Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-03-07 · Heft 10 (7.3.1843) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 10 (7.3.1843)
Article
Hamburg: Wochenbericht ...
Date
1843-03-07
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360267-2368623--3074-2368655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 74 - die in Deutschland leider noch so sehr Pravaliren. Außerdem würde es selbst die kleinste Gemeinde Deutschlands für einen. Beweis mangelnder Liebe ihres Geistlichen zu sich ansehen, wenn er, einen sichern Besitz in die Schanze schlagend, nach einer erweiterten Berufs sphäre trachtete. Würde man nicht bei ihm eine Unzufriedenheit mit seiner bisherigen Gemeinde voraussetzen und wie würde er im. Stande sein, dieses Mißtrauen wieder zu versehen, chen, wenn er unverrichteter Sache zurückkehrte? Meines Dafürhaltens würden die meisten deutschen Rabbiner gleich dem großen Casar, lieber die Erben in einer kleinen Stadt bleiben, als die zweiten, dritten u. s. w. in London — nicht werden -— sondern als solche erschienen sein wollen. — Aber schriftliche Unterhandlungen, wird man sagen, können ja noch weniger Garantien geben und den .Termin der Entscheidung acl calendas graecas hinausschieben. Wohl wahr, wenn nicht eben erst alles Unwesentliche vorher ausgeschieden und jeder nicht Stich haltende Bewerber beseitigt werden sollte, ehe jene Unterhandlungen beginnen. Es ist daher vor Allem dahin zu streben, daß die Londoner Wähler ,sich über die Punkte einigen, welche sie als Norm für die Bewerber feststellen wollen, um von vorn herein den Weizen von der Spreu sondern zu können. Die Punkte müssen sicher paragraphirt sein und von keinem derselben darf um eines Haares Breite abgewiechen werden..-— Wir erlauben uns, Beispiels halber und mit Uebergehung aller. Namen und Anspielungen auf bestimmte Persönlichkeiten hier die Hauptrequisite eines Londoner Rabbiners, wie wir ihn uns denken, zusammenzustellen. Zuvörderst muß bevorwortet werden, daß alle und jede. Vettecschaft, alle und jede ofsiicielle Empfehlung, aller und jeder ungehörige und besonders aufdringliche Einfluß von Außen her, endlich jede niedere und einseitige Parteirücksicht vor den Augen der Wähler wie Seifenblasen zerplatzen muffen und. sicher auch dies Schicksal bei einem so entschieden englischen, d. h. stolzen, selbstbewußten, innerlich religiösen Charakter, wie er den. Juden des. großen Jnselreiches ausgeprägt ist, haben werden. Was aber nicht fehlen darf, ist ein männlicher, kräftiger Sinn des künftigen Londoner Rabbiners, damit er nicht innerhalb einer Partei oder, was noch schlimmer wäre, zwischen den Parteien — von ihnen gegängelt oder bald hierhin, bald dorthin gezogen, -— sondern über denselben seine Stellung einnehme und behaupte. Ein deutscher Rabbiner, der das Terrain in England kaum vom Hörensagen kennt — und bei wem träte dieser Fall nicht ein? — muß ein charakterfester, nicht schmieg- und biegsamer, seiner Autorität und den Anforderungen der Religion, nicht das Mindeste vergebender, die Gemeinde unter einander, wie mit her Regierung in einem angemessenen gegenseitigen friedlichen. Verhältnisse erhaltender Mann sein. Er muß jeden Fortschritt der Staatsgesetzgebung mit aufmerksamem Auge verfolgen, um die dem Judenthum ersprießlichen Elemente und Consequenzen desselben für die Gesammtheit der seiner Obhut anvertrauten religiösen Gemeinschaft ausbeuten zu können. Aber er muß auch einem unversöhnlichen Kampfe mit dem Missionären, ihren Protektoren und ihren Schützlingen, gewachsen sein. — Wer wollte längnen, daß ein, seinen Beruf in diesem Sinne begreifender und handhabender Rabbiner keineswegs auf Rosen gebettet ist? Ihm liegen hohe, gewaltige Verpflichtungen gegen die Angehörigen seiner Gemeinden, gegen die Juden Großbritanniens, Irlands und der außereuropäischen Colonieen, Verpflichtungen gegen die Juden fremder Länder, auf welche die englische Gesetzgebung, wenn auch erst nach Decennien, influiren kann, Verpflichtungen endlich gegen seine Religion, gegen ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ab. — Sollte da die Wahl nicht sehr schwer, oder vielmehr, da diesen ersten und unerläßlichen Anforderungen nur Einige der jetzigen Rabbiner Deutschlands genügen werden, eine sehr leichte sein, da es sich — was freilich wieder eine relative Schwierigkeit involvirt — dann vielleicht um die definitive Entscheidung zwischen nur zwei oder drei Candidaten handeln dürste. Aber gesetzt auch, man hätte eine sichere Gewähr für die Charakterfestigkeit mehrerer Candidaten,. so kommen doch andere Ansprüche hinzu, die nicht jeder von ihnen erfüllen kann. Dahin gehört vor Allem die Kenntniß des Englischen. Wir meinen nicht,, ein deutscher Rabbiner solle als vollendeter Englishman in London erscheinen und dann in fließendem korrekten Englisch eine Probepredigt halten; aber er muß so viel vom Englischen mitbringen, daß er binnen Jahr und Tag eines lebendigen Ausdrucks seiner Ideen mächtig ist. Aber schon beim Antritte seines Amtes muß er die . Sprache so weit handhaben können, um in verständlichem Englisch die Unterhandlungen mit den Vorstehern der Gemeinden, mit der Regierung und mit den Parteien in Gerichts- und Ehesachen, wie in rituellen Fällen führen und Casualreden halten, so wie Gutachten ertheilen, Responsa geben und^Correspondenzen einleiten zu können. Je besser er im Englischen von Anfang an bewandert erscheint, desto, mehr "Zutrauen zu ihm, ja, um ein hier besonders anwendbares Wort zu gebrauchen, desto mehr Respekt vor ihm werden^ alle ihm nahestehende oder nähertretende, kurz alle mit ihm in Berührung kommenden Personen haben und desto schneller wird seine Wirksamkeit eine anerkannte und gesegnete werden. Fragen wir uns dagegen: was soll aus einem Deutschen werden, der mit den Personen, Zuständen, Lokalitäten Englands unbekannt, in eine fremde, geräuschvolle, geschäftige, mäkelnde Welt tretend, der Landessprache unkundig ist? Muß der nicht für Jahre, vielleicht für immer alles Credits bei der großen Masse entbehren und, da ihm die Möglichkeit eigener Anschauung und selbstständigen Urtheilens fehlt, fremden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.