Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 7 (14.2.1843)
- Article
- Politische Literatur [Rezension]
- Date
- 1843-02-14
- Page
- Spalte 109-110 (sequence 1)
- Language
- German
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109 Politische Literatur. Die Juden in Oesterreich :c. v. Schirnding. 110 Politische Literatur. Die Juden in Oesterreich, Preußen und Sachsen. Ihre allgemeine Stellung, ihre Rechte, Forderungen.und Wünsche mir legalen Nachweisen v. Ferdinand Graf Schirnding. 1842. 8. Leipzig bei Volkmar. Die politische Muse des Pseudostaatsmanncs hat ein Narvenei ausgebrütet, und das Küchlein, das daraus hervorgegangen, pickt mit seinem Gelbschnabel wieder an den Juden herum, wie sein Bruder in der österreichischen Revue lächerlichen Andenkens) mit dem einzigen Unterschiede jedoch, daß rs sein liebevolles Herz erweitert, dcrßjes, so. zu sagen, kosmopolitisch suhlend statt der bloßen Juden in Böhmen nun auch die Oesterreichs, Preußens und Sachsens in sein Bereich zieht. Zwar um aufrichtig zu gestehen, die Juden der übrigen österreichischen Provinzen siguriren mehr auf dem Titelblatte, in der Broschüre selbst werden die Galiziens in nicht vollen 4, Die Mährens, Schlesiens, Ungarns und Italiens alle zusammen auf nicht vollen 2 Seiten abgefertigt. Wer daraus nicht die allgemeine Stellung, die Rechte, Forderungen und Wünsche der dortigen Juden kennen gelernt, wie man 'es dem Titelsversprechen nach erwartet, der beschuldige den Hr. Grafen nicht) denn wo der Autor nichts weiß, da hat das Publikum sein Recht verloren. Wir ersuchen auch den Leser nicht mit dem Grafen zu grollen, ob des gänzlichen Mangels an geistreichen Reflexionen, scharfsinnigen Ideen, gründlichen Raisonnements und durchdachten Urtheilen) dieß würde von einem ätzenden Verstände zeigen, den Hr. Schirnding an den Juden so sehr tadelt, .und von dem bei ihm auch in der That kerne Spur zu finden ist. Dafür wird der Leser aber durch eine reichliche Fülle unfruchtbaren Geschwätzes, thörichter Befangenheit , heuchlerischer Schaukelworte und schlecht verborgener Bösmüthigkeit vollkommen entschädigt. Es wimmelt in diesem Machwerke von Täuschungen, Verdrehungen, Verfälschungen, von kecken Lügen und frechen Verläumdungen, und dennoch muß man zu des Grafen Ehre sagen: 11 est plus btite que mechant, Es ist daher wohl nicht, der Werth der Schrift, der uns zu einer Anzeige veranlaßte, eben so wenig wie die Persönlichkeit und Stellung des Verfassers, da wir unter dem falschen Aushängeschilde eines Staatsmannes den Exgubereiallandtagschreiber immer wohl herauszusrnden wußten, aber wir heben den Fehdehandschuh deßhalb aus, weil ein vor zwei Jahrzehnten in's Leben gerufen,die wissenschaftliche Bildung der Rabbiner strenge gefordert — und soweit in der kurzen Zeit eines Vierteljahr-Hunderts diese Pflanzungen Früchte in dem Geiste, der Masse Hervorbringen konnten, soweit wurden diese Früchte zur Einführung nicht unbedeutender C ultusreso rmen benutzt. Dieses Streben findet auch nicht nur die Billigung scimmtlicher Staatsbehörden, die insgesammt unsrer Oberkirchenbehörde das vollste Vertrauen und die vollste Anerkennung schenken, sondern auch die bei Weitem größte Mehrzahl der Israeliten unsres Landes ist mit dem Wirken des fraglichen Collegiums völlig einverstanden, eben weil dessen Tendenz die Berücksichtigung des Volksgeistes ist. Eine Allgemeinhet der Anerkennung im strengsten Sinne ist freilich bei so heterogenen Anforderungen für eine charaktervolle Behörde eine reine Unmöglichkeit, und wird daher nie und n i r g e n d s erzielt) daß vielleicht aber einigen Ungeduldigeren und Excentrischen im Lande das Wirken des isr. Oberraths nicht genügen mag— Das gereicht jener Behörde gewiß nur zur Ehre. gänzliches