Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1841)
- Article
- Jüdische Zustände in Italien
- Date
- 1841-06-19
- Page
- Seite 188 (sequence 3)
- Language
- German
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- 188 Rabbiner waren zuweilen tüchtige Gelehrte und.die berühmte hebr. Academy welche hier wirkte und bis auf die Zeiten der sranzöschm Revolution lebte, genoß eines großen Rufes selbst jenseits des Meeres. Jetzt ist freilich all'diese Herrlichkeit verfallen,- nur einige Wissenschaft!. Vereine für religiöse Studien sind an die Stelle der einst berühmten Academie getreten, die nicht immer das wahre Ziel der Volksbildung und Erziehung im Auge behalten und obgleich das religiös - kirchl. Leben hier in so fern großartig erscheint, als es alle drei Ritus umfaßt, die in 9 Synagogen gepflegt werden, so erscheint doch das ganze gottesdienstl. Leben wenig gehoben und im althergebrachtem Tone fortgeführt. Doch steht zu hoffen, daß auch hier bald das Verlangen nach zeitgemäßen Reformen laut verlangt werden wird; denn die Bildung hat namentlich in der letztern Zeit vorzüglich durch den Andrang zu den Wissenschaften große Fortschritte gemacht und bereits auch auf die Elementarschule seine wohlthätige Wirkung geäußert. Die Schule ist seit circa 4 Jahren nicht mehr eine bloße Religionsschule, sie ist zu gleicher Zeit auch Unterrichtsanstalt in den Elementen der Wissenschaften, die jedem gebildeten Menschen in unsrer Zeit dienen. Die Reichthümer der modenessischen Israeliten verschaffen ihnen eine große Geltung im Handel, .wahrend leider die einmal Armen, bei der Beschränkung in Handwerken und Professionen, auch in tiefem Elende schmachten und daher einzig von den Reichen und deren Wohlthätigkeit , leben. Das Armenwesen erscheint darum hier auch gut geordnet. Reggio zahlt beinahe an 800 Israeliten, die sehr industriös sind. Das Alter der hiesigen Gemeinde mag dem der Gemeinde zu Modena kaum nachstehen. Die Einschließung in einen abgegrenzten Ghetto verdankt sie der Herzogin Laura v. Este (1634), doch schuf dieselbe Zeit auch den herrlichen Tempel, der noch jetzt als eine Kunstschöpfung betrachtet und von Fremden besucht wird. Neben diesem Tempel zählt R. noch 4 andere Synagogen , den verschiedenen Ritus angehocend und eine nicht geringe Anzahl ausgezeichneter Rabbinen haben Cultus und Unterricht, Sitte und Leben auf eine erfreuliche Art zu fördern! gewußt. Vorzüglich hat sich Anania Cohen um die Vildlmg seiner Glaubensgenossen hochverdient gemacht und durch Einrichtung einer Privatschule nicht blos gute.Schüler, ^-sondern auch gute Lehrer gezogen und dadurch der öffentlichen Schulanstalt Reggio's Vorbild und Beispiel gegeben. Zieht man den lebendigen Verkehr der Israeliten Reggio's mit der übrigem Welt in Betracht, so darf es nicht Wunder nehmen, wenn dieselben so guc orkenlirt und gebildet erscheinen. Es wird übrigens Zeit, daß man ihnen Concessionen macht, wenn der Strom gewerbthätiger Menschen und wohlhabender Leute sich nichts wie bereits schon geschehen, nach Parma wenden sollen, wo man Humanität und Menschlichkeit heiliger hält, als hier. . Die kleine Gemeinde zu Finale mit ungefähr 200 Seelen, nährt sich von dem Ruhme, den berühmten General V e nrura in ihrem Schooße geboren zu haben. Correggio, das den Meister Jeff (Kupferstecher) gebar, ist reich durch seinen Handel; Carpi mit 300 Israeliren, Noreilara mit 200 Seelen und Scandiano mit ■ 150, sehen sich einander akeich und bieten keine hervorstechenden charakteristischen