Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1841)
- Article
- Halberstadt: Erinnerungen aus der Vergangenheit dieser Gemeinde ...
- Date
- 1841-12-11
- Page
- Seite 311 (sequence 2)
- Language
- German
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311 zu einem ansehnlichen Vermögen legte, welches er für hohe Zwecke zu verwenden strebte. Schon reifte in ihm der ihn von Jugend auf begeisternde Gedanke, eine Umschaffung des äußern und inner» kläglichen Zustandes seiner Glaubensbrüder in Deutschland zu bewirken: ein Gedanke, der nur von einem so begabten Manne zur Ausführung kommen konnte. Auf Geschäftsreisen beobachtete er die Lage und Beschaffenheit vieler jüdischen Gemeinden , besonders Deutschlands und der Niederlande, mit brüderlicher Theilnahme. Bildung sah er unter menschenfreundlicher Gesetzgebung gedeihen, Barbarei und Sitrenverderbniß, mir Armulh verbunden, zeigten sich da, wonach die Juden unter dem harten Gesetze des Mittelalters schmachteten. Besserung des ErziehungsWesens von innen und Milderung der Behandlung von außen schienen ihm rwthwendige Bedingnisse, zur Veredlung und zur Vorbereitung einer zu erringenden bürgerlichen Freiheit und Tüchtigkeit. Dies zu bewerkstelligen hielt er für die Bestimmung seines Lebens und Glücks. Seme Phantasie malte ihm das Verdienstliche einer solchen Reform mit den lebhaftesten Farben. Ohne reiflich erwogenen Plan schritt er kühn an's Werk, stets auf dem Erfolge fortbauen-. Von echter Religiosität beseelt, tilgte er bei seiner Mildthätigkeit jeden Unterschied der Religions- Parthei, förderte erst einzeln die bessere Erziehung vieler Kinder seiner Glaubensbrüder, räumte bei diesen manches Vorurtheil hinweg, indem er christliche Anstalten unterstützte und stiftete, und fundirte endlich selbst jene berühmte Erziehungsanstalt zu Seesen (1801), welcher seitdem Hunderte von Juden und Christen ihre Bildung und Brauchbarkeit verdanken, und die mit dem Namen Jakobsschule sein Andenken verewigt. Hier war er persönlich thatig. Oft anwesend beobachtete er Lehrer und Schüler, prüfte die Fortschritte, ermunterte zum Fleiße oder beschämte und besserte durch einen verweisenden Blick. Die jüdischen Kinder wurden dem Kleinhandel entrissen und für Vaterland und Bürgerleben gewonnen. Auf Religionsunterricht sah er vorzüglich. Noch fehlte dm jüdischen Kindern ein herzerhebender Gottesdienst. Die stehenden Gebräuche fand er zur matten Werkheiligkeit herabgesunken, ohne Geist, ohne Innigkeit, außer Zusammenhang mit dem Unterrichte. Für die Religion zitternd im Conflikte mit der äußern Bildung, beschloß er, auch den Gottesdienst zu beleben. Diesem widmete er einen, auf seine Kosten, neben der Schule erbauten schönen Tempel, den er mit Zuziehen der Rabbinen einrichtete. Seine Anstalt ward vielen ein Vorbild und viele junge Leute, die in der Seefischen Schule ihre Bildung erhalten haben , gedenken derselben mit Dank erfüllt gegen deren Stifter und wandeln unter uns als nützliche Bürger des Staats. So war eine große Idee verwirklicht. Auch den zweiten Theil seines Berufs betrieb er indeß mit Emsigkeit und Erfolg. Viele deutsche Fürsten achteten ihn, schenkten ihm ihr Vertrauen und begnadigten ihn mit Auszeichnungen. Seiner großmüthigen und eindringlichen Verwendung haben die Juden an vielen Orten die Abschaffung des gehässigen Leibzolles und anderer alten Mißbräuche und mildere Behandlung zu danken. Mit dem Tode des Herzogs von Braunschweig und dem Eintritte der westphalischen Regierungsperiode eröffnete sich ihm von Neuem eine angemessene Laufbahn. Sein als thatiger und rechtschaffener Geschäftsmann begründeter Ruf führte ihn an den westphalischen Hof. Der ihm überwiesenen bedeutenden Aufträge entledigte er sich mit Vorsicht. Schon hatte die Versammlung der jüdischen Notablen und der Sanhedrin in Paris wichtige Veränderungen für die Lage der Juden vorbereitet und die Publicirung der Beschlüsse desselben auch in Westfalen wchlthatige Folgen herbeigeführt, da bewirkte er, um die Juden daselbst zum Genüsse und Gebrauche der bürgerlichen Freiheit reif zu machen, die Einsetzung eines israelitischen C o n si st o r i u m s, zu dessen Präsidenten er ernannt ward.