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Der Orient · 1843-01-03 · Heft 1 (3.1.1843) · p. Seite 3

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 1 (3.1.1843)
Article
Die israelitische Freischule in Hamburg
Date
1843-01-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Monotheismus den Polytheismus auf, griff mithin die Grundprinzipien der jüdischen Religion am Hieraus ist die schroffe Trennung des Judenthums und Christenthums entstanden. Die Juden hielten streng an ihrer Überlieferung, denn darin stand ihr Gott, und jemehr wurde sie das fast ausschließliche Feld, das sie bebaueten, jemehr der Druck sie auf sich selbst beschränkte. Welchen Lehrern konnte bei diesem Stand der Dinge die Erziehung der Jugend übergeben werden? Männern, die freilich alle ihre Weisheit und Kenntniß aus hebräischen Ueberlieferungsschriften geschöpft, die, wenn auch nicht unbekannt mit dem geistigen Inhalt des Judenthums, doch unbekannt mit seiner historischen Bedeutung waren und am wenigsten vertraut sein konnren mit dem historischen Faden, der das antique Judenthum an die Gegenwart und deren Tendenzen knüpfte. Denn solche Erkeimtniß konnte nur aus der An- und Umschauung des äußern Lebens gewonnen werden, aus dem Vergleich der Richtungen und Bestrebungen; von dieser An- und Umschauung aber war der Jude, der politisch nicht vorhanden war, völlig ausgeschlossen, er konnte also dieser hohem Einsicht durchaus nicht theilhaft werden. Zudem kamen diese Erzieher zu meist aus Polen, wo das Studium des Talmuds in wuchernder Blüthe war. Vor einem solchen Talmudisten hegte der fromm gläubige Jude die größte, unbegrenzte Ehrfurcht, dem vertraute er mit froher Zuversicht erfüllten Pflichtbewußtseins seine Kinder, denn bei ihnen waren sie sicher, daß sie den kleinsten Lichtstrahl von außen abhalten, jede Vermischung mit christlichen Ideen verhindern, alle geistige Erkenntniß ihrer Zöglinge in die starren Formen des Judenthums so strenge bannen würden, daß kein Heraustritt möglich. Wie' die Väter in ihren Häusern mit ihren Kindern verfuhren, so ging es natürlich auch in der Schule. Es herrschten hier dieselben starren Prinzipien — keine Ahnung von einer Bildung, nur die hebräische Sprache — Talmud für die Fähigem, die Töchter lernen sogar nur hebräisch lesen - etwas buchstabiren, schreiben, rechnen — diese drei Gegenstände fast als Nebensache getrieben -— das war der Lehrplan Israelitischer Schulen überhaupt und, so natürlich auch in einer der Hauptstädte Europas, in einer Zeit, wo Cultur \u Wissenschaft einen mächtigen Schwung erlebt, in voller Blüthe standen. Aber nicht nur in den kleinern Schulen war es so, selbst in der größten, die fortwährend wohl 150 Schüler enthielt und reich ausgestattet war. Diese Schule hätte mit ihren Mitteln Großes leisten müssen, aber leider stand an ihrer Spitze ein Mann, von dem man Alles sagt, wenn man Nichts sagt. Mumienartig, wie das orthodoxe Judenthum, das er vertritt, prallen alle Anforderungen der Menschheit und der Zeit von ihm ab. Erfreulicheres ist vonj seiner langen Wirksamkeit — oder Unwirksamkeit — nicht zu sagen, als daß er den Fortschritt gehemmt. Das Resultat dieser Schule, von einem solchen Manne geleitet, konnre nicht geeignet sein, eine günstigere Stimmung für die Juden zu erwecken — aber die Orthodoxen und ihre Rabbiner kümmerten sich nicht darum. „ Werden wir nicht, so lange wir unserm Gotte treu anhängen, Verfolgung und Haß zu tragen haben?" Sie hatten keine Ahnung davon, daß es auch bei den Christen bereits zu tagen begann, daß diese nicht mehr ihren Glauben