Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 51 (18.12.1841)
- Article
- Geschichte und Arten der (alt-) hebräischen Poesie
- Date
- 1841-12-18
- Page
- Spalte 793-794 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9897381-9897520-2366963--1932-2366991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
793 Geschichte der althebräischen Poesie v. Prof. Ewald. 794 Lich gesungenen großen Siegeslieder Ex. 15. Rcht. 5; vorzüglich verbindet letzteres wahrhaft großartige Anlage mit geordneter schöner Ansführung, ein Muster ächten Siegsgesanges gegen acht Jahrhunderte vor Pindar. Wie wunderbar, diese vielleicht ältesten Lieder der ganzen Erde in so früher Zeit schon so vollendet zu sehen, daß sie den glänzendsten und sichersten Beweis geben für eine sehr früh emporstrebende Bildung in Israeli Jedoch ist hier die Sprache noch ungemein kurz und abgerissen, mehr starr und hart als weich und gefällig, mehr andeutend als üppig ausmalend; auch die Gedanken haben in den großen Siegsliedern noch etwas steifes und schweres, ja durch das Lied Debora's wehet neben großherzigem gläubigen Muthe auch der schlacht- und rachedurstige Geist, welcher in den Zeiten zwischen Mose und David leicht in das Herz sogar der Leiter des Volks drang. Und so regt sich die Dichtung in diesen Jahrhunderten zwar mächtig, erreicht aber noch nicht ihre Hoho. 2» Erst derselbe David, welcher als Held und König die äussere Geschichte dieses Zeitalters dadurch beschloß, daß er eben das Gute was im Streben dieser Jahrhunderte lag, vollkommen erreichte und feststellte, der gelangte auch als Dichter zum Gipfel dieser frühesten Erscheinung der Poesie, wie zum schönen Beweise der nahen geistigen Verwandtschaft des echten Sängers und des echten Herrschers. Denn in David sind die zwei seltenen Kräfte vereint, welche allein hier die höchsten Erfolge hervorbringen konnten. In ihm ist einmal mit wunderbarer Stärke die Kraft, in allen Lagen des verwirrtesten Lebens und alles Haffes der Menschen ungeachtet sich immer wieder in dem Gotte Israels und seiner Liebe zu sammeln und aus jeder Gefahr und Verirrung desto gewaltiger und reiner zu ihr zurückzukehren, um so durch ein langes hochbewegtes wechselndes Leben stets mehr Liebe und Vertrauen zu Jahve zu gewinnen und stets herrlicher ihn zu preisen. Aber in ihm ist nicht minder die andre wunderbare Kraft, die Tiefe und Klarheit seiner Stimmungen und Gedanken beständig durch, den entsprechenden erhabenen Gesang schön und ergreifend zu äußern. Indem nun diese zwei Kräfte in ihm durch sein ganzes Leben so zusammenwirkten daß er, der am tiefsten Jahve's Wege erfahren und seine Hoheit sowol als Liebe erkannt hatte, auch am gewaltigsten und schönsten sie pries und sein Mund vom begeisterten Lobe des Gottes Israels, als des großen wahren Erretters, beständig überfloß : so erfüllte kr eben dadurch das wahre Streben echter israelitischer Poesie, da doch diese, wie oben gezeigt, nichts höheres erstreben konnte, als als die in der Religion Jahve's liegenden erhabenen Gedanken erhaben zu verklären. Und sofern so das unterscheidende Wesen althebräischer Poesie damals in David mit voller Kraft und Schönheit hervortrat, Hub er zwar zunächst den lyrischen Gesang, aber mit diesem Haupttheil hebräischer Dichtung die ganze Poesie Israels auf ihren höchsten Gipfel, wie er denn schon zu Amos Zeit (6, 5) als das einzige Muster eines Sängers sprichwörtlich ist und von den Spätern immer mehr in dieser Höhe verehrt wird. So entsteht denn seit David, da die Poesie in dieser Richtung nicht noch höher aufstreben konnte, in den Jahrhunderten bis zum Ende des Exils auch für die Poesie eine nm Zeit« Zwar erlöscht die Lyrik so wenig, daß sie bei jedem mächtigern Anlässe, in jeder ausserordentlichen Zeit mir neuem Schwünge sich erhebt: allein sie reicht höchstens noch m ihren schönsten Stücken bis an den davidischen Gipfel, geht aber nie über ihn hinaus. Vielmehr bilden sich aus