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Der Orient · 1843-01-03 · Heft 1 (3.1.1843) · p. Seite 6

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 1 (3.1.1843)
Article
Großwardein: Bericht über Entartung der Rabbinen
Date
1843-01-03
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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- 6 Herrschaft der Finsterniß es nicht ernst meinen; denn wo so viele Verderbtheit, wo so viele Gemeinheit der Seele, warum sollte die Heuchelei fehlen? Doch ich will das Gebiet der Allgemeinheit verlassen und zu einzelnen Thatsachen übergehen. Sie hemmen die Erziehung der Jugend und verdächtigen die Männer, denen man die Leitung anvertrauet. — Sie wissen sich in jeden Kreis Eingang zu verschaffen, und gebrauchen Kabalen und Intriguen, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Es ist bekannt, daß in mehren Gemeinden, wo man Schulen errichtete und Lehrern anvertrauen wollte, von denen man eine glückliche Bildung erwarten konnte, die mit den Erfordernissen, der Zeit und des Judenthums vertraut sind, die Rabbiner es waren, die es nicht zuließen, und ihre giftiggeistige Autorität war ausreichend, den zu erwartenden Erfolg zu überwiegen, — und was noch betrübender ist, sie usurpirten die Gewalt der Wahlfähigkeit, und wählten Männer, deren Erkenntlichkeit sie sich im Voraus bedingten, und die nicht allein den Zeitgeist nicht kennen, sondern auch die unentbehrlichsten Sachkenntnisse nicht handhaben. In, Pirgrir legte der Rabbiner, der, obgleich sehr dumm, doch auch Oberdirektor der dortigen israelitischen Normatschule ist, einem von den Mitdirektoren vorgeschlagenen Lehrer die Bedingnisse vor, die asketische Lebensweise, der Chasidim anzunehmen mit all jenen Lausend Frazzen, die jedem Leser des Orients gewiß bekannt ist. Dieser gehässige Kniff ist gelungen. Der gute Rabbi wußte, daß solche sklavische Bedingnisse, wenn sie auch leicht zu erfüllen sind, nicht behagen, und fteuete sich schon im Voraus seines sicheren Sieges. Sein Wille geschah; der gewünschte Lehrer lehnte.diese Stelle ab. — In Bajä. that der alte Schwerin, der sich zwar schon durch größere Hohlheit des Kopfes, aber vorzüglich noch durch gemeine Sitten auszeichnet, einen Lehrer in Bann, der es gewagt hat, seine Zöglinge beim Unterricht in der hebräischen Grammatik mit entblößtem Haupte zu lassen. — Thatsachen dieser Art könnte ich viele anführen, wenn diese erwähnten nicht hinlänglich wären, dem Leser ein klares Bild von dem Treiben der ungarischen Theologen zu geben, die freilich selten wissen, was dieses Wort bedeutet. — So verhindern die Rabbiner die freundliche Annäherung zu unseren Mitbrüdern der Andersglaubenden, die freie Entwickelung der Vernunft, und schmieden immer neue "Fesseln, das Volk im Wahne zu erhalten. — Auch in der hiesigen Gemeinde treten oft, beim Ringen der Zeit entsprechende Verbesserungen einzuführen, Vorurtheile als hemmende Schranken entgegen, und es erregt Erstaunen und Bewunderung, wie die einleuchtendste Wahrheit den scheinbarsten Gründen weichen muß; wie oft das ernste Streben derer, die vom Dasein eines bessern Lichtes überzeugt sind, an dem lächerlichen Festhalten scheitert. Zwar beweist die große Mannigfaltigkeit und Ungleichheit in der moralischen Welt, daß eine gleiche Denkweise eine reine Unmöglichkeit ist; allein es ist die moralische Pflicht jedes Einzelnen seinen Nebenmenschen, auf schädliche Jrrthümer aufmerksam zu machen, und das, was er nach Grundsätzen der Erfahrung für nützlich und nothwendig findet, auch andern mitzutheilen. — Mehrmals sind von den. bessern Männern der hiesigen Judenschaft, die nicht zu denen gehören, welche aus Neuerungssucht Bestehendes einreißen, und kein besseres dafür aufführen, unentbehrliche Verbesserungen vorgeschlagen worden, und stets mußte die Wahrheit sich besiegt zurückziehen. Der Beobachter sieht sich hier vergebens um nach den Zeit- und zweckmäßigen Aenderungen, die mit unsichtbarer Gewalt Alles umbilden und umschaffen; alle die wohlthätigen Anstalten, welche die Veredlung und den Fortschritt fördern, werden hier vermißt. Bedenkt man, daß die hiesigen Comitatsbeamten zu jenen gehören, die für die Emancipation gestimmt haben, so kann man sich eines geheimen Unwillens nicht erwehren. Man dürfte nur fordern, und, es leidet keinen Zweifel, zu jeder bessern Gestaltung wird Hilfe gereicht werden. — Es mangelt aber überhaupt jene Bewegung, die zur Erhebung eines Volkes unerläßlich ist; jene Bewegung, die Völker aus ihrer Kindheit reißt, und sie die Fesseln sklavischer Vorurtheile abschütteln lehrt; jener Brennstoff, der Leben und Energie gibt, und dem geistigen Leben Aufschwung. Vielmehr ist ein Stillstands der jedes Aufkeimen geistiger Rührigkeit tobtet, unverkennbar; denn auch jene Stabilität, welche von der Durchdrungenheit einer Idee oder Lehre zeigt, wird man hier vergeblich suchen. — Noch vor gar nicht langer Zeit hat die Besetzung des hiesigen Rabbinats zu den heftigsten Debatten veranlaßt. Mit merkwürdiger Beharrlichkeit . verteidigte jede Partei ihre Meinung, aber die der Erleuchteten trug den Sieg davon. Von beiden Seiten fühlt man den Mangel eines Rabbiners, freilich sehr verschieden. — Die frühem Rabbiner der hiesigen Gemeinde waren nicht nur rigoros, sondern obstur, und mit ihrer unumschränkten Macht *) hatten sie auch ihrefrommen Schaafe geleitet. —-- Der, welcher hier Leiter der Gemeinde werden wollte, müßte alle theologische Waffen geschickt zu führen'wissen, und das. Terrain der -Alten genau Fennen, da es hier noch viele sind, die des talmudischen Faches in einem hohen Grade kundig sind, und merkenswerth, die für eine zeitgemäße Reform sich schon längst ausgesprochen hattem -— Die Erziehung der Jugend liegt auch hier in Grvßwardein im Argen. Seit Jahren besteht zwar eine Lehranstalt, wo ein Leh- *) Wie weit sich ihre Macht erstreckte, beweist ein barbarisches Werkzeug, das hier zur Züchtigung derer gebraucht wird, die wider religiöse Vorschriften oder Gebrauche handeln. Ein solcher Verbrecher wird in ein Halseisen geschloffen, das an einem Fenster der Synagoge angebracht ist.

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