verwarfen, sondern ihre Bildung. Darin mußten freilich die Christen unsere Lehrmeister werden, und da diese sich noch immer schroffzurückhietten, war eine Annäherung von Seiten der Juden nothwendig, wenn die Scheidewand einmal fallen sollte. Aber eben diese Annäherung war es ja, welche die Orthodoxen mit aller Macht vermeiden wollten, sie befürchteten ihre Nationalität in Vermischung mit Christen unrergehen zu sehen, war es ihnen zu verdenken, daß sie diese erhalten wollten, ehrwürdig durch ihr Atterthum, ihnen theuer durch zweitausendjährigen Schmerz, den sie dafür gelitten? Wenn sie nur eingesehen, was Nationalität sei, man kann sie vollkommen erhalten und dem Staate dennoch völlig genügen, und wenn letzteres geschieht — wird sich unsere christliche Mitwelt nicht schämen, hinter ihren Vätern zurückzubleiben, die sie Barbaren nennen, und den unterjochten Völkern im buntesten Gemisch in einem Lande, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben gestatteten? (Was bei dem bürgerlichen Gesetz gelten konnte, wird doch bei dem religiösen kein- Gefährde haben.) Doch wie schon oben bemerkt, das konnten Leute nicht verstehen, denen jede tiefere Anschauung religiösen und politischen Lebens fehlte. 'Dieser strengen, starren Orthodoxie nun stellte sich die Israelitische Freischule entgegen, die eben so mit dem neuen Tempel im innigen Zusammenhang stand, (er wurde etwas später als sie gegründet, um dadurch der begonnenen Reform den Fortschritt um so mehr zu sichern) wie jene Armenschule sLalmud-Lhoraj mit der Synagoge*) Von Seiten der Orthodoxen erfolgte augenblicklich Verketzerung **) Waren sie denn so völlig blind, daß sie verkennen konnten, die Reform bezwecke ihr Heil, oder glaubten sie im Ernst, ihre Nationalität sei durch sie gefährdet, sie strebe dem Christenthum zu? Ich glaube bestimmt das letztere, sie fanden den Anlaß in dem negirenden Charakter der Freischule. Es ist schon oben entwickelt worden, daß die Armen- Schule, wie ihr Name Talmud-Thora auch anzeigt — zum Hauptgegenstande ihres Unterrichts die hebräische Sprache machte, denn eine gute Kenntniß dieser machte bei den Orthodoxen den Hauptcharakter eines Juden aus; du bist ein Unwissender, das hieß bei ihnen — du kennst den Talmud nicht, und diesem gleichbedeutend war: du bist kein Jude! — Die Freischule konnte nun nicht anders, als den hebräischen Unterricht beschränken, um andern Gegenständen Platz zu machen; doch ihn auf ein solches Minimum zurückzuführen, daß alles Interesse daran erstarb, die Schüler in dem Glauben zu lassen, es sei nichts damit gewonnen, sie zu erlernen; das haben doch die Orthodoxen nicht mit Unrecht streng getadelt; diesem ist es zuzuschreiben, daß die Opposition einen hartnäckigern Charakter annahm, daß viele Eltern lange Zeit abgeschreckt wurden, ihre Kinder in diese Schule zu schicken, die es ohne diesen einen Uebelstand in weit größerer Zahl und balder gethan hätten. Fassen wir nun auf, auf welche Weise die Israelitische Freischule ein jüdisch - religiöses Prineip sestzuhalten, also die nationalen Interessen zu wahren, und jenen hebräischen Unterricht zu ersetzen strebte. (Fortsetzung folgt.) *) Eine Darstellung des Tempels und der Synagoge würde mich hier zu weit führen, ich verweise in Hinsicht des ersteren auf das Programm des Herrn Dr. Kley; eine Darstellung des jüdischen Gottesdienstes in Hamburg wird später folgen. — (D. Verf.) **) So geschah es, daß ein eifernder Talmudist die ihm begegnenden Schüler der Israelitischen Freischule verfluchte. 1 *

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