Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1841)
- Article
- Breslau: Geschichte der Wilhelmschule
- Date
- 1841-06-05
- Page
- Seite 179 (sequence 2)
- Language
- German
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- 179 - frequenz imj Verhältnisse zu der steigenden Einwohnerzahl abgenommen hatte, was um so auffallender erscheinen muß, als der Andrang jüdischer Schüler nicht nur auf hiesigen Gymnasien, aus natürlichem Grunde, sondern insbesondere bei der höheren Bürgerschule, die sie meistens auch nur bis Tertia besuchen , so groß sein soll, daß einem bedeutenden Theile derselben'aus Mangel an Raum die Ausnahme in dieselbe verweigert werden muß. Ware es denn nicht bester, wenn alle jüdischen Schüler, welche nur die mittleren Klassen eines Gymnasiums oder einer Realschule absolviren sollen, lieber ihre höhere Schule besuchten, in der man ihnen weder mit der Sabbatfeier' noch auf irgend eine andere Weise Gewistenszwang anthut und, außer für die wissenschaftliche, auch noch für ihre religiöse Ausbildung bestens Sorge tragt. An geprüften, tüchtigen jüdischen Lehrern fehlt es nicht; warum sie es aber vorziehen, als Privat- und Hauslehrer zu fungiren, als einem Institute ihre Kräfte zu widmen, von dessen segensreichem Wirken die wahre Emanicipation ihrer Glaubensgenossen abhängt und für dessen äußere Verhältnisse die so große und reiche Gemeinde gewiß so gesorgt haben, wird, daß ein jeder Lehrer kummerfrei seinem öffentlichen Amte und den Wissenschaften leben kann, ist mir unerklärlich geblieben. Hoffentlich wird das Jubelfest die Herzen und Hände wenigstens derjenigen öffnen, die schuldiger Dank daran ermahnt, die Fonds einer Anstalt, der sie ihre Bildung und vielleicht auch ihr Glück zu verdanken haben, nach Kräften zum Nutzen ihrer Glaubensgenossen und des Vaterlandes zu vergrößern. Heute (15. Marz) begeht die W i l h e l m s sch u l e die Feier des fünfzigjährigen Jubiläums, wozu der erste Jnspector der Anstalt, Herr Oberlehrer Dr. J.A. Franco lm durch ein Programm, unter dem Titel: „Zur Geschichte der königlichen Wilhelmsschule" (Breslau, Friedländer, 1841, 33 S. 8.) eingeladen hat. Indem wir uns Vorbehalten, über die zu diesem Zwecke erfolgenden Feierlichkeiten stinige nähere Mittheilungen zu machen, können wir uns für heute auf einen allgemeinen Bericht über die Anstalt seit ihrer Begründung beschränken. Nachdem von Friedrich Wilhelm 1!. am 21. Mai 1790 das Edict zur Verbesserung der Verhältnisse der Juden in Breslau erlassen worden war, wurde am 15. März 1791, nach Beendigung der nöthigen Einleitungen und Vorbereitungen, eine öffentliche Lehranstalt für die jüdische Jugend Breslau's feierlich eröffnet und ihr der Name ,,königliche Wilhelmsschule" ertheilt. Zu Lehrgegenständen waren bestimmt: die deutsche, hebräische, französische und polnische Sprache, deutsch und jüdisch Schreiben, Zeichnen, Rechnen, Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Moral und Bürgerkenntnisse, endlich Naturlehre welche Dr. Elias Henschel bis zum Jahre 1796 vortrug. Das Schulgeld war auf 1 Rthlr., fürminder Bemittelte auf eine geringere Summe festgesetzt; für die Armen ward ganz freier Unterricht bewilligt. Doch die Anstalt, welche Ged ike in seiner Eröffnungrede als eine solche bezeichnet, die nicht leichtsinnige Spötter und Verächter des jüdischen Glaubens, nicht schadenfrohe und seichte Verächter der durch religiöse Ueberzeugungen gegründeten Gemüthsruhe ihrer Brüder, sondern aufgeklärte und redliche Verehrer der Religion, gute, zufriedene und mit dem Geiste