Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1841)
- Article
- Pesth: düstere Zustände des religiösen Lebens ...
- Date
- 1841-05-22
- Page
- Seite 167 (sequence 2)
- Language
- German
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- 167 - ich meine die Heiligung der Ruhe - und Festtage und — den Religious - Unterricht. Erstere werden hier in Pest!) nach und nach von den Feiertagen der übrigen Bewohnerschaft— gänzlich verdrängt, und mit ihnen eine der wichtigsten Stützen des Judenthums, den täglicheren Verfall ich mit einiger Trauer bemerke, letzerer aber wird zwar an der hiesigen Schule einer Anzahl von Kindern aus dem Mittelstände ertheilt; die bei weitem größere Zahl isr. Kinder jedoch wird zu Hause unterrichtet, oder besucht die christlichen Schulen und wächst heran, ohne daß Eltern und Lehrern die Unerläßlichkeit des Religionsunterrichtes auch nur im Traum einfäilt. Ich darf nicht erst 'sagen, daß keine religiöse Uetung im alterlichen Hause diese Belehrung über unsere wichtigsten Angelegenheiten auch nur dürftig ersetzt. — Der Privat - Unterricht ist hier keiner Controle unterworfen, und der Reiche würde es sehr übel nehmen, wollte man ihm zumuthen, seine Kinder wenigstens zur Prüfung in der Religion stellen zu müssen.*) — So wie er sich den Tempel, „die Chorschule" lediglich für dm gemeinen Mann (d. h. für den, welchen der Reichthum noch nicht hat Gott wegessen machen) eingerichtet denkt, und höchstens des „Decorums" wegen deffen Nothwendigkeit zugeden will; so steh: er in der öffentlichen Schule wohl nur ein Institut für die Kinder der unteren Klasse — er selbst entzieht sich in dieser Hinsicht jeder Rechenschaft, und es gehört eben nicht viel Scharfblick dazu, anzugeben, wohin diese Entfernung seiner Kinder von allen was auf Religion irgendwie Bezug hat, am Ende führen müsse.-Wozu nun die arge Selbsttäuschung, mit der wir uns dergleichen weder laut noch ins geheim gestehen und die nöthige Heilung solcher Schäden hinausschieben wollen? — Ein Bericht über Juden, in einem Blatte, das zunächst jüdische Zustände bespricht, kann unmöglich als Denunciation verschrien werden; jeder Verzug aber, jede Gleichgiltigkeit gegen das Wohl der Glaubensgemeinde als solche scheint mir, wenn nicht die Umstände eine Melioration schlechterdings unmöglich machen — eine schwere Sünde, eine Unterlassung, die das Gewicht anderer persönlicher Verdienste als zu leicht in der Wagschale des göttlichen Gerichtes emporschnellen dürfte. — Was den Juden Ungarns besonders' noth thut ist: eine oberste Leitung der geistlichen Angelegenheiten und A n e c k e n n u n g dieser Autorität von Seiten des Staates. So zeitgemäß es auch war, kirchliche Excommunizirungen und sonstige Strafen abzustellen, so unbillig scheint es mir, 1) In Wien gelang es der Lhatigkeit des unermüdeteu Predigers, Herrn Mannheimer, dem Herr Religionslchrer Breuer zur Seite fte'hr, den Religionsunterricht, der früher auch darnieder gelegen, wieder zu heben, wobei ihnen freilich die bestehenden Verordnungen über Studien überhaupt sehr zu statten kämm. Volkshirten für die geistige Wohlfahrt ihrer Herde verantwortlich zu machen, ohne ihnen Macht wie ihre Stellung es erheischt und ihr Wirkungskreis sie bedingt, einräumen zu wollen. Dann erst wäre in Volks- und Jugendunterricht, so wie in der Cultur überhaupt, Einheit zu bringen, wenn den Rabbinern (ich denke mir freilich keine finsteren Gebote aus der polnischen Schule) von der Regierung jene Unterstützung zur Realisirung billiger Wünsche für Fortschritt und freie Entwickelung im Judenthume zu Theil würde, wie dies in den meisten deutschen Bundesstaaten bereits geschieht Wie verlautet, wird jede künftige Konzession (und um so mehr die völlige Gleichstellung) von Bedingnissen abhängig gemacht werden, die vorerst eine zweckmäßigere Organisierung des jüdischen Schulwesens und Ueberwachung derselben von Seiten der Rabbiner/ so wie die freiere Wirksamkeit dieser letzere zum Gegenstände haben dürften. Nur so kann die Emanzipation des Judenthums aus den Händen derReichen vorbereitet, diese selbst aber vielleicht eben dadurch demselben noch erhalten werden; wenn sie nämlich die freiwilligen Opfer des Mittellosen sehen und an ein Höheres, Göttliches im Menschen glauben lernen, wenn sie. endlich wieder edlen Muth in sich fühlen, ihren Blick abzuwenden von zeitlichem Gute, das ihnen oft zum Fallstrick wird, und ihn zu Gott zu erheben, der ihnen Kräfte gegeben hat, vermögen zu erwerben, den sie aber von dessen Gebrauch werden Rechenschaft geben müssen. Etwas besser sieht es hie und da auf dem Lande aus, wo das praktisch Nothwendige früher bereitwilliger . erkannt und ohneOstensation versucht wird, obgleich auch dort jeder kleine Fortschritt auf Schutt und altbrüchigen Bau stößt, der noch immer die Gemüthec beirrt. Wenn nun aber die Pesther Gemeinde als solche nur ein loses Band zufammenhält, und schon aus diesem Grunde schwer aus dem einmal tief geftrhrenen Gleise auf bessern Weg zu bringen ist (daher auch in kirchlichpolizeilicher 5p in sicht nicht leicht etwas von Belang zu gewinnen steht) wird es in kleinern Kreisen schon eher möglich, das Ganze leitend zu überwachen, wozu gleichsam jeder Einzelne bezugsweise selbst mit beiträgt; und ich spreche es ohne Bedenken aus, daß nur da eine Besserung und Erhebung im Judenthum denkbar ist, wo religiöse Scheu und Ehrfurcht vor dem Ueberkommencn noch nicht ganz entschwunden sind; und ist nicht unter letzterm auch: „— das, was heute und ewig die Geister, Tiefer und tiefer gesuhlt, immer nur ewiger macht;" begriffen? — Wenn es an Orten, wo religiöse Uebung und religiöses Gefühl erstorben sind, mit Mühe gelinge, den Schein zu retten, durch Einrichtung von „Tempeln", geregelten Gottesdienst, und selbst durch Einführung der Predigt in dieselben (was doch ungleich wesentlicher ist) was ist uns damit gelungen? :-Wie viel wirksamer sind hingegen Erneuerung und Wecdererweckung