Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1841)
- Article
- Smyrna: türkisch Ismir. Das jüdische Quartier ...
- Date
- 1841-07-17
- Page
- Seite 205 (sequence 1)
- Language
- German
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Zweiter Jahrgang. Berichte, Studien f-ür und Kritiken Das Abonnement für ein Jahr ist 5 Lhlr. Man abonn irt bei allen löbl. Postämtern und allen solid. Buchhandlungen auf ein Jahr. jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Won dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich, das Litcraturblattmitgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Samstag regelmäßig. Dr. Julius Fürst. gHA 29» Leipzig, den 17. Zuli 1841. Orient. Kleinasien, Smyrna (türkisch Jsmir. Das jüd. Quartier. Behandlung der Peftbefallenen. Die neun Synagogen. Die Talmud-Tora-Schule 2c. Corfu, Zustand d. Juden das. Anzahl d. Familien, Rab. Vivas. Zante, Zustand u. Größe d. dort. Gemeinde.) — Ungarn (Leipzig, Bericht v. Dr. Ehrmann üb. Bedürfnisse d. Gegenwart in Ungarn. Pefth. Drei neue Subsistenzwege f. d. Juden.) — Personalchronik u. Miscellen. Neue Stiftung in Hamburg. Kaf al-Jehud. LB. d.O. O r i e n t. |] Smyrna. Nächst der Metropole des türkischen Reiches, nächst dem ausgedehnten Konstantinopel und Saloniki, hat Smyrna die bedeutendste Wische Gemeinde der europäischen Türkei, aber auch nirgends ist sie so tief verarmt und daher so unwissend und aller Cultur bar als hier. Schon ihr Quartier, in welches wie es scheint sie sich willig zusammendrängt, ist ein Zeugniß von dem Elend der Gemeinde, aber auch von dem sklavischen Sinne, da die Gemeinde sich gar nicht hinaussehnt. Unter allen Judenquartüren der türkischen Städte ist das zu Smyrna vorzüglich unrein, schlecht gebaut und voller Schmutz und Pfützen, die Hauser sind nichts als elende Schuppen, bestehend aus einer halb unter der Erde befindlichen Kammer, wo vorn die Krambude und hinten die Wohnung ist. Die Straßen dieses Quartiers, wenn man sie so nennen soll, erfahren nichts von reiner und frischer Luft, desto größer ist aber ihr Reichthum an Unreinlichkeit, wenigstens an äußerer, und Elend. Die Sittlichkeit scheint aber mit der Armuth und der Unwissenheit nicht gleichen Schrittes zu gehen; bei allem Fanatismus und bei allem Elend herrscht vielmehr ein mäßiges sittliches Leben vor, und dieses ist ganz allein der Grund, warum zur Zeit der Pest diese Gemeinde wenigstens nicht mehr leidet als die übrige Bevölkerung, obgleich die sorgsamere Behandlung als bei den Türken auch wohl etwas beitragt. Bon dieser jüdischen Behandlung der Pestbefallenen erzählen die Aerzte viel Rühmenswerthes: „sie geben nie wie die Türken den Befallenen aus, sondern sie öffnen zur bessern Reinigung der Lust die Fenster und bedecken den Kranken so warm als möglich, daß er sich nicht erkälte; Alles was den Kranken umgibt, wird aufs Reinlichste gehalten; man läßt ihm zum Getränke nichts als Limonade und über die Pestbeulen macht man unausgesetzt Umschlägen Nach dieser Behandlung werden oft 60 bis 65 von 100 Kranken gerettet." — Die besten Häuser sind entschieden die Gotteshäuser, die Synagogen, deren es hier, nachdem die größte den 4. April 1837 abgebrannt, noch ungefähr neun kleinere giebt; denn diese sind alle gesund, reinlich und höchst gefällig eingerichtet, umgeben von Weßnpflanzungen und Feigenbäumen, so daß man die Juden mit Lust da verweilen sieht. Schulen nach unserem Sinne giebt es da nicht, wenn man nicht die einzige Talmud-Tora-Schule so nennen will. Die Schule Talmud - Tora ist freilich ein großes Gebäude mit einer Art von 10 Klassenzimmern, aber das Gebäude ist schon sehr verfallen; die 250 Knaben, welche düse Schule mit ungefähr 10 Lehrern besuchen, sind so unwissend als ihre Lehrer, oder umgekehrt, die Lehrer sind so unwissend als die Knaben. Das moralische Mittel, dessen man anwendet, um der Jugend das wenig Hebräisch beizubringen, ist das Bastonaden-Jnstrument u. die Peitsche, welche Gegenstände jedes der zehn Klassenzimmer zieren. Sonst gibt es nur C h e d a r i m wie in Polen. Wenn sich die Gemeinde dazu entschließen könnte, die Schule Talmud-Tora einem tüchtigen, deutschen Direktor zu geben, so könnte sie mit geringer Mühe zu einer Musterschule umgeschassen werden, da die Lineamente vorhanden sind. — Verbindungen zu frommen Zwecken oder Brüderschaften (Chebrot) giebt es hier wie in allen Gemeinden, aber sie sind ohne geistiges Leben, ohne energische Thätigkeit, und selbst das eine große Krankenhaus oder Spital ist mehr aus Nothwendigkeit als aus Antrieb solcher Gesellschaften entstanden, und wie sehr sticht es gegen die anderen fünf Spitäler der übrigen Bevölkerung ab! Die Sprache des Umganges unter einander ist wie in Constantmopel ein altes verderbtes Spanisch, das bis zur Carrikatur verschlechtert ist; in der neuern Zeit spricht die niedrige Klasse auch ein verderbtes Englisch und Französisch, da sie bei den Schiffen der Franzosen und Engländer vielfach beschäftigt wird. So weit haben sich die Reformen im türkischen Reiche noch nicht erstreckt, daß man anfangen sollte das Türkische ordentlich zu lernen, und das Rundschreiben von Moses Fresko zu diesem Zwecke wurde bis jetzt ganz und gar nicht beachtet. Talmudisten nach altem Schrot und Korn gibt es noch eine große Zahl, die ihre liebe Zeit in einigen hier noch vorhandenen Bote Midraschim hinbringen, aber keinen einzigen Mann von Wissenschaft und Bildung, wenn mam nicht die wenigen jüdischen Aerzte dazu rechnen will, von welchen wieder die besten das Ludenthum verlassen. Die fremden Aerzte und die Missionare geben die jüdische Bevölkerung als aus 29