Stillschweigen der böhmischen Juden zu ihrer Verunglimpfung durch einen Landsmann, leicht als eine Gleichgültigkeit gegen ihr Interesse, gegen ihre angetastete Ehre oder als Verachtung der öffentlichen Meinuug gedeutet werden könnte. Darum blos entschlossen wir uns, und nur mit Widerwillen, Zum Kampfe mit dem in der Niedrigkeit seiner Gesinnungen, in dem Schlamme sich behaglich wälzenden ersten böhmischen Judenfeinde. Wir wollen das Gewebe mächtigen Truges in allen seinen Fäden, nach allen seinen Richtungen verfolgen und ans Tageslicht ziehend Aber wo finden wir den Plan, wo die Ordnung um unseren Verfasser in seinen Jrrgängen aufsuchen zu können? Wir sehen uns vergeblich danach um; allenthalben nichts als ein Chaos, ein unentwirrbarer Knäuel von unverdaueten Gedanken. Die Gehässigkeit ist der einzige Zusammenhang in dem sonstigen Gewirre von heterogenen Dingen und selbst grellen Widersprüchen. Die mittelalterlich rostige Angel, um die sich die ganze Broschüre dreht, ist der alberne Gedanke, daß die bürgerliche Gleichstellung der Juden die Gestaltung derselben zur Handelsklasse nachsichziehen werde. Da dieß - gleichsam das Fundament des ganzen gräflichen Gebäudes ist, das Hauptgeschütz, mit dem er alle jüdische Hoffnungen zu zerschmettern droht, so wollen wir uns die Mühe nicht verdrießen Lassen, seinen Gehalt etwas näher zu prüfen/ Mit der Emanzipation der Juden fürchtet der Vers, würde der Handelsgeist prävaliren, und wohin dies führe, zeigt Irlands verhungertes Volk. Abgesehen davon, daß es sehr wunderlich klingt, im Gegensatz mit den berühmtesten Staatsmännern, einen blühenden Komerz für ein Staatsübel zu erklären, einen lebhaften Waarenumsatz und reichen Produktenaustausch für einen Nachtheil des Landes zu halten) abgesehen davon, daß in Irland nicht der Handel, sondern das Maschinenwesen, das den Arbeiter fast ganz entbehrlich macht, die riesige Kluft zwischen arm und reich durch den Mangel eines beträchtlichen Mittelstandes, vorzüglich aber die zu mächtige Grundherrnaristokratie, die den Grundbesitz des ganzen Landes unter sich, in wenige Hände gebracht hat, daß diese also die ganze Schuld seines Elends tragen; von dem ganz abgesehen, ja sogar angenommen, der Handelsgeist wirke höchst schädlich, fragen wir nun den Hr. Grafen: Ist das verharren in der Ausschließung der Juden die kräftige Arznei gegen jenes Uebel? Ist das Gespenst der Intoleranz die rechte Macht, den Handelsgeist zum Weichen zu bringen? .War es denn nicht eben die Entziehung jedes andern Gewerbes, die Versperrung jedes andern Nahrungszweiges, die den Juden den Handel aufz-wang? Wir fragen ferner: Ist es die Taufe, die den Handelsgeist läutert und ihm seine schädliche Substanz benimmt, so daß der damit Behaftete nun ohne alle Gefahr der allgemeinen Bürgerrechte theilhastig werden kann? Und wir können nicht umhin auch noch die Frage zu stellen: Wäre es nicht folgerichtig, der ganzen christlichen Kaufmannschaft, dem ganzen löbl. Handelsgremium aller Orten die Bürgerrechte sanünt und sonders abzusprechen, ja sie sogar allen Einwohnern des großen Albions streitig zu machen? Aber die Juden waren ursprünglich ein ackerbauendes Volk, waren, dem Handel fremd, und wurden erst in den Zeiten des Drangsals, wo man ihnen alle, andere Erwerbsmittel verschloß, von den Christen gewaltsam in diese Bahn gedrängt. Dieß sagt die Geschichte. Werden daher die Scheidebarrieren einst ausgehoben, die Juden den andern Landsbewohnern gleichgestellt, ihnen jede Erwerbspforte eröffnet, der freien Wahl ihres Berufes kein Hinderniß in den Weg gelegt, so werden sie sich, ebenso wie die Christen, den verschiedenartigsten Laufbahnen zuwenden, und sich nicht mehr ausschließlich dem Handel widmen: so folgert der gesunde Menschenverstand.