Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1841)
- Article
- Italienische Grenze: traurige Zustände der Juden daselbst
- Date
- 1841-05-22
- Page
- Seite 164 (sequence 3)
- Language
- German
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164 1.000 Individuen, aus welchen sie ungefähr besteht, sind zumeist Bettler, welche den wenig angesehenen ^Handelshäusern zur Last fallen, so weit sie sich nicht von Trödelei und Mäkelei ernähren können. Wie weit der moralische Verfall geht, laßt sich daraus abnehmen, daß nicht selten Verarmte oder Heruntergekommene, um Unterstützung von ihren reichern Glaubensgenoffen zu erhalten, damit drohen, sich taufen zu lassen, weil sie wissen, daß sie, wenn sie dies thun von der Regierung 20 Scudi erhalten, welche die israel. Gemeinde decken muß. Die Synagoge befindet sich trotz eines Ober- und zweier Unterrabbinen in kläglichem Zustande und von öffentlichen Schulen ist keine Spur zu finden. Es ist wie überall in ganz Italien mit dem Unterrichte, man findet einige jämmerliche Privatanstalten, zum großen Theile von Dürftigen eingerichtet und nur bestimmt, diese zu ernähren. Nur reichere Familien sind im Stande ihren Kindern durch Pcivatlehrer eine bessere Erziehung zu geben. — Etwas besser steht es um die Gemeinde zu Ferrara, weil, wie schon oben gesagt wurde, einiger Grundbesitz sie vor gänzlicher Verarmung schützt. Auch die Gemeinde zu Sinigaglia (von ungefähr 600 Seelen) und die zu Pesaro befinden sich in bessern Verhältnissen wie die zu Rom und zu Ancona. (F. f.) Deutschland. Aus Oberfchlesierr, 26. April. (L.A.Z.) Es haben sich in jüngster Zeit in dieser Gegend zwei Vorfälle ereignet, welche bis zur Evidenz darthun, daß nicht nur im fernen und fanatischen Orient der Glaube, daß Juden zu ihren Osterfeiertagen Christenblut brauchen, sondern daß dieser mittelalterliche und gräßliche Wahn, für den Tausende von Juden unschuldig geblutet, auch in diesem Theile des so ecleuchteteten Deutschlands, nachdem er längst zu Grabe getragen schien, jetzt wie ein grinsendes Gespenst abermals erstanden sei. Es muß dies den Menschenfreund um so mehr betrüben, daß auch Personen von sonst vorurtheilsfreier und besonnener Denkungsweise gerade rücksichtlich der friedfertigsten Menschenklasse, von welcher^ dreist behauptet werden kann, daß in ihrer Mitte Mord und Todtschlag etwas ganz Unerhörtes ist, sich von diesem sinnlosen Vorurtheile nicht loszumachen vermögen. In Uj est kam den 1. April d. I. ein Landmadchen bei einer jüdischen Familie in den Dienst. Sei es, daß sie deßhalb von ihren Genossinnen geneckt wurde, oder daß sie von jener berüchtigten Damaskusgeschichte mit den Hunderten von Zusätzen gehört hatte, und auch sonst von reger Phantasie sein mag, genug, je näher die jüdischen Osterfeiertage herankamen, desto furchtsamer erschien sie, namentlich am Tage vor dem Feste, wo zufällig mehre Juden, und besonders der jüdische Scharfrichter, alias Schächter (bekanntlich verbieten die jüdischen Gesetze ihren Bekennern, um jede Thierquälerei zu verhindern, das benöthigte Flügelvieh selbst zu schlachten), mehre Mal in dem Hause ihres Brotherrn verkehrte. Diese Furcht erreichte den höchsten Grad, als Abends der streng orthodoxe Jude sein Sterbekleid anlegte, eine dergleichen Mütze aufstülpte und alle jene Ceremonien verrichtete, wie solche H. Heine in seinem „Rabbi von Babarach" so treu schildert; da glaubte die arme Magd nicht anders, als ihr letztes - Stündlein habe geschlagen. In der Angst ihres Herzens wagte sie nicht, sich in ihrer Kammer schlafen zu legen, sondern begab sich zu dem im Hause wohnenden Gendarmen, vorgebend, ihr Brotherr gehe damit um, sie heute zu schlachten. Diese Mittheilung gestattete dem guten Manne keinen Schlaf, denn noch war nicht drei Uhr nach Mitternacht vorüber, als er mehre Nachbaren von den kannibalischen Absichten der Juden in Kenntnis; setzte, den Kämmerer und die Magistratleute herauspochte, welche nebst den verschiedenen inzwischen erwachten und e/weckten Bürgern zum Bürgermeister sich begaben und ihn auffoderten, polizeiliche Maßregeln zu ergreifen. Allein der alte und vernünftige Mann, dem diese Angabe lächerlich vorkam, lehnte jede Einmischung ab. Daher begab sich der Hause zu dem Stadtrichter, ihn auffodernd, die Sache zu untersuchen, was auch augenblicklich geschah. Die .Magd sagte aus, ihr Brodherr habe Versuche gemacht, sie zu ermorden. Inzwischen war es Tag geworden, und die Mahr ging von Mund zu Munde. Der Pöbel rottete sich zusammen, auch die in festlicher Stimmung erwachten Juden krochen aus den Betten ob des Geräusches, und namentlich war der blutdürstige. Brotherr einer der Letzten, welche erwachten und von dem Vorgänge etwas erfuhren. Hierauf ergriffen Letztere diejenige Maßregel, welche hier am räthlichsten erschien: sie begaben sich nämlich zu dem Ortsgeistlichen, fürstbischoflichen Commissarius, Hrn. Eczpriester Schneider, einem humanen und helldenkenden Manne, welcher durch seine eindringliche Ermahnung das Gewissen der Magd mächtig erregte, worauf sie eingestand, daß lediglich eine nicht zu überwindende Furcht und Scham, lächerlich zu erscheinen, anderntheils aber das Verlangen, die Neugierde des Pöbels zu erregen, sie hingerissen habe, eine solche Aussage zu machen.. Auch Ratibor, eine der bedeutendsten Städte Oberschlesiens, wurde gestern als den 25. April gewaltig alarmirt. Der stellvertretende Bürgermeister und Stadtsyndicus, Hr. Schwarz, begab sich auf die bloße Anzeige einiger Bürger, daß die Magd eines sehr gebildeten und angesehenen jüdischen Kaufmanns seit mehren Tagen verschwunden und wahrscheinlich von demJuden zu Ostern geschlachtet worden sei, mit dem Polizeidiener und Gendarmen in das Haus desselben und durchsuchte sammtliche Raume, Schränke und Behältnisse der drei in demselben wohnenden, als sehr rechtlich bekannten jüdischen Familien. Es ist unglaublich, welche Frechheit und Verleugnung alles Rechtsgefühls sich bei dieser Begebenheit kundgab. Schon erbot sich der Eine als Zeuge auf-