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Der Orient · 1841-06-19 · Heft 25 (19.6.1841) · p. Seite 187

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 25 (19.6.1841)
Article
Jüdische Zustände in Italien
Date
1841-06-19
Page
Seite 187 (sequence 2)
Language
German
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187 heim. Die jährliche Unterstützungssumme, welche die Gemeinde ausbringt, um die fernere Existenz dieser Armen zu ermöglichen, belauft sich auf 60,000 tosc. Lire und wird von dem Rathe der Vierzig verwaltet. In neuester Zeit hat man auch ein Hospital errichtet. Sehen wir auf das innere, das moralische Leben der Gemeinde, so müssen wir freilich bekennen, das neben vieler patriarchalischen Ruhe, vieles Phlegma, viele Unempfindlichkeit sich vorfindet, daß für höher» geistigen Schwung wenig gethan erscheint, obwohl dadurch nicht ausgeschlossen bleibt, daß die Israeliten dort, nicht eine gewisse patriarchalische Einfalt der Sitten äußerten. Wenigstens stellt sich die Zahl der Verbrecher zu der Zahl derselben unter der übrigen Bevölkerung für die Israeliten sehr günstig; 1834 zahlte man unter 174 Vernrtheilten 1 - Israeliten, 1835 unter 164, 8 I sr. 1836 unter 159, 4 Isr.; doch bleibt daneben immer das erste wahr, und Schule und Synagoge stehen zur Zeit auch hier nicht eben .auf einer Musterstufe. Doch hat man anch hier in neuester Zeit, und namentlich seit 1836, zu bessern begonnen. Man errichtete zwei Kleinkinderschulen, eine für Knaben mit circa 60 Zöglingen und eine für Mädchen, mit eben so viel Individuen. Man begann nicht blos eine Armen-Schule zu bauen, deren Fundation sich vorzüglich durch Vermächtnisse ermöglichte, sondern gründete auch eine große Gemeindeschule, wo es in den obern Klaffen auch auf höhere Kenntnisse und Wissenschaften, namentlich auf Erlernung des Französischen, Englischen rc. abgesehen wurde, doch ohne daß die Schule zur Zeit noch die gehörige Bedeutsamkeit erlangt hatte; denn Reiche senden ihre Kinder zur Erlernung von tüchtigen Realkenntmssen immer noch in christliche Lehranstalten, oder lassen dieselben durch Hauslehrer unterrichten. Dankbar muß es erwähnt werden, daß der Vmvaltungsrath es sich hat angelegen sein lassen, auch ein Handwerksinstitut ins Leben zurufen, dessen Fond es ermöglicht, Kinder, welche nach genossenem Schulunterrichte für Erlangung eines Handwerks Neigung zeigen, bei Meistern unterzubringen und sie nach Befinden auszustatteu. Höhere Unterrichtsanstalten, auf denen vornehmlich jüdische Gelehrsamkeit cultivirt würde, gib! es zur Zeit noch nicht und darum liegt auch die jüdische Theologie und das Rabbinenwesen zur Zeit noch im Argen. Die Rabbiner nehmen darum auch noch einen sehr niedrigen Platz ein und erscheinen in der Regel nur als^ Vorbeter. An eine Einrichtung des Gottesdienstes, wie in Deutschland ist kaum zu denken, nur in neuester Zeit hat sich in der großen Synagoge, einem prächtigen, ehrwürdigen 1659 erbauten Tempel, ein Gesang-Chor etablirt. Gepredigt wird nur sehr selten; denn man findet wenig dazu befähigte Subjecte. Doch verläuft der Gottesdienst innerhalb dieser erhabenen Hallen mit einem gewissen Pomp und großartigen Eindruck auf das Gemüth, der durch die Massen der Gläubigen und durch Gewalt der Ceremonien gar sehr gehoben wird. Außerdem zahlt man in Livorno noch 6 Privatgotteshäuser. Der spanische Ritus jedoch ist der herrschende. Nächst Livorno ist die bedeutendste toskanisch-jüdische Gemeinde in Floren z seßhaft. Ohne die bedeutenden Privilegien ersterer Stadt zubesttzen, erfreut sie sich doch der allgemeinen Liberalität des Landes und ist im Ganzen nicht ohne Wohlhabenheit. Die Gemeinde zählt ungefähr 230 Familien mit 1020 Seelen und ist am reichsten an Gcwerbtreibenden. Auch hier gibt es manchen jüdischen Grundbesitzer, mehrere