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Der Orient · 1841-09-25 · Heft 39 (25.9.1841) · p. Seite 258

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 39 (25.9.1841)
Article
Die Juden im Kirchenstaat und in Toscana
Date
1841-09-25
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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258 mit so großer Hast und zu geringer Rücksicht auf Gewohnheit in's Werk setzte Ferdinand I widerstand in Betreff Livorno's allen Zumuthungen der Intoleranz. Er betrachtete Livorno als seine Schöpfnng und hatte Recht, darauf stolz zu seyn. Seine Nachfolger blieben großenteils seinem Systeme rreu, und wenn Cosmus 1!. der Ueberreste der spanischen Sarazenen, welche, dreitausend an der Zahl, mit ihren Familien durch ihn selber (1611) nach den Ebenen von Livorno und Pisa verpflanzt worden, bald wieder sich entledigen mußte, so geschah dies nicht etwa aus religiösen Rücksichten, sondern weil sie sich keiner Zucht und Regel fügen wollten und zmn Ackerbau sehr wenig Geschick zeigten Strenge Beschlüsse schützten die Israeliten vor Belästigung und Beschädigung durch die christliche Bevölkerung. Biele Conversionen kamen unter dem frömmelnden Cosmus Hl. (1670 — 1723) vor; meistenteils aber hatten die Christen sich über den Zuwachs eben so wenig zu freuen, wie die Juden über den Abfall zu trauern, und die Pensionen auf's Credo, wie das Volk die solchen Proselyten gezahlten Jahrgehalte nannte, wurden zum allgemeinen Gespött. Die französische Regierung in Toscana, welche übrigens die im Jahre 1806 gegen die französischen Israeliten ergriffenen restrictiven Maßregeln nicht auf die Livornesen anwandte, schaffte die spezielle Gerichtsbarkeit der Maffari ab, und nach der Restauration der Lothringisch-Habsburgischen Dynastie blieben die Juden den übrigen Unterthanen in der Art gleichgestellt, daß sie von denselben Tribunalen und nach den nämlichen Gesetzen gerichtet werden, indem ihre sonstigen Privilegien, bürgerliche wie religiöse, unangetastet und unverändert bleiben. Die Zahl der israelitischen Bevölkerung Livornos hat zu verschiedenen Zeiten sehr geschwankt. Im Jahr 1633 zählte die Stadt 8643 Einwohner, wovon 700 dem mosaischen Glauben angehörten; im Jahr 1645 hatte diese Zahl sich beinahe verdoppelt. Spater war der Zuwachs geringer, und kn dem Jahrhundert von 1738 bis 1837 vermehrte die israelitische Einwohnerzahl sich nur um ein Viertel (3476 —4497), während die christliche in derselben Zeit sich verdreifachte. Diese 4497 Israeliten, von denen gegen ZOO Afrikaner sind, 50 Asiaten, die übrigen Europäer, sind in 1106 Familien getherlt, von denen über 270 zu den ganz armen gehören. Obwohl den Juden, wie gesagt, die Erwerbung von Grundeigenthum frei steht, so legen doch die Wenigsten unter ihnen ihre Kapitalien auf diese Weise an. Es ist dies eine auch anderwärts vorkommende Erscheinung: die tiefeingewurzelte Gewohnheit, welche allerdings auf politischen, bürgerlichen und persönlichen Verhältnissen vieler, in Verfolgungen, Drang und Nöthen verbrachten Jahrhunderte fußt, vielleicht auch eine noch tiefer liegende moralische Eigenschaften, weifen den Juden immer wieder, und man könnte, in Betracht der geringen Zahl der Ausnahmen, sagen, beinahe ausschließlich auf die Industrie des eigentlichen Gewerbes hin, sei es nun Geldgeschäft oder Handel im cngern Sinn. Denn diese bieten einesthells mehr und raschere Chancen, cmdernthells laßt sich der Betrag des Vermögens leichter verheimlichen, was der Masse dieses Volks fast zur andern Narur geworden ist. Der Erwerb unbeweglicher Güter scheint für die Mehrzahl keinen Nnz zu haben. Uebrigens würde man schwerlich irren, wenn man annähme, daß zu dieser Erscheinung auch der Umstand beiträgt, daß die wenigsten jüdischen Häuser in Livorno von wirklich altem Bestände sind, vielmehr die Mehrzahl allmahlig emporgekommen ist. Die Zahl der Ekgenthümer