragen. Das Anerbieten ward denn auch in der That realisirt. Der Gcoßherzogliche Oberrach, der keinen Moment unbeachtet laßt/ der zur sittlichen oder bürgerlichen Hebung 15 *