Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 3 (17.1.1843)
- Article
- Immanuel
- Date
- 1843-01-17
- Page
- Spalte 39-40 (sequence 4)
- Language
- German
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39 40 Immanuel. Biograph, und literarhistorische Skizze. Von M. Sider. nen Lebzeiten ihm Haß und Feindschaft zugezogen haben? Wie wenn seine Satyre (man denke an Ioab), seine Studien, seine Freisinnigkeit und Frivolität im Denken und wohl auch im Handeln diese zu thätlicher Verfolgung reizten? — Erfindet im Paradiese (S. 263) die Frommen aller Völker (denen bekanntlich auch der orthodoxeste Jude nicht den Himmel verschließt), die aber alle einander bekämpfenden Religionen durchforscht, und den überlieferten Glauben ihrer Väter verlassend, nur das b e i b eh a l t e n, w o ri n d i e Weisen aller Nationen üb er ein stimmen!' Er besucht mit dem Mäcen eine christliche Kirche und den Kirchhof, und dieser bedauert, daß wir-Juden nicht auch in unfern Bethäusern und auf Leichensteincn Sitrensprüche u. dgl. anbrächten (!); worauf freilich Immanuel solche auf allen Leichensteinen der Rabbiner rc. in den fernen von ihm bereisten Gegenden gesehen haben will! (S. 191). Mögen die frivolen Farben seiner Gedichte nicht gerade aus seinem eigenen Leben gegriffen sein; so mußten sie doch der angestammten jüdischen Züchtigkeit selbst im Gedicht zum Aerger dienen. Wohl scheint seine Lebens- und auch seine Dichtungsweise, wie natürlich, im Alter eine ernstere Richtung genommen zu haben und er nennt sich fast einen büßenden Greis (S. 43. 126. vgl. S. 35 und den Schluß des Gedichtes in der Vorrede); aber wer weiß, ob nicht eben jene äußeren Umstände diese Umkehrung hervorriefen? Die Stellen der Mechab., wo er über häretische Bücher (S. 10), Ungläubigkeit (S. 11), Uebertretung des Ceremonialgesetzes (S. 12) eifert, oder gar Askese empfiehlt (128), gehören alle dem Alter an. Nur Jovialität ist unzertrennlich selbst von dem Greis, und da er als solcher ins Paradies tritt, erschallt es bis in die Ferne: „Immanuel ist da! Es ist Zeit zu lachen! (S. 265. vgl. S. 90). Wie lan ge nun Immanuel bei seinen Protektor in Fermo blieb? ob er dorr seine Mechab. vollendete? Aus der Vorrede, so weit wir dieselbe oben mitgetheilt, geht nur mit Sicherheit hervor, daß er sich dort ans Werk gemacht 3*), der Rest derselben (S. 2) schließt sich schon an die rhetorische Einkleidung der Mech., wo natürlich das Zusammenleben und Dichten mit dem „Fürsten" festgehalten sein muß, ohne daß aus den auf ein längeres Zusammensein hindeutenden Phrasen zu Anfang und Ende der einzelnen Mech. (12. S. 105; 16. S. 133; 21. S. 191.; 22. S. 198) etwas mit Zuverlässigkeit gefolgert werden könnte; sowie andrerseits auch den angeblichen Trennungen nicht viel zu 75— angef. bei Zunz, Anal. 6. Anm. 70) zu berichtigen glaubt, indem er R. I. Karo substituirt. Allein jener schreibt Schalschelet Ha-Kadbala, und dieser vielleicht dem Verf. das sprr •nyitf, R. Jizchak de Lattes nach'; oder (nach Dukes: Ehrens. S. 50) nach der Aeußerung des Moses B. Isaak Rieti (s. oben Anm.76); den schon Immanuels Satyre und Frivolität veranlassen, ihn aus dem Himmel zu streichen! 84) Vgl. Jost a. a. O. S. 364. trauen ist. Zwischen der 3. und 4. Mech. läßt er eine Zeit von 10 Jahren (!) verstreichen, wo er wegen des von-ihm verursachten Todes der Schwester des Mäcen in einer Art von selbstgewählter Verbannung lebt (vgl. M. 17. Ende). Am Schluß der 24. M. findet sich ein förmlicher Abzug nach langem, durch Freundschaft verkürzten Zusammenleben; aber die 25. und 27. M. erzählt aus dem gemeinschaftlichen I uge udleben (!) u. zw. letztere zu Viena (ruwn); die 26. einen Spaziergang im Alter. Von einem Aufenthalt an andern Orten ist nur wenig noch die Rede. In Perugia läßt er die nach Rom bestimmte Bücherkiste erbrechen (s. oben §. 6.). — In der Stadt Ancona liegt er am Fußschmerz (208), von dem, so wie von einer Krücke (S. 126) noch sonst die Rede ist, (z. B. 121) und als dessen Grund vielleicht das ungewohnte Umherwandern anzusehen ist. Im Namen der dortigen Gemeinde schreibt er einen unübertrefflich sarkastischen Brief an die Gemeinde Rom's, welche allen ihren auswärtigen Brüdern unter Androhung der Ausschliessung befohlen, die Steuer bis zu einem bestimmten Termin abzutragen, ohne der Armuth zu schonen. In welche Zeit Immanuels Aufenthalt an diesen Orten falle, — vermögen wir nicht zu entscheiden, so wie überhaupt Ort und Zeit seiner wirklichen Einkehr in das Paradies uns unbekannt ist. (Beschluß folgt.) Nekrolog. Salomon Hirschel, geb. 10. Schebat 1761. — — ge st. 31. Octbr. 1842. Rabbi Satomon Hirschel wurde in London am 10. Schebat a. in. 5522 1761 geboren. Sein Vater, bekannt als R. Hirsch Berliner, war damals Oberrabbiner der Great Synagogue. Doch vertauschte ec diesen Posten gegen die Oberrabbinatsstelle zu Berlin, zur Zeit als sein Sohn S. 4 Jahre alt war. Einige behaupten , daß mehr als 20 Oberrabbiner aus dieser Familie hervorgingen; der Ehacham-Zebi war von den Vorfahren mütterlicher Seite des R. Sal., und sein Großvater war Rabbiner zu Amsterdam. — Da um jene Zelt der Geist des Jahrhunderts in die Mitte des Judenthums-weder eingedrungen war, noch wegen der vielfältigen Schwierigkeiten, die dem mit den Wissenschaften sich zu befreunden strebenden Juden entgegengesetzt wurden, eindringen konnte, so wurden natürlich die Geisteskräfte unseres R. Sal. blos' auf den Talmud und dessen zahlreiche Kommentatoren gerichtet. Seine ausgezeichneten Geistesanlagen begünstigten die raschen Fortschritte in diesem Studium, und der Talmud trug nicht wenig zur Ausbildung seines Verstandes bei. Uebecchaupt wird Jeder, der nur einigermaßen die rabbinische