echter Duldung und Liebe erfüllte Menschen, geschickte und patriotische Bürger.erziehen sollte, fand bei einem großen Theile der Gemeinde keinen Anklang, da die ehemaligen, in den Privatschulen vorherrschenden 'Lehr-Gegenstände, die den Eltern die wichtigsten und heilsamsten dünkten, entweder verdrängt oder zu wenig berücksichtigt erschienen. Darum begann am 1. November 1791 der Talmud-Unterricht, und im December 1792 ein sehr erweitetec Bibel-Unterricht, an den sich noch Rhetorik und jüdische Geschichte als neue Lehr-Gegenstände reihten, wogegen die für den Talmud ausgesetzten Stunden Ostern 1793 wieder aufgehoben wurden. Gleichwohl fand das so geordnete Schulwesen bei vielen in ^Betreff der Schul-Einrichtung an wenig Ordnung gewöhnten Eltern immer'noch neuen Widerspruch, so daß selbst ein am 4. Juni 1797 der Anstalt' aus landesherrlichen Fonds gewährte Zuschuß die Zwistigkeiten, namentlich wegen Ueterhaltung der Schule, nicht beseitigte. Erst die durch Vermittelung Hoym's von Friedrich Wilhelm III unter dem 17. Juli, 1797 erlassene Eabinetsordre, welche die Schule für immer bestätigte und ihr die königliche Gnade zusicherte, brachte das Murren gegen dieselbe zum Schweigen, zumal als ihr am 31. Mai 1800, eine königliche Stiftungs-Urkunde zu Theil wurde, die ihre Existenz und ihre Verhältnisse für immer sicher stellte, indem sie gleich Gymnasien und Realschulen die Liechte der Corporationen und die Prärogative eines milden Institutes erhielt. Seitdem ist die Anstalt, welche zwar zur Breslauer Judenschaft gehört, jedoch von der Gemeinde nicht abhängt, in ihren zeitgemäßen Bestrebungen ruhig fortgeschritten; die Klas-. senzahl ward vermehrt, neue Lehrgegenstande wurden ausgenommen. Auch einzelner Geschenke und Legate. erfreute sie sich; nur sind diese im Verhaltniß zu der nicht kleinen Anzahl reicher jüdischer Bewohner auffallend klein und sparsam, und führten zu dem Wunsche, daß die Geschichte des Instituts nach 50 Jahren einen ergiebigeren Zuwachs ihrer Fonds aufweisen möge, der Zeugniß gebe, daß die ganze hiesige Judenschaft die Wichtigkeit eines guten Schulunterrichts umfassend erkenne und zu dessen wirksameren Erreichung kräftigst beitrage. Zum Vortheile der Anstalt geschah es, daß sie Ende,des Jahres 1826, bis zu welcher Zeit ein aus der Gemeinde gewähltes Collegium die Beaufsichtigung und Verwaltung, oft unter großen Schwierigkeiten und Mühseligkeiten, geführt hatte, dem hiesigen Magistrate zur Verwaltung überwiesen wurde. Diese Aenderung sowie die im Januar 1827 erfolgte Anstellung des Oberlehrers Herrn Francolm führten. zur Entwerfung eines neuen Lections-Planes, nach welchem neben alteren Lehrgegenständen Latein, Streomettie, Trigonometrie, Algebra, Botanik, Mieneralogie, Physik und Astronomie fortan zum Vortrage kommen. Daß die Anstalt, welche sich nach Herrn Dr. Francolm's Ansicht von 1791 — 1827 cühmlichst bewahrt hat, auch seitdem, unter Hrn. F's. Leitung, ihrer Bestimmung vollständig nachgekommen sei, laßt sich von dem Eifer und der Tüchtigkeit desselben, sowie der übrigen 8 Lehrer wohl.erwarten. -—Ungern haben wir in dem Programm, aus welchem die vorstehenden Notizen auszugsweise größtentheils entlehnt sind, den Mangel fast aller genauen statistischen Mittheilungen wahrgenommen. In dieser Beziehung meldet es blos, daß die Schule 1791 mit 125 Schülern eröffnet worden, daß in dem 1837-erschienenen Programme 98 vorzügliche aus der Anstalt entlassene Schüler namhaft gemacht seien. Ob dir „kurze Uebersicht der^ Geschichte der Wilhelms-Schule, von Neu mann" (Ares-