Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1843)
- Article
- Die israelitische Freischule in Hamburg
- Date
- 1843-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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überall Böses, nie Gutes sieht, a priori in Abrede stelltdaß etwas Gutes aufErden reifen könne, sie verkennt die Menschheit. Auch mich wird man vielleicht für einen solchen Misanthropen halten, wenn ich bei dem erfreulichen Resultate, daß der Hr. Dr. Kley uns in seinem Programm mit Wahrheit vor Augen legt und für die Tüchtigkeit der Schule in manchem genügsame Beweise giebt — wenn ich mit heraklitischer Miene den Lobrednern der Israelitischen Freischule hier und - dort ein Veto biete. In welchem Sinne dieses Veto gesprochen, wird jeder Leser bald erkennen, wenn er sich erst mit mir in die Lage versetzt, die Stellung der Schule gehörig würdigen zu können. Eine Israelitische Freischule muß von zwei Seiten aufgefaßt und beurtheilt werden, wie sie von zwei Prinzipien ausgehen muß; — die bürgerliche Stellung des Juden im Staate macht es nothwendig auf das erste Moment eine ganz besondere Rücksicht zu nehmen und ihm Wichtigkeit genug beizulegen, es nicht von der Freischule zu scheiden. Die Schule muß als eine Israelitische wirken, wenn sie die Aufgabe, die Zeit und Verhältnisse ihr stellen, lösen will. Was sie aber als Freischule zu leisten hat, — das ist die andere Seite, die gewiß nicht geringere Aufmerksamkeit verdient, aber nicht gerade bei dieser Schule allein, sondern.bei den Schulen und Erziehungsanstalten aller Confessionen. Demnach fasse ich die Freischule theils vom Israelitischen theils vom kosmopolitischen Standpunkt aus auf, denn ihre Tendenz ist eine nationale, (die confessionelle geht darin auf) und eine allgemein menschliche zugleich. Ich muß gestehen, daß die Leiter der Freischule das Erste so ziemlich unberücksichtigt ließen, doch keinesweges aus Absicht, sondern aus Mißverständnis;, sie verstanden nicht beide Momente gehörig zusammen zu fassen, sie glaubten schon Alles gewonnen zu haben, wenn sie dem Staate brauchbare Bürger erzögen — aber brauchbare Bürger fördern die Sache der Juden nicht, sondern nur gute Israeliten, und gute Israeliten müssen auch gute Bürger sein. Und Aufgabe einer Israelitischen Schule ist es, gute Israeliten und gute Bürger zu ziehen, sie muß beides leisten oder sie erfüllt ihre Pflicht nur halb. Doch bevor ich zur Motivirung meiner Behauptungen schreite, chie ich gehässigen Mißdeutungen nicht gern preisgeben möchte, muß ich die Verhältnisse darstellen, unter welchen jene Schule gegründet, um zugleich in ihnen die Quellen zu entdecken, aus denen die Fehlgriffe des redlichsten Willens entstanden. 1816 ist das Geburtsjahr der Israelitischen Freischule, kern glückliches im Allgemeinen für jüdische Bestrebungen. Oer Unterdrücker Deutschlands war eben darniedergekämpft, auch Hamburg athmete wieder frei, aber wo Alles frei war, durste es der Jude nicht sein; er hatte in Zeiten der allgemeinen Unterdrückung von dem Eroberer Deutschlands, (der großherzig genug war, wo ihm die Politik nicht im Wege stand), Menschenrechte erworben; was war natürlicher, als daß die Reaction, die fast alle guten Früchte einer begeisterten Zeit nach und nach verschlang, sich zuerst auf die Juden warf? — Ein trauriger Dank, den die Zeit zum Theil schon gerächt bat. So standen also die Juden nach einem kurzen Traum bürgerlicher Freiheit auch in Hamburg an der Wiege fast mittelalterlicher Sclaverei. Von Amt und Würden mußten sie sich in die Kellergeschosse flüchten, und das furchtbare Hepp.