Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1841)
- Article
- Berlin: Institut des Dr. Stern
- Date
- 1841-05-08
- Page
- Seite 149 (sequence 2)
- Language
- German
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- 149 - wir noch die Bemerkung knüpfen, daß wir bei vielen öffentlichen Prüfungen in die Verlegenheit gerathen, zu entscheiden, ob mehr der Ehrgeiz der Schüler, oder die Eitelkeit der Lehrer überall durchscheine, die Prüfungen, die doch Gewerbeausstellungen des Fleißes sein sollen, gleichen nur zu oft einer Parade, bei der man mehr Glanz als Exercizien zu sehen bekommt. Hr. Dr. S. aber, obzwar offen bekennend, daß er das Examen nicht als eine Prüfung der Schüler betrachte (denen er die Anerkennung des Augenblicks nicht als Ehrenziel vorgesteckt), sondern der Schule als Ganzes, als ein der Oeffentlichkeit angehörendes und ihr Rechenschaft schuldiges Institut, will mehr beurtheilt sein, was gelehrt als was gelernt, mehr wie als was gelehrt worden, indem Letzteres von vielen nach außen liegenden Umstanden abhange. Zugleich wird dieses sich bemerkbar machen, gerade als Aufruf an die The-ilnahme des jüdischen Publikums ausgesprochen^ obwohl Hr. Dr. S. sehr bescheiden die vorgefühcten Leistungen nicht auf der Höhe glaubt, die er als Ziel und Ideal seiner Anstalt erkennt. Es scheint als ob den Vorsteher, als er seine Worte niederschrieb, die befriedigende Uebersicht der Leistungen noch selbst gefehlt habe, und sehen wir hierin den schlagendsten Beweis, daß dieses Examen keine, nach oben bezeichneter Weise, veranstaltete Komödie war, oder diesmal der Direktor zu dm unpartheiischen Zuschauern gehörte. Und so sollte es immer sein. Schulprüfungen müssen für die Lehrer noch belehrender als für jeden andern sein. (Schluß folgt.) Bves!<rrr, 18. April. Als ich Ihnen unlängst mittheilte, daß die intellektuellen Fortschritte in unserer Gemeinde sich immer deutlicher und anerkennungswerther Herausstellen, je mehr sie angeregt und' auf das richtige Ziel der Vollkommenheit hingewiesen werden, mußte ich zugleich mit bekümmertem Gemüthe einer blinden, die kräftige Entwickelung und das tüchtige Streben unterwühlenden Partei erwähnen. Es freut mich deßhalb um so mehr, Ihnen jetzt berichten zu können, daß selbst in dieser Symptome darauf hindeuten, sie werde, allmählig das schmutzige Kleid des rankevollcn, im finstern brütenden Pharisäers fallen lassen, um das moralische Gleichgewicht, in dem sie zur Null wurde, nach und nach wieder herzustellen. Wie schön wird die Zeit fein, in der die bisherige Unzurechnungsfähigkeit der Breslauer- Juden aufhört, und eine auf wahrhafte Religiosität und geistige Emancipation basrrte Epoche eintritt! Bor einigen Wochen starb hier im Hospitale ein junger jüdischer Student, Gotthilf, aus Elbing. Die studirende Jugend unserer Stadt, einer altherkömmlichen Pflicht der Pietät huldigend so wie jedes Vorurtheil des (onfessi'onellen Unterschiedes mißachtend, beabsichtigte den geschiedenen Genossen mit allen akademischen Ehren zur Ruhestätte zu begleiten, und suchte um die Erlaubniß dazu nach, welche sie auch erhielt. Wem bekannt ist, daß die jüdischen Cecemonialgebcäuche dies eigentlich in keiner Weise genehmigen, sondern dem Schmerze nur das stumme Gefühl verstatten und die sinnigen Zeichen äußerlicher Trauer beim Leichenbegängnisse verbieten/ der wird uns Recht geben, wenn wir in diesem wohl noch nie vorgekommenen Falle ein Ereigniß von unläugbarer Wichtigkeit finden. Wir erblicken nämlich darin eine freimüthige Toleranz, welche eher die Heiligkeit des Begriffes zu profaniren, die Form gern aufgibt, um den Regungen des Herzens Genüge zu leisten, und unsere Bewunderung mischt sich mit Erstaunen darüber, daß gerade diese Offenbarung des Humanitätsgeistes von einer Seite erfolgte, die wir am wenigsten fähig dafür gehalten hätten. Geführt von einer großen Anzahl Comilitonen im Gallaanzuge, mit entblößtem Degen und Trauerfahnen, bewegte sich, unter Chorälen von zwei Must'kchören, der Leichenwagen dem jüdischen Kirchhofe zu, wo der Verstorbene, bei dem Gesänge der schmerzlich ergriffenen Brüder der Erde übergeben wurde. Dr. Geiger segnete die Leiche in der Halle durch ein leises Gebet, dem er eine kurze Rede vorangehen ließ. Er zeigte in rührenden Worten, daß eben der vor ihm ruhende Frühvollendete darum so zu beklagen fei, weil er im rüstigsten Streben, im Alter der reifenden Erkenntniß der wahren Vollendung entrissen worden, welche die höchste Ausgabe des menschlichen Lebens ist; und gab am Schlüsse durch einige herzliche Worte den lobenswerthen Gesinnungen der christlichen Studiengenossen ein ehrendes Zeichen dankbarer Anerkennung. Der ganze Vorgang ist unendlich wohlthuend und tröstlich! Ich kann nicht umhin, bei Nennung des Geigerschen Namens wiederholend zu bemerken, daß seine Einflüsse auf unsere Gemeinde ganz in der Weise sich äußern, wie ich es früher vorausgesetzt und angedeutet habe. Zwar bin ich noch nicht im Stande, dies durch ein Register von Thatsachen zu bekräftigen — wenn man mich darnach fragen möchte, — aber es wird einem jeden genügen, wenn Res. versichert, daß Geigers Predigten bei stets überfüllter Synagoge von dem lebhaftesten und erfolgreichsten Eindrücke sind. Ungläubige Zweifler in Breslau mögen der verwichenen Osterfeiertage gedenken; sie müssen eingestehen, die erhebenden Gefühle, von denen jeder erfüllt war, seien ohne Beimischung von Heuchelei und — ob sie es glauben, oder nicht — wir behaupten, solche Saat, von den überströmenden Thränen des Auges befeuchtet, werde dereinst für den häuslichen Heerd, oder für die Oeffentlichkeit, die köstlichsten Früchte tragen. Am Ende meines Berichtes, der über die Gebühr lang geworden, kann ich nur mit kurzen Worten noch zweier Institute erwähnen, welche, durch die Vortrefflichkeit ihrer Tendenz, wie durch die Art und Weise ihrer