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Der Orient · 1843-01-10 · Heft 2 (10.1.1843) · p. Seite 12

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 2 (10.1.1843)
Article
Berlin: Berufung des Dr. Frankel in Dresden als Oberrabbiner nach Berlin
Date
1843-01-10
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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12 rer Religion keine Furcht kennt, wo sein Beruf Muth er- : heischt; und doch zugleich zarte Schonung in seinen kirchlichen Reformen walten Laßt, nie im Sturmschritte verheerend , sich die Gemeinde entfremdet, sondern sich zu dieser herabzulassen weiß, um sie zu sich herauf, zu ziehen. Wahrlich Berlin . konnte nicht glücklicher wählen! Md je näher wir der Rea- , lisarion unsers längst gehegten Wunsches kommen, desto mehr belebt sich der Sinn aller Einsichtigen dafür, und schon dies ist eine erfreuliche Vorbedeutung, daß bei allen Einsichtsvollen, sie mögen der orthodoxen oder der freiern Partei angehören, über die Nothwendigkeit eines Rabbiner, und in Betracht der vollkommenern Befriedigung von beiderlei Ansprüchen in der Person des Dr. Frankel, über die glückliche Wahl ngr Eine Stimme herrscht. — Je näher aber für unsere religiöse, zeitgemäße Organisation der freundliche Lag leuchtet, desto ängstlicher und widerlicher lassen noch Einige ihr letztes Eulengekrächze in Zeitungsartikeln vernehmen, aus denen, nach Abzug der pasquillartigen Angriffe auf Personen und der auf ein „Soll" oder „Vielleicht" begründeten Befürchtungen, nichts weiter hervorgeht als — daß sie die ihnen besser zusagende Nacht verlängern wollen, daß sie nicht sowohl gegen den designirten Rabb. als vielmehr gegen die Besetzung des Rabbinats sich sträuben. Obwohl nun Vernünftige auf solches Geschwätze nichts geben, obwohl der designirte Rabbiner selbst, vermöge seiner amtlichen Stellung und seines literarischen Rufes, über solche gemeine Angriffe, wie die in 'der Spenerschen und der allgem. Leipz. Zeit. (Beide sind wohl aus Einer Feder geflossen) erhaben ist, und solche Expektorationen für uns als die letzte unterliegende Kraftanstrengung des Gemeinen gegen das Edle gelten; so könnten sie doch in manchen schwachen Gemüthern Furcht erregen, ja vielleicht auch auf den Gewählten einen unangenehmen Eindruck machen und ihn uns entfremden, sofern sie ohne Widerlegung blieben. Es sei uns daher erlaubt, ohne uns auf.jene Gemeinheiten speeiell einzulassen, ein Wort über die Nothwendigkeit und Bedeutung eines Rabbiners für unsre Gemeinde, wie für Preußen und über die getroffene Wahl selbst auszusprechen. Eine israel. Gemeinde ohne Rabbiner, ein Körper ohne Haupt.. . Wir klagen über religiösen Indifferentismus in unserer Gemeinde, klagen über Mangel an Einheit; unser Cultus, gestaltlos, der Willkühr ausgesetzt, hat Ansehen und Bedeutung bei dem größeren, vielleicht größten Lheile unsrer Gemeinde, verloren, und obwohl in seiner jetzigen Weise die zeitgemäßen Ansprüche .durchaus nicht befriedigend, will er sich nicht besser gestalten; denn die vielen streitenden Kräfte und Bestrebungen, ohne versöhnendes Centrum und ohne Autorität, zersplittern sich an- und durcheinander; dem Religionsunterricht der Jugend fehlt die Basis, welche das Was und Wie bestimmte, und er ist der Willkühr und dem- Zufall ausgesetzt, kurz, die zahlreiche Gemeinde Berlins, aus deren Schoß einst durch Mendelssohn der Impuls zur neuesten Entwickelung des Iudenthums hervorgegangen, und die an Intelligenz andere so. sehr überragt, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß sie in Allem, was die Elemente einer israelitischen Gemeinde ausmacht, vielen kleinern nachstehe.— Woher rührt dieses? Von der zwei und vierzigjährigen Vacanz des Rabbinats. Man kann es aus dem Munde der Indifferenten selbst venehmen, daß ihre Gleichgültigkeit gegen Alles, was Iudenthum betrifft, auf dem Mißtrauen gegen alle unautorisirlen Reformen beruhe, oder doch aus demselben entsprungen sei; und daß ein ganz anderes, ein strebsameres Leben für jüdisches Interesse rege werden würde, sobald ein Rabbiner'an die Spitze käme, der ihnen Achtung und Vertrauen eirrzufloßen und die vielen Kräfte in einen Brennpunkt zu vereinigen vermöchte. Zu diesen innern Bedürfnissen tritt noch die Nothwendigkeit, daß unsere Gemeinde sich, als religiöse, in einem religiösen Oberhaupte äußerlich auch würdig repräsentire, wenn sie als solche vom Staate geachtet und anerkannt werden will. Nie und nimmer können die jüd. Religion und deren Vertreter sich aus der gegenwärtigen Nichtachtung von Seiten des Staates erheben, wenn unsre Gemeinde in der Residenz nicht einen tüchtigen, gesinnungsvollen und mit Autorität ausgerüsteten Rabbiner der Regierung in Eultusangelegenheiten zur Seite stellen kann. Ja, die That hat es gelehrt, daß gebildete Rabb. oft mittelbar selbst auf die Verbesserung unsrer politischen Verhältnisse einwirken. — Und welchen Einfluß würde die Besetzung unsres Rabbinats auf ganz Preußen üben, dessen Gemeinden erst dann Berlin als Norm dienen können wird! Das können die hier studirenden jüd. Theologen am besten ermessen, die wohl am sehnsüchtigsten der Ankunft des Oberrabb. entgegenharren. Die Bessern unter ihnen sind während ihrer Studienzeit rathlos sich selbst überlassen, und müssen, es dulden, daß Alles, was zu nichts Andern: taugt, ihren Titel Rabbinats-Candidat führt, so daß dieser Titel hier für identisch mit Taugenichts gilt. Nach mühsam erworbenen Kenntnissen aber werden sie meist von solchen untauglichen Subjekten, welche es an schlechten Mitteln und Ränken, die jene verschmähen, nicht fehlen lassen,.und die Gemeinden zu täuschen wissen, überflügelt.— Woher dies? Weil den Studirenden der Mentor, der Anstellung die Norm fehlt; weil der Gemeinde bei ihrer Wahl nichts, an die Hand gegeben ist, wonach sich zu richten. . Was macht gegenwärtig den Rabbiner? Nichts weiter, als die Kunst, sich, gleichviel redlich oder durch Täuschung, eine Gemeinde zu verschaffen, die ihm vertraut. Die traurigen Folgen liegen am Tage. Soll diesem Unwesen'kein Damm gesetzt werden? Der vielbesorgte Verfasser des Schmähartikels in der Spenerschen Zeitung wäll den designirten Rabb. einem Staatsexamen unterworfen wissen. Wer soll ihn prüfen? Worin soll er geprüft werden? Wo ist die Norm eines Staatsexamens für einen Rabbiner? Aber für einen Dr. Frankel, einen Rabb. im Amte, dessen talmudische Kenntniß und elastische Gelehr-

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