-Hepp, ein Schandruf christlicher Duldsamkeit und Nächstenliebe aus der finstersten Zeit, tönte wieder hinter sie her, keine erfreuliche Blüthe eines Europäischen Freiheitskampfes. Doch es war so und, wie immer /fanden sie auch damals die Juden in ihr trauriges Schicksal, aber auf die Ent- Wickelung ihres geistigen Lebens mußte diese reaktionäre Bewegung den mißlichsten Einfluß üben , auf sich selbst wieder beschränkt, von jeder politischen Gleichheit abermals ausgeschlossen, mußten sie in ihren resignirten Gleichmuth wieder zurücksinken. Nur ein kleiner Theil bewahrte sich die innere Freiheit, erkennend, daß, wo vom Staate so wenig zu hoffen war, der Jude aus sich selbst heraus / sich zur Freiheit und Gleichheit emporarbeiten und erst die geistige vor der politischen Scheidewand fallen müsse, so weit bei ihrer bürgerlichen Beschränkung es sich thun ließ. Diese Männer waren es nun, welche ihre Aufmerksamkeit zunächst der Erziehung der Jugend zuwandten, für diese mußte gewirkt werden, da alle Hoffnungen auf die Zukunft gerichtet waren. Was die Erwachsenen vergebens zu erkämpfen strebten, das, hofften sie, würde ihren Kinder werden. Aber es war nicht genug, nur einen Theil, eine Elaste der Juden auf die höhere Stufe der Bildung zu heben, sie mußte auch die -untersten Klassen durchdrungen, Gemeingut im jüdischen Volke werden — wie die Verfolgung und der Druck. Auf die ärmere Elaste besonders war Rücksicht zu nehmen, da es Vorurtheile zu bekämpfen gab, zu denen sie so manchen Anstoß gab. Es war eine große Idee, eine Anstalt zu gründen, durch die ein fast verlorenes Geschlecht zu einem neuen bewußtvollen Leben ausgezogen werden sollte, zumal in einer Zeit, da man es noch schlecht zu würdigen wußte, was Erziehung vermöge. Vielmehr war die Erziehung in den schlechtesten Händen, obschon sie mit den Verhältnissen der Juden einen ganz natürlichen Schritt hielt. Das Resultat tausendjähriger Unduldsamkeit brauche ich keinem vor Augen zu stellen, Jeder sieht es, der überhaupt nicht blind ist; das Leid und Elend, das dem Juden durch sie bereitet und er mit Hingebung geduldet, hat sich die traurige aber erschöpfende Bezeichnung des Weltschmerzes erworben. Der Jude hätte unterliegen müssen — doch das Widerspiel des Riesen Anräus schöpfte er stets frische Kraft vom Himmel, und war unüberwindlich/'wett man dem Menschen wohl die Erde, aber nicht den Himmel zu rauben vermag. Aber dieser Kampf, dieser ewige Kampf, der hat den Juden zu jener Starrheit gebracht, die dumme Verwechselung der Causalität mit ihren Consequenzen so gern zu steinern unvertttgbaren Charakterzug stempelt. Die Fortentwickelung der Juden in manchem Gebiete der Wissenschaft ist nicht schwierig zu beweisen*). Daß ihre Religion die alten Formen beibehielt, war eine natürliche Opposition gegen den auf sie eindringendenKatholicismus. Dieser verlangte nicht, daß sie ihre Religion reformiren sollten, wie es die Absicht Christi war — dagegen hätte sich das Iudenrhum nicht Jahrtausende sträuben können — er stellte für den *) Was nun ein Volk unter dem strengsten politischen Druck zu leisten vermag, mehr als man billig fordern und erwarten kann, das hat der Jude geleistet. Er hat seine Literatur sortgebildet, er war zu jeder Zeit ausgezeichnet in der Exegese, er warDichter, Geograph, Philosoph, selbst Medicin trieben sie bedeutend. Aber sie waren keine Maler, weil sie keine Katholiken waren — sie waren keine Soldaten, weil sie kein Vaterland haben dursten — keine Künstler, weil sie der Freiheit entbehrten. .D. Verf.