der Vollendung der natürlichen Poesie jetzt neue Dichtungsarten, vermittelst der schon bedeutend gewordenen Kunst, so daß man dieses in dieser Hinsicht ausgezeichnete Zeitalter am richtigsten das der Kunstpoesie nennen würde. Die Kunst, welche in jener lyrischen. Poesie schon verborgen, wie unbewußt gegeben war, löst sich jetzt mehr mit Bewußtseyn und Absicht ab, sie wird etwas für sich; freilich aber immer in jenem beschränktern Maße, worin nach Obigem alle hebräische Kunst stehen blieb. Denn neue Zwecke und Bestrebungen greifen jetzt in dies Gebiet ein und bemächtigen sich der einmal gegebenen schönen Form. Von -er einen Seite erzeugt der Wunsch mit der schönsten Form die sich hausenden Lebenserfahrungen kurz auszusprechen die Spruchdichtung, welche vielleicht unter keinem alten Volke so viel erheblichen, reizenden Stoff vorfinden konnte als unter den Hebräern, und welche neben der lyrischen die wichtigste und fruchtbarste, so wie unter den Kunstpoesien die älteste werden mußte. Von der andern dringt das heitere Spiel der Nachahmung und Darstellung des Lebens, wie es die dichterische Phantasie verklärend auffaßt, in dies Gebiet der einmal gegebenen schönen Form ein und bringt die dramatische Poesie hervor, von welcher, wie sie sich bei den Hebräern eigenthümlich gestaltete, einige wenige erhaltene Werke Zeugniß ablegen. So breitet sich die Poesie in dieser Zeit, neue Wege aufsuchen--, nach allen Richtungen aus, die sie einschlagen konnte; es ist die Zeit der vollen Ausbildung, der breitesten Entwickelung hebräischer Poesie, wo sie alle in ihr liegenden Fähigkeiten offenbart und alle ihre zerstreuten Kräfte aufbietet, und das ist eben hier das Neue und Eigenthümliche. Auch erhält sie sich bei dieser weitesten Ausdehnung noch lange in männlicher Kraft und Gedrungenheit. 3. Doch merkt man schon in dem Jahrhunderte vor dem babylonischen Exil eine gewisse Abnahme an innerer Kraft. Wie das ganze alte Leben des Volks seit dem Ende des achten Jahrhund, allmalig sich verwirrt und abschwächt, wie die prophetische Kraft nach und nach sinkt und nur noch in gewissen Zeiten ihre volle Bedeutung wieder gewinnt, so welkt auch die alte Blüthe der Dichtung langsam dahin. Die festen Gesetze der Kunst zwar, so weit diese ausgebildet war, behaupten sich noch immer dem äußern Gewände nach; aber die innere Fülle der Gedanken, so wie die leichtbeschwingte Kraft der Rede schwindet mehr und mehr. Es zeigt sich dies zunächst in der Dehnung und'Auflösung der Rede, indem nicht ein großer Gedanke den andern drängt, sondern der Gedanke einsamer entsteht und träger sich vollendet; welche schwere, langsame Bewegung ist z. 25.. in Ps. 51, verglichen mit dem altern Liede verwandten Inhalts Ps. 32! wie schwer erschöpft sich der Inhalt in Ps. 22 oder Ps. 35 verglichen mit demselben Inhalte in einem altern Liede wie Ps. 7, Ps. 11! In den ältern Liedern ist oft neben größerer Unebenheit und Kühnheit der Form die wunderbarste Fülle von Gedanken, die erschöpfendste malerische Schilderung in wenigen sichern Zügen z. V. 2 Sa. 23, 4; während in den spätern die Bilder weniger lebendig und vollendet, die Gedanken entweder nicht so frisch, oder wenn neu und eigenthümlich, dann nicht mit solcher schöpferischen Leichtigkeit gestaltet sind. Höchst merkwürdig ist hier nun die Erscheinung, daß der Geist der echthebräischen Dichtung diesem Anfänge von Auflösung noch einmal durch eine neue Richtung sich widersetzt und das einreißende Verderben aufzuhalten sucht. In vielen Gedichten nämlich aus dem Ende des 8. und aus dem siebenten und sechsten Jahrhund, ist die Sprache umgekehrt auffallend kurz gehalten, der Bau -er Sätze ungewöhnlich zusamrnengezogm, der Vers sehr knapp und straff, alles Aeußere mit Sorgfalt geebnet und abgemessen; man kann dies die zierliche Art althebräischer Gedichte nennen, Beispiele liefern Ps. 48. 75. 76; 65. 72. 73. 91 ff. 120 ff., entweder durchgehen ds. oder erst in einigen Versen;