Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 43 (23.10.1841)
- Article
- Versuch einer wissenschaftlichen begründeten Metrik für die neuhebräische Poesie
- Date
- 1841-10-23
- Page
- Spalte 663-664 (sequence 2)
- Language
- German
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664 663 Versuch einer wissenschaftlichen Metrik der neuhebräischerr Poesie. -chümlichkeit derselben ab. So beruht die Quantität Ut Sylben in der griechischen und lateinischen Sprache auf ihrem Lautgehalt, d. h. auf der natürlichen Lange Md Kürze der Vocale, — in der deutschen Sprache hingegen auf dem Wortton. Es kann demnach in der griechischen und lateinischen Sprache eine Sylb-e lang sein, ohne den Wortton zu haben, z. B. 2ünQctrijg9 ärinis, wie hinwiederum in der deutschen Sprache eine Sylbe kurz sein kann, die einen langen Vocal hat, z. B. Wahrheit.2 3 — Man denke aber ja nicht, daß die Gesetze der Prosodie in den hier erwähnten Sprachen blos aus dev Willkür der Dichter entsprungen seien; sie wurden vielmehr von diesen, als m dem Wesen der Sprache fest begründet , nur richtig aufgefaßt und in Anwendung gebracht. In der griechischen Und lateinischen Sprache war der Lautgehalt überwiegend,^ und so war es ganz natürlich, daß die Dichter ihn als Maaßstab in der Prosodie gebrauchten; in der deutschen Sprache hingegen herrscht der Wortton der übrigens mit dem Lautgehalt meist zusammenfällt —- vor, und soversteht es sich von selbst, daß nichts anders als er zur Basis der Prosodie gemacht werden konnte. — 8. 2. Es fragt sich nun , was in der Aussprache des Hebräischen das Ueberwiegenve sei — der Lautgehalt oder der Accent :— um mit Sicherheit zur Basis der Prosodie gemache werden zu können. Diese Frage dürfte aber viel schwerer zu beantworten sein, als es manche Philologen bisher geglaubt haben, die ohne weitere Umstände sich für das oder jenes erklärten, blitzschnell eine Metrik für die poetischen Stücke der hebräischen Bibel entwarfen und somit Alles abgethan zu haben vermeinten. — Richten wir unsere Aufmerksamkeit zuerst auf den Lautgehalt m der hebräischen Sprache, so nehmen wir allerdings wahr, daß' dieser nicht ohne wesentlichen Einfluß aus den Charakter der Sprache ist. Dies erhellt zum Theil schon aus dem merkwürdigen Umstand, daß 2) Siehe Beck er's „Ausf. deutsche Gramm." Z. 17. — S. 43. — 3) Daß dem wirklich also ist, und daß mithin diejenigen irren, welche glauben, daß — besonders im Griechischen — der Lautgehalt auf die prosaische Aussprache keinen Einfluß ausgeübt habe,, ist von .neuern Philologen erwiesen worden. Es wäre auch ungereimt anzunehmen, daß ein und dasselbe Wort in ein und derselben Bedeutung in der Poesie anders ausgesprochen worden sei als in der Prosa; denn dieser Annahme nach konnten die Homer'schen Gesänge,. wenn sie vorgetragen wurden , vom Volle schwerlich verstanden worden sein. Doch es ist hier der Ort nicht, diesen Gegenstand näher zu erörtern, da wir nur ein e hebräische und keine griechische Metrik schreiben wollen. Man seheübrigens Buttmann „Prosodie der griechischen Sprache" §, 7. Anm. ~~ im Hebräischen kurze und länge Vocale schon durch ihre äußere Gestalt von einander streng geschieden sind, was doch im Lateinischen gar nicht, und im Griechischen nur bei zwei Vocaken — s, ^; o> w —- der Fall ist, welcher Umstand aber gar nicht zu erklären wäre, wenn wir nicht annehmen wollten, daß kürze und lange Bocale im Wesen der hebräischen Sprache begründet seien. Daß aber das Wocalisation-System, das wir jetzt im hebräischen Text der H. Schr. finden, keine Erfindung der Maforeten, sondern ein mit der Sprache selbst ihnen überkommenes Gut ist, das sie, zu seiner sichern Erhaltung, nur durch äußere Merkmale zu veranschaulichen sich bestrebten, —- geht unwiderlegbar aus der alexandrinischen Version hervor, in der sich ja das masoretische Vocalisation - System — bis auf wenige Ausnahmen, für die sich allenfalls noch ausgleichende Gründe ausffnden ließen —- bereits vorfiudet. Da lesen wir dem Original ganz analog: ’lcmaß, ’IgqmiI, 'AöriQ, und nicht: 'lanoß, ’IgqcisX, ’IoGecp, ’Agsqj eben so lesen wir daselbst: ’laqDs#, ’EcpQuiii, ’Ekxavci, Fohccfr, und nicht: ’lag)yd, yH(pQcd]i^ 'Hkuctvcc, Faha#. Noch deutlicher aber leuchtet uns der Einfluß des Lautgehalts auf das Wesen der Sprache ein, wenn wir Wörter wir: yix, ION'3 b&ü, btsfoj 'ffl, \S“TP) u. d. m. näher' in Betracht ziehen Äderen 'Bedeutung großen Theils von ihrem Lautgehalt abhängt. In Erwägung dieses Alles möchten wir uns leicht geneigt fühlen, bei der Gründung einer hebräischen Metrik den Lautgehalt zur Basis der Quantität zu machen; allein bevor wir das entscheidende Wort aussprechen, wollen wir noch einen forschenden Blick auf das Accentuations- System im hebräischen Text der H. Schr. werfen, — vielleicht werden wir dadurch bei der Feststellung des Sylbenwaßes anderer Meinung werden. — tz. 3. Schon die äußerst strenge Eonstquenz,^ mit welcher das Accentuations-System im hebräischen Text der H. Schr. dmchgeführt ist, nöthigt uns, dasselbe für ursprünglich und unverfälscht zu halten; dringen wir Aber erst tiefer in sein Inneres ein, suchen wir auf analitilch historischem Wege mit seiner Natur und Beschaffenheit naher bekannt zu werden: so drangt sich uns die vollkommene Ueberzeugung auf, daß dasselbe tief im Wesen der Sprache gegründet und mit derselben aufs innigste verwachsen sei.— Die hebräische Sprache hat sich, wie jede andere Sprache, nach und nach entwickelt; sie ging in einer Stufenfolge von Voealarmuth in Vocalreichchum über. Sie bestand ursprünglich in kurzen, einsylbigen Wörtern, 4) Die wenigen Abweichungen von der üblichen Regel, die hier und da zum Vorschein kommen, sind, in sofern sie nicht sprachlich begründet sind, Versehen der Abschreiber, keineswegs aber Inkonsequenz des Systems zu nennen. —