Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1843)
- Article
- Warschau
- Date
- 1843-01-10
- Page
- Seite 15 (sequence 2)
- Language
- German
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15 man ist um so mehr auf Desertionen gefaßt, als die Juden nur das Herbe und Harte der Militarpflichtigkeit, nicht aber die aus derselben entspringenden Vortheile zu erwarten haben. Wie man vernimmt, sollen bereits viele junge Leute aus der armern Klasse sich zur Flucht rüsten, nicht um als Conscribirte zu desertiren, sondern um von vorn herein der Conscription zu entgehen; in Posen sollen bereits dergleichen Trupps angekommen sein. Aber wie im Saufe der wenigen Jahre in den andern Provinzen, so wird Rußland, wie jeder Gebildete sich sagt und wie die Vernünftigen des mosaischen. Glaubens nicht minder voraussehen, auch,in Polen hierin siegen, da der Widerstand nicht aus dem polnischen Element entspringt. Je größer die Zahl der jüdischen Soldaten im Heere wird, um so besser und vortheilhafter wird ihre Lage in Rußland werden, da bei großen Massen die Vortheile der Militärpflicht nicht ausbleiben können, und wenn schon bis jetzt die Zahl der jüdischen Soldaten, die im russischen Heere dienen, die Summe von 10,000 übersteigt, so läßt sich die Vermehrung der Zahl bis auf das Dreifache leicht voraussehm und somit ist der Fortschritt unbezweiselt., Die jüdische Gemeinde in Warschau hat allein 150 Rekruten zu stellen, und diese Gemeinde ist beiweitem nicht die größte. Außer dem Ukas über die Militairpflichtigkeit der Juden in Polen ist soeben noch ein anderes, viel humaneres Mittel zur Erhebung der Juden in den Vordergrund getreten, das um so eher seinen Zweck erreichen dürste, als es rein friedlich und beglückend erscheint und doch mehr als je etwas Anderes den Charakter der polnischen Inden ganz umzukchren geeignet ist: es ist die Z u f ü h r u n g d e r I u.d e n z u m A ck e r b a u e. Durch den Ackerbau würden die Juden aufhören, eine blos consumirende, am Marke des Volkes zehrende Masse zu bilden, der Bauernstand würde in dem Maße, als er einen solchen Zuwachs erhält, Elemente herausbilden, welche mit der Zeit ein Bürgerthum gestalten dürsten , wie doch auch von der andern Seite von der russischen Regierung durch die Ännullirung des niedern Adels, um ihn dem Bürgerthume zuzuführen, eine Gestaltung des dritten Standes vorbereitet wird. An der Spitze dieser Unternehmung steht der Fürst- Statthalter, der, ohne die Form eines Befehls zu wählen oder ohne auch nur zu erinnern, daß es der Wunsch des Kaisers sei, seine ganze Aufmerksamkeit, seinen Einfluß diesem Gegenstände zuwendet und allen nur möglichen Vorschub verspricht. Schon im Jahre 1S23 hat die russische Regierung dieses Mittel der Colonisirung zur Erhebung der Juden aus ihrer Versunkenheit anwenden wollen; allein die hierbei nöthigen Geldopfer schienen ihr zu beträchtlich, und es mußte verschoben werden, jetzt scheint .die Regierung schon deshalb auf besserm Wege, als sie die großen jüdischen Capitalisten für diesen Gegenstand zu begeistern sucht, sich die Miene gebend, als ginge er von den gebildeten re.chen Juden aus. In einer zweistündigen Audienz, weiche der jüdische Vorstand bei dem Fürsten-Statthalter neulich gehabt, wußte der Fürst Paskewitsch ihn so für seinen Plan zu gewinnen und diesen so herzlich ihm ans Herz zu legen, daß er schnell zur gemeinsamen Idee der reichen Juden wurde, was um so leichter war, als man bereits seit lange diese Idee vorbereitet. Bereits beginnt dieselbe sich zu realisiren; die Anlegung jüdischer Ackerbaucolonien ist das Losungswort, das allgemein bei den reichen und gebildeten Juden wiederklingt. Der jüdische Luchfabrikant P. M. Posner, der bereits in seiner Tuchfabrik gegen 300 jüdische Arbeiter beschäftigt, hat auf seinem Gute Kuchari..mit der Colonisirung von 30 jüdischen Familien, die blos den Ackerbau treiben, einen schönen Anfang gemacht, und die großen Bankierhauser Rosen, Epstein u. A. folgen mit Anlegung von Mustercolonien von großem Umfange. 