Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1841)
- Article
- Die Juden im Kirchenstaat und in Toscana
- Date
- 1841-09-11
- Page
- Seite 248 (sequence 2)
- Language
- German
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248 früher diesem Volke eine besondere Insel angewiesen, und von dorther verbreitete sich der Name Ghetto, der bald allgemein wurde. Der römische Ghetto liegt in Rione St. Angelo, dicht an der Wer, deren Ueberschwemmuiigen er häufig ausgesetzt ist. Mehrere Lhore führen zu ihm, zwei auf der Piazza Sca Maria del pkanro, über deren einem man das Wappen des Papstes neben dem des Cardmalvikars sieht, dessen Jurisdiction der Ghetto unterworfen ist, wovon später die Rede sein wird. Ein anderes Thor ist auf der Piazza belle Larrarughe, wo der allerliebste Brunnen steht, den eine ganz unbegründete Tradition dem Raffael zuschreibt. Ein viertes und fünftes befindet sich in der Nähe der Brücke Quattro Capi, welche zu der Liber-Insel führt, hinter dem in den Ruinen des Marcellustheaters gebauten Palast, der ehemals den Savelli gehörte und nach der«n Aussterbm an die Orsini kam. Len letztgenannten Thorm gegenüber sieht man eine Kirche, welche an der Fa^ade das Bild des Gekreuzigten mit hebräischer Inschrift trägt. Es ist ein dichtbewohntes, rühriges, aber keineswegs schönes Stadtviertel, von dem der Ghetto einen Lheil ausmachr. Enge, krumme Straßen mit unwohnlichen Häusern durchkreuzen sich in allen Richtungen. Von der alten Pracht, die hier einmal herrschte, ist kaum eine Spur übrig geblieben. Die kläglichen Reste des kolossalen Porticas der Octavia sind von Schmutz und üblem Geruch umgeben, indem hier der Fischmarkc gehalten wird; mitten unter ihnen steht die jetzt völlig modern ist'icke Kirche S. Angiolo in P^scheria, die namentlich darum merkwürdig ist, weil in und vor ihr Cola di Rienzos Versuch, die altrömische Republik herzu stellen, am Vsingstseste des Jahres 1347 begann. Von Rauch geschwärzt sind die Lravectinquadecn des noch stehenden Lheiles der äußern Arkadenreihe des Marcellustheaters; in seiner innern Area, wo der Schutt einen nicht unbedeutenden Hügel gebildet hat, sicht man nur neue Bauten. Auf der andern Seite des Ghetto, nach dem Ponte Sisto zu, liegt auf einem Hügel, der durch die Ruinen des Theaters des Balbus gebildet worden ist, der Palast der Cenci, ein großes, unregelmäßiges, sehr verwahrlostes Gebäude, ohne architektonische Schönheit, aber nicht ohne Charakter und in einzelnen Lheilen noch km Uebergang von mittelalterlicher Formen zu den modernen zeigend. Dicht an den Palast angebaut ist die kleine, dem h. Thomas gewidmete Kirche, welche Cristoforo Centi begannen und sein Sohn Froncesco , der berüchtigte und schuldbedeckte Varer der unglücklichen Beatrice, der Inschrift gemäß im Jubeljahre 1575 vollendete und ausschmückte, *) das einzige Gute, wie die gleichzeitige Chronik sagt, das er in seinem Leben ge- , *) Da es sich um eine durch ihr grauenvolles Schicksal so bekannt gewordene Familie handelt, setze ich die -beiden, an der Kirche zu lesenden Inschriften hierher: Praneiscus Cincius Christophori Mus et eceJesrae patrönus templum Lnoc rebus ad divinum cuitum et ornatum necessariis ad perpetuam rei memoriam exornari ac perfid curavit anno jubilei MDLXXV. Ecclesia paroehialis D. Thomae apost. die. de iure patronatus kam. Christoph. Cincii, Ich begreife nicht, wie Shelley in den Anmerkungen zu seiner die Geschichte der Beatrice behandelnden Tragödie hat sagen können,- er habe das Kirchlein überall gesucht, aber nicht gefunden. than, aber nur in der Absicht, alle seine Kinder dort begraben zu sehen. Hinter dem Palaste Cmci und zum Theil an der Ringmauer des Ghetto, ist ein großer, freier Platz an der Tiber, von wo man eine schöne Aussicht auf die Ufer des Stroms genießen könnte, wenn man durch die aus den nahen Gerbereien herstromendcn Düste nicht alsbald verscheucht würde. So ist die Umgebung von Ghetto beschaffen. (Fortsetzung folgt.) Persorralchronrk rmd MLseellerr. Anerkennung. Der treffliche Prediger Dr. G. Salomo n hat von einigen der vornehmsten jüdischen Mitglieder der Gemeinde in Dresden zum Abschiede einen sehr geschmackvollen silbernen Becher erhalten, und dies ist gewiß nicht nur ein schöner Beweis, wie wahr die Mittheilnngen im Oriente über die Aufnahme und Wirkung der Predigt dieses ausgezeichneten Redners war, sondern auch, welcher treffliche wahre religiöse Geist in dieser gut organisirten Gemeinde herrscht. * * * Sch riften und Brochüren bei Gelegenheit der jetzigen Reformbewegungen im jüdischen Cultus in Frankreich. Schon seit zehn Jahren drängte die demokratische Verfassung der Synagoge in Frankreich zu Reformen im jüdischen Cultus, und das israelitische Cmtral- Consistorium .in Paris sah sich gezwungen, wenn es nicht ganz seine Bedeutung verlieren wollte, die Initiative Zu Reformvorschlagen zu ergreifen. Es erschienen in dieser Beziehung: ,,Projet d’ordonnance conteuant l’organisatkm du! culte israeliteu, als Manuscript vom Central-Consistorium in j Paris gedruckt und an die Provinzial - Consistorien von Paris aus versandt. Ja36,Paragraphen wird darin eine neueOrgani-! sation der Verwaltung und in 34 die religiöse Reform bestimmt. Gegen dieses „Projet“ erschienen drei Gegenschriften : 1) Protestatio n de la part de M, Je Grand-Habbin de Metz; 2) Protestation de Ja part de M. le Grand- Rabbiii de Nancy; 3) Protestation de la part de M. Je Grand-Kabbin de Marseiile. Die drei Gegenschriften sind ebenfalls nur als Manuscript gedruckt. A. P. Z. * * * Breslau, 1. Septbr. Heute fand in Gegenwart der höchsten Behörden die solenne Einweihung und llebergabe des großen, prächtigen Fränkelschen Hospitals an die jüdische Krankenverpfleg ungsanstalt statt. Der Kaufmann Jonas Frankel, ein Mann, dessen Name von tausend Bedürftigen mit Seegen genannt wird, hat dieses Gebäude errichtet und hinterher noch bis zur Gesawmtverwendung eines Capitals von 100,000 Thlr. dotirt. Es ist vortrefflich angelegt, enthält zugleich das jüdische Waisenhaus und hat auch durch den Stifter, dessen Namen es aus Grund einer Cabinetsordre vom 20. Mai 1840 führt, die vollständigste innere Einrichtung erhalten. Zur Einweihungsfeier hat der Arzt des Instituts, der als medicinifcher Schriftsteller rühmlich bekannte Dr. Grätzer, die Geschichte der israelitischen Krankenverpflegungsanstalt und Beerdigungsgesellschaft zu Breslau herausgegeben , welche als ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Juden in Breslau überhaupt angesehen werden frum. Verlag von <S* L. Fritzfche. Druck von I. H. Nagel.