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Der Orient · 1841-05-08 · Heft 19 (8.5.1841) · p. Seite 148

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 19 (8.5.1841)
Article
Berlin: Institut des Dr. Stern
Date
1841-05-08
Page
Seite 148 (sequence 1)
Language
German
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148 Deutschland. Berlin, 1. April. Es muß doch wohl wahr sein, was alle Ihre hiesigen Correspondenten von dem Zustande unsrer Gemeinde berichten, da jeder Neuhinzukommende nur ein Echo der frühem, jedes neue Urtheil nur eine Vervollständigung des empirischen Jnduktionsschlusses ist. Auch mein erster Bericht bestätigt es, daß in Berlin dem pädagogischen Wahlspruch: Non multa sed multum! in Beziehung auf jüdisches Gemeinwesen, und dahin gehört denn auch vorzüglich die Schule, nicht nachgekommen wird. Wir haben sehr viel, aber nur vielerlei Gutes. Darum mögen immerhin täglich Berichte von neuen erfreulichen Dingen Vorkommen; sie gehen doch nicht aus einer gegliederten Allgemeinheit hervor, und tragen darum dm Mangel der Jsolirung und Zersplitterung an sich. Dies, ist der Grundtypus unsres Gesammtzustandes. Wir bleiben aber heute bei der Schule stehen, indem wir hier auf ein Institut aufmerksam machen, von welchen unsers Wissens noch kein jüdisches Blatt bisher gesprochen, obwohl andere ähnliche oft mehr als Würdigung gefunden, und, dessen Vorsteher uns diesmal wieder auf obige Gedanken bringt. Es geschah dies in der Einladung zu der in der höhern jüdischen Knabenschule des Dr. Stern (Poststr. Nr. 14) am 30. März 1841 rc. abzuhaltenden öffentlichen Prüfung", welcher einer Abhandlung des Vorstehers „die jüdische Schule, was sie ist, und was sie sein könnte" (30 S.) vorgedruckt ist. Indem ich diese Broschüre selbst eingebe, überlasse ich es Ihnen, geehrter Hr. Redacteur, das allgemein Interessante daran dem Publikum vorzufühcen. Uns erscheint sie als außer charakteristisch gerade für den Zustand des Berliner vielleicht auch sonst des preußischen (s. S. 28) Schulwesens, indem wir die Erfahrung gemacht, daß den schönen Wünschen des Verfassers an andern Orten bereits nachgekowmen ist. Wenn wir durch diese interessante Abhandlung uns umsomehr gereizt fühlten, der Einladung zu folgen, so müssen wir bekennen, daß wir dabei nicht wenig begierig waren zu erfahren, in wie weit der Verf. selbst den Folgen des von ihm gefühlten Uebelstandes in der gesammten jüdischen Schuleinrichtung zu widerstreben vermocht, und aufrichtig gestanden, die gerechten Klagen desselben hatten uns beinahe zu geringern Anforderungen herabgestimmt, als unter andern Umständen an dieses in seiner Art hier einzige Institut gemacht werden dürsten. Allein von unserm ersten Eintritte in den Prüfungssaal bis zu Ende des Examens, ward uns eine Überraschung nach der andern dargeboten. Gleich die erste ward veranlaßt durch das gesunde und muntere Aussehen, durch eine mit dem besten Anstande verbundene Heiterkeit und Gelenkigkeit der Schüler; denn solches vereinigen jüdische Schulen minder oft. *) Das Exame n selbst hätte uns beinahe mehr als befriedigt, wenn wir nicht die Bestimmung dieser Schule (s. S. 14) im Auge behalten hätten. In alles Einzelne einzugehen, ist hier nicht der Ort, und wir heben nur hervor, was die jüdische Schule überhaupt, oder diese uns besonders charakterisi'rt. Der Gesang, geleitet von H. Jeretzky, hat außer dem S. 18 angeführten Vortheile noch die Wichtigkeit, daß er den Sinn für einen geregelten Kultus anregt, vielleicht gar diesem selbst (s. S. 18) sich anschließt; das Examen in der deutschen Sprache war gewiß für den größten Theil der Zuhörer äußerst lehrreich. Denn ist auch der Dr. Stern durch seine beiden Schriften als genialer Denker in diesem Fache bekannt; so ist es doch sehr zu bewundern, wie derselbe einen so subtilen Gegenstand seinen Schülern geläufig zu machen versteht. Indem wir mit demselben der Sprachlogik einen sehr hohen Werth für die gesammte Verstandesbildung zuerkennen, können wir den Zögling dieser Anstalt zu einem solchen Lehrer darin von Herzen Glückwünschen. Die vormittägliche Prüfung beschloß eine kurze Anrede an die Gaste, der eine Prämienvertheilung folgte. Die Anrede enthielt zuerst etwas über die 'Bedeutung öffentlicher Prüfungen im Allgemeinen, wo der pädagogische Nachtheil derselben durch etwaige Mißleitung des Ehrgeizes auseinandergesetzt ward. Besonders sollte diese Rücksicht für die jüdische Schule nicht übersehen werden. Denn, meinte Dr. S., vermöge der eigenthümlichen Stellung der Juden in der Gesellschaft, in welcher es ihnen fast unmöglich wird, sich durch Leistungen die Anerkennung der Masse zu erwerben, und bei der tiefen Unterdrückung, die das Ehrgefühl derselben seit Jahrhunderten erfahren, gestaltet sich dasselbe im plötzlichen Gegendruck bei ihm nur zu leicht zu der Leidenschaftlichkeit, von der getrieben, er immer dahin strebe, wohin zu gelangen ihm nicht bestimmt, so daß er nicht erreiche, was er wolle, nicht leiste, was er soll. Oder sein Ehrgeiz möchte leicht jenen kleinlichen Charakter annehmen, der ihn mit zügelloser Gier nach jeder Beifallsbezeugung des Einzelnen streben heißt, ohne Wahl und ohne Schätzung ihres Werths. Es sei also Pflicht des jüdischen Pädagogen, dem durch die Eigenthümlichkeit der Verhältnisse, nur zu leicht irreleitenden Ehrgeiz des jüdischen Knaben nicht allzuviele Nahrung zu geben, vielmehr dem des Unberufenen vorzubeugen. An diese aus dem Leben genommenen gewiß beherzigenswerthen Worten möchten 1) Däir vermuthen den Grund in der leider fast überall und nur zu sehr vernachlässigten G ymnastik, die man bei uns nicht genug empfehlen kann. 2) Vorläufige Grundlegung zu einer Sprachphilosophie von Dr. S. Stern, Berl. 1835. 8. und Lesebuch der allgem. Grammatik v. dems. Brsl. 1840.

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