jüdische Aerzte und unter den Künstlern der berühmten Graveur Iesi, ein Zögling'der Academie der Künste zu Mailand. Daneben aber aber auch viele Arme und zwar beinahe die Hälfte der Gemeinde. Doch treu sorgt der wohlhabendere Theil der hiesigen Judenschaft für seine Hilfsbedürftigen, und wir treffen darum auf mehrere Wohlthätigkeitsinstitute, namentlich auf Brüderschaften für Nothleidende; für eingekerkerte Schuldner; .für Kranke u. dergl. Es.gibt 2 Synagogen zu Florenz, eine für den portugiesischen, die andere für den italienischen Ritus; außerdem noch einige Privatbetstuben. Die Schule ist nicht bedeutend, ebenso gewöhnlich ist die Kleinkinderschule für Knaben. An der Spitze der Gemeinde steht ein Verwaltungscath. Pisa mit seinem 365 jüd. Einwohnern bildet eine glückliche Gemeinde, da cs eben so wenig Reiche wie Arme gibt. Man sieht ihr auch diesen Wohlstand des Mittelstandes deutlich an, denn die Gemeinde zahlt 1 öffentliche Schule für Knaben und Privatschulcmstalten, daneben nicht unbedeutende milde Stiftungen. Auch hier leitet ein Gemeinderath das Wohl des Ganzen. In Siena, mit 385 jüdischen Einwohnern finden wir dagegen viel Armuth; außer vielleicht 40 wohlhabenden Familien lebt so ziemlich alles in Dürftigkeit. Umsomehr ist anzuerkennen, daß man auch hier eine wohlgeartete Armen - und Krankenpflege trifft und daß es nicht allem 2 Privatschulen, für Bemittelte, sondern auch eine Freischule für Arme gibt. Ueberhaupt zeigt das Schulwesen kleinerer Städte einen gedeihlicheren Fortgang, als das größere, weil in erstern die Reichen nicht anderweit Gelegenheit finden, ihre Kinder unterrichten zu lassen und deshalb gezwungen sind, ihre Kräfte auf die-Stadtschulen zu verwenden. Auch hier gibt es eine Synagoge, wie überhaupt in jeder Stadt des Großherzogthums, wo die Israeliten eine Gemeinde bilden. — Pitigliano zahlt 329 Juden, mit 2 öffentlichen Schulen; außerdem hat sich in neuerer Zeit ein jüdischer Stamm von circa 30 Individuen zu Arezzo angesiedelt, der jedoch noch keine förmliche Gemeinde bildet; dasselbe ist auch der Fall an andern Orten des Großherzogrhums, wo wir auf Israeliten treffen. Herzogthum Modena. Ueber dieses Herzogthum, in welchem sich die jüd. Seelenzahl auf 3000 beläuft, ist, wie man will, viel oder wenig zu sagen. Die Juden vertheilen sich in 7 Gemeinden, welche zu Modena, Reggio, Finale, Corregio, Carpi, Novell a r a und Scan diano wohnen und von denen nur die an den beiden zuerstgenannten Orten Hauptgemeinden sind. Es gibt viel Reichthum unter den Israeliten dieses Herzogthums, auch an Gütern und unbeweglichen Besitzthümern, deren Erwerb jedoch von dieser Periode (also von 1814) und in Zeiten der Freimachung durch die französische Nation erfolgt ist; denn unter dem jetzigen Regimente sind auch hier die alten Gesetze alle wieder in Kraft getreten und diese verbieten, wie wir bereits bemerkt haben, den Erwerb von Grundbesitz. Jedoch war man hier menschlich genug, das Gesetz nicht rückwirken zu lassen und die Besitzer von Grundstücken nicht zu zwingen, ihr wohlerworbenes Eigenrhum zu verkaufen. In Ausübung von Handwerken, Künsten und Wissenschaften erleiden die Israeliten viele Einschränkungen, sie sind von allen Professionen und Innungen ausgeschlossen, in der Wissenschaft nur auf die Medicin beschränkt und auch hier ist die Praxis an Concessionen gebunden, dürfen in der Regel nur in ihren Umfriedigungen (Ghettos) wohnen und haben nur hier und dort oder auch nur im Einzelnen das Recht ihr Domicil anderswo aufzuschlagen. Die Hauptstadt Modena bildet die Hauptgemeinde mit ungefähr 1200 Israeliten. Schon in uralten Zeiten (13. Iahrh.) finden wir sie hier wohleingerichtet, in hoher Blüthe und gro-.. ßem Ansehen, selbst in wissenschaftlicher Hinsicht; denn ihre

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