*) Jetzt war er am Ziel seiner Wünsche. Unbeschreiblich war seine Thätigkeit in Errichtung neuer Schulen, seine Freigebigkeit in Belohnung der Lehrer, seine Aufopferungen für studirende Jünglinge, sein Eifer in Verbesserung des Gottesdienstes und Abstellung der Mißbräuche, wozu einsichtsvolle und fromme Rabbinen die Hand boten. Man sah ihm, wo Lehrer fehlten, mit dem Feuer der Begeisterung und der Gewandtheit des geübtesten Lehrers den Religionsunterricht übernehmen und seine Synagogen-Vorträge rissen durch kunstlose Beredsamkeit und kühnen Gedankenslug alle Zuhörer zur Andacht hin und erzeugten edle Entschlüsse. Ohne blinder Eiferer zu seyn, übte er dies Amt mit Kraft. Feiner Weltmann zugleich, füllte er Seinen Posten als Mitglied der Landstände gehörig aus. — Der König ernannte ihn zum Ritter der westphalischen Krone. Sein Glück machte ihn nicht schwindeln. Stets blieb er Vater der Armen und Nothleidende fanden bei ihm Zutritt, Trost und Hülfe. Seine Kinder erzog er in bürgerlicher Einfachheit; der äußere Glanz war ihm nur für seine hohen Zwecke vom Wertye. In der seltenen Muße erfreute er sich des Umgangs von Staatsmännern, Künstlern und Gelehrten, deren viele ihn als ihren Macen verehrten, deren Unterhaltung er aber auch durch Gemütlichkeit anzog und durch Urbanität und heitern harmlosen Witz zu würzen verstand. Die Auflösung des Königreichs (1813) versetzte ihn in eine kurze Untätigkeit, die ihn sehr verstimmte. Da winkt: ihm abermals die Hoffnung, zum Nutzen der Menschheit wirken zu können. Die neue Verfassung der Juden in den königl. preußischen Staaten hatte bei vielen die Sehnsucht nach zeitgemäßen Verbesserungen angeregt. Jacobson erschien m Berlin und mit ihm traten rasche Resormversuche ein, die jedoch nicht sogleich mit allgemeinem Beisalle gekrönt wurden, obgleich sie den Grund zu weiteren Verbesserungen in Paris, Hamburg, Wien rc. legten.**) An kühnen Aufschwung und *) Zu bedauern ist nur, daß sein unermüdetes Wirken als Präsident eines israelitischen Consistoriums, des ersten in Deutschland, in seiner Vaterstadt die meisten Hindernisse fand. Dieses kränkte diesen würdigen Mann dermaßen, daß er seinen Aufenthalt in Halberstadt vermied, wodurch manche Nachtheile für die Gemeinde und deren Mitglieder erwuchs, indem der Unschuldige natürlich mit dem Schuldigen leiden mußte. **) Die seit dieser Zeit in mehrern Städten Deutschlands entstandenen jüdischen Tempel, verbunden mit Chorgesängen und Predigten in deutscher Muttersprache, haben die Israeliten Deutschlands diesem großen Manne lediglich zu verdanken und es wäre sehr zu wünschen, daß die reichen Gemeinden ihm ein Denkmal errichteten. Zum Wenigsten sollten die Glaubensgenossen seiner Geburtsstadt aus Dankbarkeit gegen die Stiftung seines Vaters seine Büste aus der Gememdcstube aufstellen und der Todestag des unvergeßlichen Israel Jacobson, als der 13» September jedes Jahres müßte durch eine kirchliche Trauerfeker begangen werden, doch wenn die jetzigen Generationen diese Pflicht gegen diesen großen Mann nicht erfüllen, so werden unsere Nachkommen mit echten Religionsbegriffen das Versäumte nachholen und wenn die geachteten hinterlaffenen Familienglieder desselben sich damit einverstanden erklärten, so würden die Freunde und Verehrer des Seligen dahin arbeiten, daß in seiner Geburtsstadt ein Jakobson'sches Denkmal errichtet wird. 50 *