Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 28 (10.7.1841)
- Article
- Gedanken über Religionsphilosophie und Judenthum
- Date
- 1841-07-10
- Page
- Spalte 427-428 (sequence 1)
- Language
- German
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428 427 Jul. Friedsohn: Gedanken üb, Religionsphilosophie u. Judenthum. Gedanken über Religionsphklofophre und Judenthum, von Julius Friedsohn. (Zn fünf Paragraphen). I. Jedes West», sowohl in der physischen als moralischen Weltordnung, das zur Erscheinung gekommen und im Reiche des Daseins sich manifestirt hat, besitzt neben seiner äußern Form, in der es als Objekt der Anschauung uns entgegentrüt, noch einen innern Kern, eine Idee, wonach es gebildet ist. Diese Idee ist sein Princip, das seine ganze Organisation durchströmt, der Grund seines Daseins, die Triebfeder seiner Entwickelung und selbst die Quelle seiner Vernichtung; dieses Princip ist im großen AU der Körper- und Geisterwelt die Seele, die es belebt, und es in seiner bestimmten Daseinsform erhält. — Aber diese Idee, obschon in jedem Wesen vorhanden, leuchtet jedoch mit noch höherem Glanze aus den geistigen Schöpfungen hervor, und erscheint in seiner: Glorie auf dem Gipfel der geistig-sittlichen Institution des Menschen, in der Religion. Denn während in dm materiellen Dingen ihre äußere, endliche Form uns zuerst entgegentcitt, und der Stoff mit seiner Breite uns jede Aussicht in das Innere eine Zeitlang entziehet, so sind hingegen in den . geistigen und moralischen Wesen, d. L. in den göttlichen Institutionen, selbst die äußern Formen ätherisch und durchsichtig, und beurkunden sich alsbald als die Radien eines höhern Brennpunktes, von dem sie allein Licht und Leben erhalten, durch den sie allein Sinn und Bedeutung haben- Zn den materiellen Dingen beherrscht die Form den Inhalt, und die Erscheinung das Wesen, während in dm geistigen Objekten der Inhalt die Form und das Wesen die Erscheinung durchdringt und sie sich unterordnet. — Dieses ist" aber zugleich der Grund, warum die wahre und richtige Idee sittlicher Objekte, insbesondere der religiösen Institutionen, öfter verkannt wird, als die der körperlichen Gegenstände; denn es fehlt uns bei den erstem an einem gemeinschaftlichen Maaßstab, um damit unsere Ansichten zu messen, und sie auf solche Weise zu rektificiren, was bei den letzter», durch die Sinne und die körperliche Umgebung sehr wohl geschehen kann. Ein Beispiel mag dies erklären. Wir werden z. B. gewiß in der Beurtheilung irgend einer Farbe, nehmen wir der Rothen, ziemlich übereinstimmen; obschon es wohl möglich, ja wahrscheinlich ist, daß Jeder von uns vermöge dev besonder» Konstruction seines Gesichtsorgüns, und noch mehr vermöge seines besonder» Standpunktes im UÄ^rsum, den jedes Individuum nothwendig für sich einnehmen muß, von einer und derselben Fache anders assicirt wird als der Andere. Dennoch ist unser Urtheil hierin übereinstimmend, weil der Gegenstand vor uns zur Anschauung daliegt, mit dem wir unsere verschiedenen Urtherle gemeinschaftlich messen und ins Reine bringen können. Hingegen werden gewiß kaum zwei von uns mit den Begriffen Gott, Lugend, Wahrheit und Seligkeit, gleiche Vorstellungen verbinden, weil jenen Begriffen keine sinnliche, konkrete Objekte korrespondiren, um unsere Vorstellungen an sie zu prüfen und zu berichtigen. Dies ist der Grund der Unsicherheit abstrakter Erkenntnisse überhaupt; die Religion insbesondere aber hat noch eine andere Schwierigkeit zu überwinden, und die eine Mißdeutung nur zu sehr begünstigt. — Sie muß nämlich die zwei heterogensten Dinge unter ihre Fahne vereinigen; sie muß bekanntlich den Geist mit dem Körper aussöhnen. — Der Mensch gleicht hierin der Leiter im Traumgesichce des Patriarchen. Mit seinen Füssen auf der Erde stehend, reicht er mit seinem Haupte bis an den hohen Himmel. Er ist die wunderlichste Komposition von Ewigkeit und Vergänglichkeit, von Größe und Kleinheit, von Erhabenheit und Erbärmlichkeit. — Zudem sind diese beiden Faktoren seines Daseins so einig und unzertrennlich mit einander verbunden, daß es unnütz und zwecklos wäre, bloß einen derselben zu berücksichtigen und den andern zu vernachlässigen. Will mau etwas Neingeistiges schassen, so wird es nur für Engel, aber nicht für den Menschen taugen, weil er tiefer stehet; will man hingegen etwas Reinsinnliches sormiren, so gehört es wieder dem Thiere und nicht dem Menschen, weil er höher stehet. — Zudem ist die Religion keine Wissenschaft oder Kunst, die im Vermögen (poientia) besessen werden könnte, ohne zugleich in Wirklichkeit (aotu) ausgeübt zu sein. Man kann schon Mathematiker sein, ohne jeden Augenblick algebraische Formeln zu berechnen. Man kann Musiker sein, ohne jahrelang die melodischen Töne seinem Instrumente entlockt zu haben. — Doch kann der durchaus keine Religion haben, der nicht religiös lebt, d. h. der nicht jeden Augenblick von der Wahrheit der Religion durchdrungen ist, und seine ganze Denk- und Handelsweise darnach richtet. Daher kann man wissenschaftlich gebildet, man kann ein talentvoller Künstler, und doch dabei moralisch böse sein; doch wird man niemals einen wahrhaft religiösen Menschen von moralischer Verderbtheit finden; weil die Wissenschaft und die Kunst, jede gleichsam nur eine Rubrik des Herzens ausfüllt, während die. Religion alle Lebenspulse durchströmt und den Menschen in seiner Totalität zu sich heranbkldet. Um aber dieses zu leisten, muß sie eine Institution sowohl für den Geist als für den Körper sein; und zwar für den erster» (A) in der religiösen Idee sich beurkunden, und um sich letzter» sichtbar zu machen, mußte sie eine körperliche Hülle umnehmen und dieses ist (B) das religiöse Zeremonialwesen. — Daher finden wir keine positive Religion ohne Zeremonien-Satzungen und Einrichtungen. Die Wahl der Zeremonieen war indeß nicht so leicht, als es sich etwa denken ließe; denn sie dursten nicht ganz ohne vernünftige Bedeutung sein und blos dem Gefühle huldigen, weil sie ihren .Zweck, die Erleuchtung des Menschen, verfehlen und in nur noch größere Zerwürfniß dringen würden. „Wehe dem Herzen 1"