'Der Fürst-Statthalter ist gesonnen, kein Opfer zu scheuen, welches die Colonisirung zu fördern geeignet ist; er ist bereit, Vortheile zu, gewähren, welche Lausende zum Ackerbau locken sollen, da es gewiß ist, daß er dadurch ein Gegengewicht zu den russenfeindlichm Bauern erhalt, die noch lange geneigt sein werden, der Aufregung ihrer Edelleute blindlings zu folgen. Warschau, 14.Dec. (L.A.Z.) Soeben verbreitet sich hier die Kunde, daß der kaiserl. Ukas, die Militarpstichtigkeit der J.uden Polens betreffend, bis auf den 1. Jan. 1844 suspendirt worden sei, was die plötzliche Einstellung der Conscription auch in der Lhat zu bestätigen scheint. Der jüdische Vorstand der hiesigen Gemeinde hat gleich beim Bekanntwerden des Ukases den Beschluß gefaßt, eine Deputation nach Petersburg abzusenden, um von dem Kaiser die bürgerliche Gleichstellung mit den Russen zu erbitten, da nach dem Gesetze von 1817 das Bürgerrecht den Juden zukowmt, sobald sie zum Militärdienste zugelassen werden. Es heißt nämlich §. 1 des in Folge eines kaiserl. Decrets 6. 6. 26. Dec. (7. Jan.) 1817 und der Ermächtigung des Statthalters Polens vom 5. (17.) Mai 1817 von der Regierungscommission mit der jüdischen Gemeinde den 6. Aug. 1817 angefertigten-Bestimmung: „Die Bekenner des mosaischen Glaubens, welche im Königreiche Polen wohnen, bleiben von der Mililarconscription und vom Militärdienste, sowol in Friedenszeiten als während des Krieges, befreit, in so lange als sie zum Bürgerrechte nicht zugelassen werden, und zahlen dafür dem polnischen Schatze jährlich...." Der vom Gesetze klar ausgesprochene Zusammenhang zwischen der-Mlita'rpflichtigkeit und dem Bürgerrechte mußte die Judenschaft um so eher zur Absendung einer Deputation anspornen, als jede anderweitige Besprechung oder Forderung durch die eisernen Fesseln der Censur und durch das peinliche Mistrauen gehemmt ist. — Mit der Aurückdrängnng der hiesigen Juden in die für sie seit alter Zeit bestimmten Gassen hat es seine Richtigkeit , und es ist zu bedauern, daß das Lodtkranke Polen unter den tausend Wünschen, die sein Herz durchwühlen, nur den herausgewählt, den noch tiefer stehenden Knecht knechten zu dürfen. Die Ausweisung der Juden aus den sogenannten christlichen Straßen geht von der localen polnischen, nicht aber von der gouvernementalen russischen Behörde aus; ja die letztere laßt nur mit Widerstreben die städtische Behörde gewähren, so sehr sie sich auch freut, daß die Polen den Ruffenhaß vergessen und sich mit dem Judenhaffe begnügen. Die ganze Staatsform, die Justiz, das Bürgerthum ist hier viel zu wenig auf Ehrgefühl basirt, als daß die Juden das Ausammenwohnen in eignen Straßen, die ohnehin für die Handelsverhaltnisse die blühendsten sind, als Kalamität betrachten sollten, und die gebildetern deutschen Juden der hiesigen Gemeinde, welche die Wohnfreiheir vorzüglich benutzt, waren längst auf eine Ausweisung aus der Chriftenstadt gefaßt, da die Wohnfreiheit nur erst seit dem Falle Warschaus sich herschreibt. Mit. dem Ein zu ge der Russen in unsere Stadt am 8. Sept^ 1831 wurde dem russischen Militär der geheime Befehl ertheilt, sich vorzüglich zu den Juden zu halten, bei ihnen zu essen und überhaupt ihre Zuneigung zu erwerben, da man den glühenden Haß der Polen kannte und den Juden, wenn auch nicht Liebe, doch wenigstens nicht solchen Haß zumuthete. Von dieser Zeit an datirt die Wohnfreiheit der Juden. Die russischen Officiere, die fast beständig bei uns unter Juden lebten, hatten sich selbst in einen Ghetto einsperren müssen, wenn den Juden die Wohnfreiheit nicht gegeben worden wäre. Elf Jahre sind seitdem verflossen, der