Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1841)
- Article
- London: Verhandlungen wegen einer theilweisen Emancipation
- Date
- 1841-05-01
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
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\ — 140 — langen, was sie selbst allen Andersgläubigen versagen? Sir R. Inglis meinte, es unterliege keinem Zweifel, daß die Urheber und Unterstützer dieser Bill noch weiteres im Schilde führen, habe ja doch der edle Staatssecretar der Colonien (Russell) bereits erklärt, daß er für Zulassung der Juden ins Parlament stimmen würde. Au andern charakteristischen Merkmalen des modernen Liberalismus gehöre auch eine idiosynkrasische Zärtlichkeit für das Judenthum — eine Zärtlichkeit, welche, wenn man sie, naher untersuche, wohl weniger der interessanten weltschmerzlichen Physiognomie des jüdischen Volkes gelte, wie poetische Seelen behaupten, als vielmehr auf poetische Thatsache hinauslaufe, daß derselbe Liberalismus, welcher einen so gründlichen Abscheu vor dem Erbadel an den Tag lege, einen desto gründlicheren Respect vor dem Geldadel fühle. Er (SirRobert) kenne für die englischen Juden, denen es nach Civilamtern und Parlamentssitzen gelüste, nur einen Weg dahin z^r gelangen: den Weg durch die Taufe. Wenn man die Juden, welche in England weder in Ausübung ihrer Religion noch in ihren bürgerlichen Verhältnissen irgendwie beengt seyen, darum bedauern wolle, daß ihnen gewisse politische Rechte fehlen, so möge dieses Mitleid doch zunächst so vielen christlichen Mitbrüdern zuwenden, die wegen nicht zureichenden Vermögens sogar vom activen Wahlrecht ausgeschlossen seyen, geschweige denn daß sie an Aemter und Würden denken dürsten, womit er indessen radicalen Wünschen in dieser Beziehung keineswegs das Wort reden wolle. Lord Sandon, ein Tory, unterstützte die Bill— hingegen Hr. Miln es das Amendement, wobei er den Ausfall Hrn. Macaulay's auf die Oxforder „Puseyiten" (von denen jetzt in den englischen Blättern so viel die Rede ist, daß sie wie Kirchenzeitungen aussehen) nachdrücklich tadelte. Der Gegenstand, meinte Htz. Milnes, sey zu ernst, als daß er mit einem Witz von der Ministerbank aus erledigt werden könne. Die dabei betheiligten Männer gehörten zu den gelehrtesten und ausgezeichnetsten Männern der Hochschule Oxford, darum hätte der Hr. Kriegsmimster sich bedenken sollen, ehe er dieselben, wie müßige Tagsblätter, des Uebertrittes zum Papismus beschuldigte — jene Männer, welche nach dem Urtheil so vieler frommen und einsichtsvollen Engländer, die treuesten Söhne oder vielmehr die treuesten Väter der englischen Kirche seyen. Zum Schlüsse tadelte der Antragsteller Hr. Div ett den Ton, in welchem ehrenwerthe Mitglieder für die beiden Landesunivecsttaten (Goulburn und Inglis) an dieser Dis- . cussion Theil genommen. Von den parlamentarischen Organen jener altberühmten Musensitze sollte man nachgerade mehr Freismnigkeit erwarten dürfen. (Ungläubiges Lachen auf den Ministerbänken.) Es sey der alte Jammer: die Verwechselung von Kirchenthum und Ehristenthum, eine Art von religiöser Jobberei, wodurch an der Staatskirche nichts gebessert werde.. Die Bill wurde dann mit der starken Mehrheit von 108 gegen 31 Stimmen zum drittenmal gelesen, und es muß sich nun zeigen, was ihr Schicksal im Oberhause seyn wird. Italien. Italienische Grenze, 25.Febr. (Forts.) Leider sind die Rabbinen zur Zeit nicht die Männer, von denen die Reorganisation der Gemeinden befördert werden könnte, wenn wir auch unter den obwaltenden Umstanden und bei der wirklichen Zerstreuung und Hirtenlosigkeit der gefammten israel» Bevölkerung Italiens an die Möglichkeit einer Umgestaltung und Erneuerung glauben wollten. Bei alle dem ist nun freilich noch nicht gesagt, daß wir in den italienischen Juden lauter bigotte Leute zusinden hatten, welche in ihrer Gedankenlosigkeit dahin leben, den Eeremoniendienst vielleicht bis zur Abgötterei trieben. Im Gegentheil trotz der Entbehrung aller Literatur, aller Philosophie und Wissenschaftlichkeit in deutschem Sinne steht das praktische Leben oft auf einem sehr freisinnigen, wir möchten sagen leichtsinnigem Standpuncte, dem die Halbbildung wird durch die Begegnung des Auslandes im Leben so allgemein, daß das Abwerfen von Formen nach eignen Belieben und Gutdünken fast an der Tagesordnung ist,. aber natürlich auch ohne klare Erkmntniß und Ducchschauung der Verhältnisse und Sachlage weit gefährlicher und für die Moral nachtheiliger werden muß, als in den Ländern, wo die Wissenschaft und die Gelehrsamkeit im Bunde der Vernunft niederreisen und ein neues Gebäude aufführen hilft. Wir müssen jedoch die einzelnen Staaten dieses vielfach zerstückten Landes näher ins Auge fassen und an unfern Blicken vorüber gehen lassen, wenn wir nach den obigen Vorerinnerungen ein deutsches Bild von den Israeliten des gefammten Italiens erhalten wollen» Beginnen wir daher zuförderst mit dem Königreiche Neapel, so stoßen wir unstreitig auf die dürftigste Partei unsrer ganzen Umschau. Zwar leben hier Israeliten und nach Serristoris statistischen Notizen vom Jahre 1839 sollen sich in dem Königreiche beider Sicilien ungefähr 2000 Israeliten befinden, aber sie leben ganz unberücksichtigt, völlig unbeachtet vom Staate, erscheinen als Fremdlinge, Uebersehene oder Geduldete, und haben nicht die geringste bürgerliche Bedeutung, nicht einmal das Recht, Gemeinden zu bilden. Ein Edict zu ihren Gunsten vom Jahre 1740 durch Karl III. gegeben, hatte blos 7 Jahre bestand. Die Unduldsamkeit der christl. Bevölkerung widersetzte sich den guten Absichten der Regierung und sie sähe sich genöthigt, ihre Verbefferungsplane aufzugeben. Seit dieser Zeit aber scheint es der Regierung nicht wie-, der in den Sinn gekommen zu sein, etwas für die Ewancipation dieser armen Verlassenen zu unternehmen. f