Merkmale. H e r z o g t h u m P a r m a» Dies gesegnete Ländchen erscheint geschickt, auch über die ihm angehörigen Israeliten reichen Segen zu verbreiten. Es ist das Land Italiens, das am wenigsten von der Gesetzgebung der Restauration berührt wurde, und die Lage der Israeliten erscheint darum wenig anders, als wie sie unter den Franzosen sich gestaltet hatte. Es genießen hier die Israeliten beinahe volles Bürgerrecht, es ist ihnen verstattet, durch Handwerke und Künste sich zu nähren, Grundbesitz anzukaufen, zu wohnen, wo sie wollen, öffentliche Äemter zu suchen und zu bekleiden rc. Leider aber ist die Anzahl der hier wohnenden Israeliten nur klein, die Gemeinden sind ganz unbedeutend und darum ist auch ihr Einfluß nur gering, darum verfließt ihr Leben, ohne daß sie aus der Sonne der Freiheit, bi* sie bescheint, den gehörigen Vortheil zögen. Vielleicht hebt sich das Leben durch die Einwanderungen, die, wie wir schon oben be- . merkt haben, in neuerer Zeit nach diesem Herzogthume stattfinden; vielleicht und noch mehr aber durch das Eindringen des wissenschaftlichen Geistes von Deutschland her) der bereits das benachbarte lombardisch-venezianische Königreich durchdrungen hat, und auch hier immermehr Jünger zu zählen beginnt, vorzüglich seitdem die aufstrebende Jugend erkannt Zu haben scheint, daß auf dem Felde der Wissenschaft noch manches unangebaut liegen gelassen worden, und vorzüglich Begehr nach tüchtigen Lehrern an Schule und Synagoge stattfindet, so daß man sich in neuerer.Zeit nach den Wissenschaften drängt. Doch wie schon erwähnt, das Gesellschaftsleben der Israeliten Parma's, wird, wenn sich nicht größere Massen und an bedeutungsvollen Punkten ansammeln, niemals von großer Bedeutung werden oder den Zeitungen viel^zu reden geben. - Die meisten Gemeinden z. B. leben auf dem platten Lande. Wir fragen, was soll eine solche kleine Landgemeinde für Einrichtungen, für Institute aufzuzeigm haben, die weitläufiger Besprechungen werth wären? Die Gemeinde der Hauptstadt Parma selbst zählt nur etwa 150 —180 Seelen und darum ist auch hier nicht eben viel Großes und Großartiges zu finden. Daß aber diese Gemeinde für Cultus und Iugendunterricht auch gar nichts thut, daß in Allem der größte Schlendrian herrscht, daß die Synagoge nichts ist, als jene nicht eben auf vortheilhafte Art zum Sprichwort gewordene I u d e n s ch u l e, daß in der Kinderschule nichts rngebaut wird, als das Gedächtniß, indem man die Kleinen religiöse Gebete herplappern lehrt, das gereicht allerdings den Parmanern nicht zur Empfehlung und beweist uns, daß sie als echte Italiener nichts gelernt und nichts vergessen haben, überhaupt um das Morgen sich wenig kümmern, und es Gott und ihrem herrlichen Himmel überlassen, für sie zu sorgen. Das lombardisch-Venezia nische Königreich. Hier tritt uns, wenn wir die Gegenwart mit raschem Blicke überschauen, das österreichische Element mit all seinem segensreichen Einflüsse, aber auch mit seinen Mängeln und Hemmnissen entgegen, und daneben dürfen wir nicht vergessen, daß deutscher Geist und deutsches Leben bereits eine vollkommene Macht ausübt und uns daher lehrt, die dortigen Bestrebungen mit unserm eignen Maaßstabe zu messen. — In allen Ländern, die dieses Königreich bilden, und welche früher alle einen Theil des Königreichs Italien ausmachten , standen zu jener Zeit die Israeliten auf gleichem Niveau mit den Staatsbürgern anderer Confessionen. (Fortsetzung folge.) Verlag von C. L. Fritzsche Druck von I. H. R a g e h