Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1843)
- Article
- Altona: Der neue Tempel in Hamburg
- Date
- 1843-01-17
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 kobson in Braun schweig, ein sehr wohlwollender und einflußreicher Mann, beherzigte besonders diese Idee und suchte sie mit enormen Kostenaufwand zu realisiren. Won äußerst bigotten Eltern -geboren, und in einer der orthodoxesten Iudengemeinden Deutschlands (zu Halberstadt) erzogen, hegte er noch immer Vorliebe zu den synagogalen Gebräuchen, während er bereits durch den Umgang mit Großen und durch die Frequenz hochgebildeter Gesellschaften eines andern belehrt ward. Zwilchen zwei Extremen schwebend, suchte er eine Mittelstraße. Die Reform der Synagoge durchdrang mächtiglich seine Seele und wurde Gegenstand seiner ernstlichsten Beschäftigung. In Seesen, einem kleinen Braunschweigschen Städtchen, wo er früher bereits eine bedeutende Freischute aus seinen eignen Mitteln fundirt harte, ließ er einen Tempel bauen, worin der Gottesdienst zwar nach dem alten Ritus, aber mit Choral-Gesängen und Orgelbegleitung,, und mit Haltung deutscher Predigten eingeführt wurde. An dem Formalen der Liturgie wurde wenig geändert, blos die um ewige Rache schreienden Nebengebete abgeschafft. Bei dem Einflüsse, den Jakobson als reicher sehr wohlthätiger Mann hatte, und bei dem Ansehen, dessen er als Präsident des israelitischen Consistoriums, wozu ihn die damalige Westfälische Regierung ernannte, sich erfreute, wagte es Niemand eine Stimme gegen ihn zu erheben^ Nach der Befreiung Deutschlands von der französischen Occupation wählte Jakobson Berlin zu seinem Wohnorte. Hier fand seine Reformations- Idee besonders vielen Anklang, gelehrte und angesehene Männer vereinigten sich mit ihm, und der Gottesdienst wurde in einem Privathause nach der Art wie im Tempel zu Teesen von einem zahlreichern Publikum gehalten. Schon ward auch hier ein Tempel von größerm Umsange zu diesem Ende vorbereitet, als die bigotten Gegner ein lautes Geschrei dagegen erhoben , und — der Tempel wurde auf Befehl der Regierung geschloffen. — Nichtsdestoweniger gewann das Verlangen nach einem reformirten Cultus an Ausdehnung, und in mehreren großen jüdischen Gemeinden, als in Wien, München, Fürth, Prag, Töplitz, Kopenhagen, Arad, Dresden rc. wurden bedeutende Verbesserungen in der Synagoge vorgenommen. Einen ernsten Charakter aber nahm die Reform in unserm liberalen Hamburg an. Von einer weisen Regierung geschützt, hatte man weniger das Toben einer blinden Opposition zu fürchten, hatte also nicht nöthig, auf halbem Wege stehen zu bleiben. Hier bildete sich (1819) ein Verein von wackern sachkundigen Männern, die es nicht nur bei Reformirung der äußerlichen Einrichtungen bewenden ließen, sondern zugleich auch Abänderungen in der Liturgie selbst machten, und besonders diejenigen Stellen darin wegließen oder abanderten, die ein ewiges Geschrei um Rache und um baldiges Hinkommen nach Jerusalem, woran doch kein andächtiges Herz denkt, enthalten. Obgleich die wissenschaftlich gebildeten Verbesserer mit ruhigem' Gewissen die Collision nicht zu scheuen hatten, worin ihre Umbildung der Gebetssormeln mit den Vorschriften des Talmuds kommen dürste (da der Talmud für den wahren unbefangenen Israeliten durchaus keine absolute Autorität hat), so wollten sie es doch nicht mit ihren orthodoxen Glaubensbrüdern verderben, und machten nur solche Abänderungen, die sich selbst nach der talmudischen Dogmatik rechtfertigen lassen. —- Ein Tempel wurde dem geläuterten israelitischen Kultus geweihet, ein zahlreiches Publikum rpohnte der feierlichen Einweihung bei, die der Herr Dr. Kley mit einer ergreifenden Predigt eröffnete. Es war ein höchst begeisternder Akt, alle Herzen wurden ergriffen, ein höhres Gefühl der Andacht belebte alle Anwesenden, selbst die von andern Confeffionen. Da begriff man den Unterschied zwischen kalter dogmatischer Vorschrift und der Wirkung innerer reiner Herzensergießung, zwischen dem Aufdringenden der grillenhaften Rabbinenlehre und dem Aufflammen eigner heiliger Empfindung, zwischen Regung der Liebe und dem Getriebe der Furcht und Aengstlichkeit, mit einem Worte: zwischen dem wahren Göttlichen und den unzuverlässigen Menschensatzungen. — Früher, als man es erwartete, gewann die Tempelgemeinde an Consistenz, und zählte die achtbarsten Familien zu ihren Mitgliedern. Da erwachte her Neid und in dessen Gefolge andere unlautere Motive, und erhoben unter der Maske der Frömmelei ein verkeherendes Geschrei gegen den neuen Tempel. Eine Gesellschaft Unberufener schrieb in die Welt hinein, und forderte alle deutsche, polnische, ungarische und italienische Rabbinen auf, ein Berdammungsurtheil über den Hamburger Tempelverein auszusprechen. Die Antworten blieben nicht aus, zwar nicht ganz nach dem Wunsche der Aufforderer, aber doch mit einstimmiger paradoxer Erklärung der Ungesetzlichkeit des neuen Kultus, ohne einen einzigen Beweisgrund aus dem Talmud anzusühren. Der Verein veröffentlichte-dagegen eine kleine Brochüre wider jene rabbinische Collectiv-Sentenz, und rechtfertigte sein Verfahren mit triftigen Gründen. Der Streit (egte sich, und ■— der Tempel erfreute sich eines ruhigen Fortgangs. — Damals war kein Obberrabbiner intzamburg. Etwa zwei Jahre nachher wurde der -gelehrte Herr Isaac Bcrnays aus Mainz hierher zu diesem Amte berufen. Der damalige Gemeinde-Vorstand machte es zur ausdrücklichen Bedingung dieser Aufnahme, daß' sich Herr 35. alles Einmischens in die Tempel-Angelegenheit zu enthalten habe; eine Bedingung, die Herr B., dem das Rabbinenwesen-so wenig behagte, daß»er sich sogar den Titel Oberrabbin^er verbat, und sich mit der nichtssagenden Benennung: „Geistlicher Beamter " begnügte, recht gern einging. — An 20 Jahren ging der Tempel, der Synagoge gegenüber, seinen stillwirkenden Gang unangefochten fort, bis endlich im vorigen Jahre der alte Conflikt wieder auflebte. Als nämlich der bedeutende Anwachs der Tempelgemeinde ein geräumigeres Lokal für den Gottesdienst erheischte, und der Verein Anstalten zum Bau desselben traf, da trat Herr Bernays als offner Gegner auf, widersetzte sich dem Neubau, und brachte seine Klage vor den hiesigen Senat. Entrüstet, sich mit seiner Eingabe abgewiesen zu sehen, suchte der geistliche