Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1843)
- Article
- Die israelitische Freischule in Hamburg
- Date
- 1843-01-10
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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10 erziehen vermag, so wenig kann dieMbel gute Israeliten machen. Als Urgeschichte unseres Volkes uns heilig, wag sie allerdings darauf hinwirken, aber man gebe sie als Geschichten — unser nationales Gefühl zum Bewußtsein zu bringen, reicht sie lange nicht aus. Wenn ein unterdrücktes Volk aus seinem Joche sich emporarbeiten will, ohne seine Nationalität aufgeben zu wollen, so muß es vor. allen Dingen zwei theure Kleinodien bewahren, seine Literatur — seine Geschichte. Hierin hat die Freischule als Israelitische einen wesentlichen Fehler begangen. Die orthodoxe Schule beging ihn, indem sie nur die Literatur und zwar sehr einseitig pflegte — die Geschichte gänzlich hintenansetztez die Freischule hat um beides sich wenig bekümmert, und darum ihre Stellung verkannt und sich nicht unverdient von den Gegnern die Vorwürfe zugezogen, sie sei indifferent gegen das Judenthum. Die hebräische Sprache mußte besser gepflegt werden, nicht nur auf dem Stundenplan stehen, aber vor Allen hätte statt des-alten Testaments, das wie ein Historienbuch in dem Religionsunterricht vorgetragen wurde, auch unsere Geschichte, die jüdische Geschichte überhaupt bis auf neueste Zeit vorgetragen werden sollen; dann würden wir es wohl gelernt haben, Ideen, die im grauesten Alterthum wurzeln, mit der Gegenwart in Correspondenz zu bringen, statt sie gänzlich wegzuwerfen oder versteinert zu erhalten. Das ist das Unglück dieser Schule und aller jüdischen Schulen, daß unsere Geschichte, gleichsam als wäre sie nicht, ohne die geringste Berücksichtigung bleibt, daß wir es versäumen, unser Gefühl an der Große und Bedeutsamkeit unseres Weltgangs zu erheben. Das Volk nur kann seine Stellung gehörig würdigen und erkennen, das mit seiner Laufbahn, so lange sie gewährt und währt, vertraut und sich nicht bloß mit seinem Muthe im seine Vorzeit vergräbt und so allen Zusammenhang mit der Gegenwart verliert. Wir haben eine Literatur, die sich mit der aller Völker messen kann, wir standen an der Wiege aller jetzt lebenden Nationen, eine jüdische Mutter hat Christus erzogen, eine jüdische Mutter hat Mohamed genährt , unsere Geschichte durchlebte den'Weltlauf — wir aber vergessen sie.*) Das war also der Fehlgriff, dessen die israelitische Freifchule sich schuldig machte. Sie hat fünfhundert Schüler ausgestellt, brauchbare Jünglinge — aber eben dieses bringt uns zu dem Bedauern, daß, wo so viele moralische Strebekraft, man nichts hätte versäumen sollen, sie fest und innig an's Judenthuw zu ketten, ihnen Bewußtsein, nationelles Bewußtsein zu geben. Das wäre Pflicht und Aufgabe einer israelitischen Schule gewesen. Sie hatte so erfolgreicher -wirken können, jene Schule nicht von sich abgestoßen, deren Zöglinge sich zugewandt, oder sie zur Nacheiferung gezwungen. *) Es ist ein schlimmes Zeichen, daß wir noch keine Geschichte haben, die sich einer allgemeinen Verbreitung im jüdischen Volke oder wenigstens in den Schulen erfreuen kann; daß sich noch keine Stimme dafür erhoben, ist der traurige Beweis, daß der Mangel nicht gefühlt wird. Jost's treffliche Geschichte bietet zwar Material genug—aber sie ist keine populäre jüdische Nationalgeschichte und wird niemals beim Volk Eingang finden können. Selbst die kurzgefaßten jüdischen Geschichtsbücher von Millstätter und Elkan sind, so viel ich weiß, in keiner Schule eingeführt, wenngleich sie für diese geschrieben sind. So viel Interesse nehmen wir an unserer Geschichte!! ' Der Vers. Man darf sich nicht als Ziel stellen in Einem zu genügen, wenn in Allem zu genügen Pflicht und Beruf ist. (Fortsetzung folgt.) Großbritannien. London, Septbr. (V. o. J.) Folgender Auszug aus Bentley's Mlscellaneen kann uns einen Beweis von dem unheilvollen und gewissenlosen Treiben der Missionare geben, die, anstatt die Leute in die Arme der alleinseligmachenden Kirche — wie sie sie bezeichnen — zu führen, sie vielmehr in Unglück und Elend stürzen. Der Bericht rührt von einem Missionar, Namens Clarke her, und der Schauplatz der Handlung ist Calcutta. — Eines Tages erfuhren unsere Missionäre, zu ihrer größten Freude, daß ein Brahmine vom ersten Range in der Hauptstadt angelangt ist. Um die Sache einem entschiedenen Ausgange naher zu bringen, schrieb Clarke, an denselben, und bat ihn um eine Zusammenkunft an einem bestimmten Tage, wo er ihm die Jrrthümer sei- > nes Glaubens beweisen wollte. Der Brahmine willigte I ein; und zur festgesetzten Zeit trafen heidnische und j christliche Verfechter ein, um über den Werth der resp. Glaubensbekenntnisse in Gegenwart mehrer Zeugen zu discutiren» Wie es bei polemischen Discusflonen gewöhnlich der Fall ist, wurde der Streit mit unbedeuten Fragen und Antworten eröffnet. Eine halbe Stunde war verstrichen und keine von beiden Parteien hatte noch Etwas vorgebracht, das auf eine unangenehme Weise überrascht hätte; da der verschmitzte Hindu sich blos defensiv verhielt. Clarke, der dieser Scene endlich überdrüssig wurde, fragte ihn plötzlich: Ist es Dir verboten, Etwas zu essen, worin lebendige Thierchen sind? „Ja". — Hast Du noch nie dies Gesetz übertretend — „Nie". — Vielleicht ohne Dein Vorwissen? — „Auch das nicht". — Kannst Du es beschwören? — „Ich beschwöre es feierlichst". — Pflegst Du Granatapfel zu essen? — „Ich esse sie täglich". — So bring wir einige, rief Clarke einem Diener zu. Sein Befehl wurde erfüllt, und die Granatäpfel waren da. „Wahle Dir einen". Der Brahmine that es. „Schneid' ihn entzwei". Auch das geschah. „Leg' ihn her", sagte dann Clarke, indem er ihm half ein Mikroskop darüber zu stellen. „Nun schau ihn an". Der Brahmine that i es; doch kaum hatte er sein Auge darauf gerichtet, als er mit Entsetzen zurückkrat. — Der Apfel war voll mit kleinen lebenden Thierchen. — Der Hindu betrachtete. die Frucht 'von allen Seiten, und als er sah, daß 'kein Betrug im Spiele war, rief er langsam aus: „Bus-; such hi (Genug, es ist wahr)", dt bat dann den Missionär um das Mikroskop, welcher es ihm auch gab. Der Brahmine sah mit triumphirender Miene um sich