Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 4 (24.1.1843)
- Article
- Immanuel
- Date
- 1843-01-24
- Page
- Spalte 61-62 (sequence 3)
- Language
- German
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61 Immanuel. Biograph, und literarhistorische Skizze. Won M. Sider. 62 Gleichzeitig mit dem ersten, nahmhaften italienischen Dichter und Begründer des musikalischen Liniensystems, Fra Guittone von Arezzo (st. 1295), verpflanzte er die Form der altproven^alischen Son nette auf italischen Boden. Die schönsten, in sich abgerundeten Gedichte der Mechab. sind in dieser Sonnettform geschrieben,, und haben rima ehiusa in beiden Ouadernarien, rima alternata in den Serzinen Aber auch an eigener Erfindung fehlte es ihm nicht93). Sich vergleichend mit Juda S i c i li a n o, dem Reimkünstler und Lehrer von Profession, schreibt er diesem einen geringen Vorzug im Schir, sich selbst einen bedeutenden in-der Meliza zu (S. 117). — In seiner satyrischen Epistel an Io ab (oben §. 10) stellt er diesem die grammatische Correktheit seiner eigenen Poesien als Muster hin (S. 78). — Die 11. M. enthält: 2 panegyrische Episteln, deren erstere durch Zweideutigkeit oder geringfügige Aenderung der Worte, die andere, Wort für Wort rückwärts gelesen, in kaustische Satyre Umschlägen; ferner einen Brief, wo jedes Wort ein Eigenname aus der Bibel ist, dessen hebräische Bedeutung den aufgegebenen Inhalt des Briefes — freilich mitunter etwas gezwungen — verständlich macht. In der Lobschrift auf Juda Romano (M. 12) bilden die Anfangsworte einer jeden Periode zusammengelesen wieder die erste Periode. Diese, und solcher beliebten rhetorischer Künsteleien mehr, sind Nachahmungen Charisi's und seiner Vorgänger. Immanuels Styl im Allgemeinen ist kunstreicher, eckiger, aber zugleich gewandter als der 'Charisi's. „Wie der Lehm in.der Hand des Bildners", so ist die Sprache gefügig aus dem Munde dieses Meisters. Die schon bei Eharisi häufigen Wortspiele, musivisch eingelegte Phrasen aus der Bibel, aus den gewöhnlichen Gebeten^), den Werken derHalacha und Hagada, und ganze, aus dem Zusammenhang gerissene und in ihren Gegensatz verwandelte B i b e l st e l l e n finden sich bei Immanuel noch häufiger, ja bis zur unangenehmen Reminiscenz und Wiederholung, und sogar absichtlichen Parodie der Bibel und ihrer Exegese. Aber wie oben (§. 11.) angedeutet, läßt sich hieraus durchaus nicht auf ein geringeres Ansehen der heiligen Schriften bei Immanuel schließen. Die Kraft des Komischen liegt ja eben in der Schärfe des Gegensatzes, und das Wesen der Parodie in Anwendung der Form des Höhern, Heiligen, auf den niederen Inhalt. Wenn aber die Profanation des Bibelworts zu einer Anklage berechtigt, so ist diese nicht gegen Immanuel zu richten, der nur seinen allgemein ge- 92) Delitzsch S. 144. 93) n " ->.1 n n i d ’ -i d j n np-wn.. 'rbzb mv’ nj>m fiNn bn i;o:n ab -ie/n ow-Djjn Iw-wn vbib ddn’ ow bsi. (S. ii.) 94) Ihre Phrasen werden stereotyp im poetischen, wie im philosophischen Neuhebraismus (worüber vgl. LB. 1842. Nr. 12 fl). Die Beispiele hier anzuführen, reicht der Raum nicht aus. feierten Vorgänger Charifi überbot, während dieser es seinem w u h amm ed a ni sch en Vorgänger zuvor thun wollte, weil es eine Ehrenrettung der hebräischen Sprache und Dichtung vor der arabischen galt. Auch muß man nicht außer Acht lassen, daß der hebräische Dichter den klassischen Sprachstoff nur in einer religiösen Literatur vorfand, und die direkte Beziehung auf diesen oft nur uns, den kritischen Beschauern, vorschwebt95), wie Immanuel auch, christliche Phrasen als z. B „im Schooße Abrahams — unb S a ra's (S. 212. 216) — deren Ursprung freilich ein jüdischer — gebraucht. Wahr ist es, Immanuel der Dichter äußert im Vergleich mit Charisi auffallend wenig, fast gar keinen jüdischnationalen Sinn. Er hatte die hebräische Sprache gepflegt, weil Erziehung, Herkommen oder Mode ihn dazu angeleitet; er hatte hebräisch gedichtet aus dem Drang der poetischen Natur, der wohl kein anderes Organ zu Gebote stand 96); und stellt nur die hebräische Poesie so hoch, weil in ihrem Glanz der seine widerstrahlt. Ist nun seine Üppigkeit und Frivolität durchaus eine unj irdische zu nennen, so ist es doch zu viel, ihn den „jüdischen Aretino", seine Mechab. einen „Pendant" zu Stiftern und Isolde" zu schelten^7)z weit eher möchte man einen Vergleich mit dem Decamerone des Bocaccio zuläßig finden. Wie aber Immanuel in Italien, wo bis dahin die jüdische Leier fast nur heiligen Klängen geweiht war, sich bis zu einer, an Heidenthum grenzenden, Frivolität verlieren konnte — das hat der aufmerksame Leser aus den früher eingestreuten Bemerkungen über sein Verhälrniß zu den Spaniern und Provencalen, seine Stellung im Kreise der Wissenschaft und zur Zeit der neuerwachenden italischen Kunst bereits hinlänglich motivirt gefunden. — Immanuel ist der einzige aller uns bekannten jüdischen Poeten, der sich von der seiner Nation angebornen Züchtigkeit und Demuth so weit entfernt, und ein Anathema nicht ganz unverdient ertragen mußte. Allein wir kennen ja nur Immanuel, den jovialen Dichter; wäre es uns gegönnt, Immanuel den scharfsinnigen und gelehrten Ex eg et en eben so genau zu kennen: wir dürsten uns vielleicht bewogen fühlen, diesem abzubitten, was wir jenem etwa zu viel gethan. Doch das Bewußtsein, nach Einsicht und Kräften geforscht und geurtheilt zu haben, entschuldige uns bei ihm, wie vielleicht bei manchem Leser, dem wir in unsrer Arbeit zu wenig, oder auch zu viel gethan. 95) Aehnliches bemerkt in Beziehung auf D a n t e: Blanc gegen Kopisch A. L. Z. 1842. Nr. 34. Col. 270. vgl. Delitzsch S. 169. K rafft: jüd. Sagen S. 206—10. 96) fl oben Anm. 93. 97) Delitzsch: S. 53. 87. fl unsere: Liter. Rundschau, LB. 1841. Nr. 17. Anm. 31.