beträgt nicht ganz ein Zehntel, welche nach dem Kataster ein jährliches-Einkommen von 455,265 Lire von Grundbesitz haben. Größere Kaufleute, Bankiers, und solche, welche die frein Künste üben, beliefen sich im Jahr 1837 auf 486, die GesammtzahL der Handel - und Gewerbtreibenden auf 1409 Individuen; die Zahl der die Familientaxe Erlegenden betrug 425, auf 4390 kn der ganzen Livorneser Gemeinde. Im Allgemeinen haben Thatigkeit und Bedeutung der israelitischen Handelshäuser in den letzten Jahren sich vermindert. Für das Unterrichtswesen sind in dieser Gemeinde verschiedene Hülfsmittel vorhanden. Man zählt eine Akademie für theologische Studien, eine Erziehungsanstalt für den Elementar- und böhern Unterricht der wohlhabenden Klaffen, ein von Familienvätern gestiftetes Institut, zwei Schulen für den wechselseitigen Unterricht, eine Handelsschule, eine grammatikalische Schule, vier Anstalten für den Religionsunterricht, endlich zwei Kinderbewahranstalten für Knaben und Mädchen. Die Zahl der im Jahr 1834 diese Anstalten Besuchenden (mit Ausschluß der beiden zuletzt genannten Asyle) betrug 767, und verhielt sich also zur Bevölkerung wie 1:5. Ueberdieß gibt es eine nicht unbedeutende Anzahl von Vereinen zu wohltätigen Zwecken für Krankenpflege, Unterstützung von Wöchnerinnen und Versorgung mit Ammen, für die Herbeischaffung von Lebensmitteln, Feuerung, Kleidung und Betten, für die Unterstützung fremder Glaubensgenossen, das Begraben der Lotten, endlich zur Aussteuer armer Mädchen und zur Förderung der Künste. Ein israelitisches Spital ist noch nicht vorhanden, was bei der nicht geringen Zahl der Armen und unter den bestehenden Verhältnissen einigermaßen Verwunderung erregen dürfte. So viel von den Livornesen,, die bei Gelegenheit von Bemerkungen über die toscamschen Juden natürlich am meisten in Betracht kommen müssen. Weniger bleibt mir von denjenigen zu sagen übrig, welche in den übrigen Städten des Großherzogthums wohnen. Den Ghetto in der Hcmptstadr habe ich bereits beschrieben; schon lange aber sind die Israeliten nicht mehr ausschließlich auf denselben angewiesen, sondern können wohnen wo sie wollen, von welcher Bewilligung denn auch ungefähr der dritte Thekl von ihnen Gebrauch macht. Ihre Zahl betragt nach den zu Ende des Jahres 1836 gefertigten Listen 1006 Individuen, worunter 30 Grundeigenthümer und zehn Wechselhäuser. Eine Synagoge mit einem Rabbiner, eine öffentliche Schule für hebräische Sprache und Literatur, eine Verwahranstalt für Armenkinder männlichen Geschlechts- und verschiedene für wohlthätige Zwecke gestiftete Gesellschaften finden sich in der Florentiner Gemeinde, die der Regierung gegenüber durch einen Verwaltungrath repräsentirt wird. Sie. zählt eine nicht geringe Zahl wohlhabender und achtbarer Familien, die sowohl in geschäftlicher Beziehung einen sehr ehrenwerthen Namen haben, als zum Theil in die höhere Gesellschaft ausgenommen sind und sich auch durch die Unterstützung, die sie den schönen Künsten gewähren, vorteilhaft auszeichnen. — In H) isa rechnet man 365 israelitische Einwohner, mit einer Synagoge, einer öffentlichen Knabenschule , einer theologischen Schule mit Bibliothek, drei Privatanstalten, einer wohlthatigcn Stiftung und einem Verwaltungsrath. Siena hat 385 Juden, mit einer Synagoge, einer Armenschule und zwei Privatschulen, und zwei Vereinen für milde Zwecke. In Pitiglian o, dem Hauptort einer vormals unabhängigen Orsinischen Grafschaft, welche, an dem äußersten südöstlichen Ende Toscanas gegen den Kirchenstaat und die Maremma zu gelegen, erst ftn Jahr 1608 durch Kauf mit dem Großherzogthum vereint wurde, zahlt man 329 Israeliten, welche meist in den umliegenden, vom Verkehr der großen Straßen abgeschiedenen Ortschaften als Hausirer Detailhandel treiben. Sie Haben eine Synagoge und zwei Schulen, worunter eine nach dem

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