Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 44 (30.10.1841)
- Article
- Dorsche Haddorot. Entwickelungsgeschichte des mosaischen Ritualgesetzes
- Date
- 1841-10-30
- Page
- Spalte 683-684 (sequence 2)
- Language
- German
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683 684 Dr. Creizenach's Dorsche Ha-Dorot> beurtheilt v. H. Jolowicz. gen Körper wohl fortbestehen laßt, ihm aber eine neue Seele (??) einpflanzt. Wenn die Geschichte für uns wahrhaft lehrreich fein soll, so muß es sich bei jeder großen Umgestaltung, die sie uns in demDasein und. den Sitten der Nationen wahrnehmen läßt, mit Bestimmt-, heit angeben lassen, wie dieselbe durch den natürlichen Entwickelungsgang des Volkslebens oder durch unerwartete Einwirkungen zu Stande kam; und wo sie hierüber nichts Befriedigendes mitzutheilen vermag, da ist eine Lücke, eine Unterbrechung, welche sie gewissermaßen in Bruchstücke zersplittert, zwischen welchen wohl ein äußerer, aber kein genetischer Zusammenhang zu erkennen ist. - Eine solche Unterbrechung findet sich in der Geschichte der jüdischen Religion, wenn man die religiösen Anstände vor und nach dem Exil mit einander vergleicht." Wir stimmen diesen Worten vollkommen bei und können die Bemerkung nicht unterlassen, daß des Verfassers Annahme einer Epoche für die Geschichte der jüdischen Religion mit der Rückkehr aus dem babylonischem Exil, uns noch aus dem Grunde als wahr und richtig erscheint, weil in dieser Aeit sich nicht nur ein „helleres Bewußtsein", sondern auch ein Selbstbewußtsein des jüdischen Geistes seinen begrifflichen Momenten nach im jüdischen Volke aufzuleben begann; weßhalb auch der Verband von Religion und Staat immer lockerer wurde und erstere unabhängig von dem letzteren sich selbstständig entwickeln konnte. — Die gleich nach der ersten Rückwanderung auftauchende Glaubensspaltung (Samaritaner) liefert hiervon den besten Beweis. Von Cap. 2—10 unseres Zeitraumes beschreibt und schildert der Verfasser die Rückwanderung der Israeliten unter Cyrus, die Entstehung der Sekte der Samaritaner, die Wirksamkeit Chagai's, .Sechacjah's, Esra's — über welchen auch Cap. 7 sehr passend die Berichte des Talmuds angebracht sind — Nehemia's, Mordechai's und Maleachi's, mit welchem die Prophetie erloschen, wobei wir vielfach, wie S. 147, auf die damalige Gestaltung des Ritualgesetzes aufmerksam gemacht werden. Die aus dieser Schilderung sich herausstellenden Resultate sind zwar denen, welche Hr. Dr. Jost in seiner allgemeinen Geschichte der Israeliten, Bd. I. geliefert, gleich; bieten jedoch den Vortheil, daß das Summarium hier dem Leser deutlicher und klarer entgegentritt. Was der Verfasser bis zu Ende dieses Zeitraums in den 35 Kapitel über die Mischnalehrer, Tan arm, und über die Entstehung der Mischna vorbringt hat uns durchaus nicht befriedigt, weil wir darin alles Belehrende vermißten, und es scheint in der That, als hätte der Verfasser in diesen Kapiteln das Prinzip feines Buches aus den Augen verloren. — Denn die herbeigebrachten bekannten und überaus lang und. breiten Notizen über jede einzelne Schule und deren besonderen Lehrer beleuchten nicht im Mindesten das Wesen und die Entstehung der Tradition, um welche sich doch nach allen, die wie unser Verfasser' den Pentateuch für mosaisch halten, das ganze nachbrblische Judenthum dreht. Setzt man die Abfassung des Pentateuchs in die Zeit der Rückkehr aus dem babl. Exil und bedenkt man, daß der-Geist dieses Gesetzcodex levitisch ist, so hat es natürlich mit dem Problem der Tradition keine so große Schwierigkeit; besonders wenn man dazu das damalige Treiben der Sekte der Saducaer in Erwägung zieht. — Wir werden jedoch bei einer andern Gelegenheit auf diesen Punkt zurückkommen und ein Mehreres darüber heranbringen. Mit der Redaktion der Mischna eröffnet der Verfasser S. 264 den vierten Zeitraum und leitet ihn mit folgenden Worten em Mit der schriftlichen und mündlichen Redaction der Mischna, wie sie durch R. Jehuda den Heiligen veranstaltet wurde, trat in dem Geist und der Methode des Religionsstudiums eine wesentliche Veränderung ein, durch welche man sich gleichsam die ganze Glaubensgemeinde, wie durch die Erlöschung der Prophetengabe, auf eine niedrige Stufe herabgesetzt dachte, und die Freiheit im Forschen und im Jnterpretiren der heiligen Bücher, selbst mit Anwendung der festgesetzten Jnterpretationsrege'in, hedeutend verringert wurde. Ein Amora mochte sich durch Scharfsinn und Gelehrsamkeit im Ritualgesetze noch so sehr auszeichnen, er mußte sich vor der immer wachsenden Autorität der Tanaim beugen, nicht blvs weil diese den Quellen der vorausgesetzten Tradition naher waren, sondern weil man überhaupt annahm, daß die Geister sich von einer Generation zur andern schwächten, und daß die mannigfaltigen Leiden, welche die Juden zu erdulden hatten, ihre Fähigkeiten bedeutend vermindert haben. Ein Amora konnte keine Entscheidung abgeben, die mit der Mischnah eine Epoche in der Entwickelungsgeschichte des Judenthums bezeichnet, denn die Einführung dieses Werkes in die Gelehrten-Schulen war allerdings ein sehr positives Element im damaligen Judenthume, wo die pentateuchischen Gesetze bis auf etliche wenige durchaus ihre praktische Anwendbarkeit verloren hatten. Ja, nach unserm Dafürhalten ist die Redaktion der Mischna um so viel höher, als die des Talmuds anzuschlagen, als der Geist der ersteren höher steht als der des letztem. — Wir kommen jedoch zu unserm Buche zurück! Nach Anleitung des interessanten Briefes des R. Scherira Gaon, welchen wir S. 250 — 261 in einer schönen, fließenden Übersetzung mit nicht unwichtigen Bemerkungen dazu, auszüglich lesen, bespricht d«er Vers, in dem " letzten Zeitraum die Entstehungsgeschichte der beiden Tatmuden und sind unter den 27 Kapiteln, die diesem- Thema gewidmet sind, vorzüglich Kap. 5, über die gegenseitigen Verhältnisse zwischen den Schulen von Babylonien und von Palästina, Kap. 6. Verhältnisse des Talmud Chacham gegen seine Jünger, Gleichgestellte und Laien, Kap- 9, 26 und 27 als gelungen zu bezeichnen, während die übrigen. Kapitel nur trockene Legenden, Anekdoten, Charakterzüge u. dergl. über ein-