Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 17 (24.4.1841)
- Article
- Juden als Arabische Dichter
- Date
- 1841-04-24
- Page
- Spalte 245-246 (sequence 2)
- Language
- German
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245 ' F.Lebrecht: Juden als arabische Dichter. Mgem.Anst'cht. Ibrahim Jbn-Sahl al-Jsraelk. 24V men. die orthoboxm Juden selbst die Lieder ihrer Glaubensgenossen aus. So lange die Sprache nur das Mittel war, mit dem Publikum über ernste Wissenschaft, über Kunst und Religion sich zu verständigen, duldete man gern den Vorzug der arabischen vor der hebräischen Sprache. Daher sehen wir die gefeiertsten jüdischen Gelehrten Philosophie, Grammatik, Gesetze, Rechtsgurachten, Medicin, ja selbst Auslegungen des Talmud, in der reicheren, für jeden Begriff ergiebigem Halbschwester des Hebräischen vortragen. Sobald aber die Schönheit der Sprache ein Hauptzweck war, d. h. sobald sie nicht im Dienste des Glaubens und der Wissenschaft den kalten Gedanken derselben vertrat, sondern muthwillig mit den Bildern der Phantasie ihr Spiel trieb, hielten es jüdische Zeloten für Abtrünnigkeit, für einen Vecrath an den himmlischen Tönen, durch die auf Sinai Gott sich offenbarte, wenm Juden sich der arabischen Sprache bedienten. War vollends der Inhalt dieser Lieder Liebe und Wein, so konnten die Dichter eher ausAechtung als auf Achtung von Seiten abergläubiger Brüder rechnen. Selbst sonst freisinnige Männer, wie der berühmte Je h ud a Alcha r i si, eifern gegen das Dichten in arabischer Sprache und die dadurch nothwendig wachsende Vernachlässigung der hebräischen. Dieser übersetzte auf Verlangen vieler Spanier den Har irr ins Hebräische. Er hatte aber kaum das Werk vollendet, als er Gewissensbisse darüber fühlte, aus dem Arabischen ein Buch übersetzt zu haben, statt ein ähnliches oder besseres im Hebräischen selbst zu schreiben. Wirklich, schrieb er ein selbstständiges Werk nach der Weise der Makamen des Hariri in hebräischer Sprache und ganz in hebräischem Geiste. *) Hier war es eben, wo er in der Einleitung seine Klagelieder über die vernachlässigte Kultur des Hebräischen cmpimmt. Blumenreich und mit steter Anspielung auf Bibelstellen schildert er den Verfall der poetischen Literatur wahrend seiner Zeit. „Mall opfert fremden Göttern", sagt er unter Anderem, „man liebäugelt mit der Jsmaelitin, der Tochter Kedar's (d. h. man bearbeitet die arabische Sprache auf Kosten der Hebräischen). Das Herz der Juden werde gerührt von Gedichten der Magd Hagar und bleibe kalt für die Herrin Sara!" Er ruft dairn aus: Des Eifers Schmerz hat mein Gemüth durchdrungen, Daß uns der Ton des Schönen-) ist verklungen! So schöne Fruchr erblüht aus Hagar's Schooß, Die Herrin Sara, ach! ist kinderlos. 1) Dieses Werk heißt Tachkemoni und entspricht in Namen, Plan und zum Theil auch in der Ausführung dem Verbilde, den Makamcn des Hariri. Ueberfetzungcn einzelner Stücke liefert das Journal .Asiatique. Duke s und Kr afft haben deutsche Ueberfetzungcn (Ersten r mit Meisterschaft, Letzterer mit Glück) versucht. 2) Im Originale heißt es C hoch mal), ein Wort, welches Weisheit , Klugheit, Geschicklichkeit, Erhabenheit, Schönheit im moralischen Sinne, .Tugend und noch vieles Andere bezeichnen kann. Alcharisi's Meinung aber wird gewiß am besten durch das von mir gewählte Wort wirdevgegeüen. Chochma Prüfen wir die Folgen solchen Eifers, so müssen wir als eine der unmittelbarsten erkennen, daß man die arabisch dichtenden Juden als Ketzer verabscheute, ihre Namen nicht in die jüdische Literatengeschichte aufnahm und sie innerhalb des Judenthums vergaß. Hierdurch wurde es auch den Muhammedanern leicht, von vielen Juden, die sich bei ihnen einen literarischen Namen erworben, zu sagen, sie seien zum Islam übergetreten oder waren wenigstens im. Herzen Moslems gewesen. Zur Bestätigung des Gesagten geben wir hier aus einem dis jetzt im Original ungedruckten arabischen Schriftsteller Notizen über einige jüdische Dichter und eine Dichterin, deren Namen bei allen Literar - Historikern fehlend) Unsere Quelle ist der so eben erschienene Almakkari in englischer Sprache von Pascual de Gaycmgos.^) Nachdem der arabische Geschichtschreiber die hohe Bildung d^r Mauren in Andalusien^) gepriesen, fahrt er so fort: „Witz und Poesie in Andalusien waren aber nicht auf Moslems beschränkt, sondern wir finden sie auch bei Christen und Juden, die dieses Land bewohnten. Möge Gott der Allmächtige es bald wieder in die Hände der Gläubigen geben!" Er führt dann einen Christen aus Sevilla als arabischen Dichter an, der an Ihn Abbad Almotamed ein Gedicht ex tempore gerichtet. * * * 4 5 6) I. Hierauf nennt er den Juden Ibrahim Jbn Sahl Al-Israeli, von dem er auch einen Vers, der aus dem Stegreif gemacht war, ansührt und dann so fortfahrt: „Im Betreff dieses Juden sind verschiedene Meinungen in Umlauf. Einige behaupten, er wäre nur innerlich Moslem gewesen (in heart a Moslem) \ Andere sagen,- er habe öffentlich den Islam angenommen und sich dazu bis an seinen Tod bekannt; wieder Andere dagegen behaupten, er lebte und starb im jüdischen Glauben. Abu Hajan, der Grammatiker, erzählt im Namen des Kadi al-Koda (Oberkadi), Abu Bekr Mohammed Jbn Abi Naft Al Fach Al Kaysi, welcher es von Ali dem Christen, einem Einwohner Sevillas, den er auf seinen Reisen zu Granada traf, hotte, daß Ibrahim Jbn Sahl, der Dichter, früher Jude war; allein gegen Ende seines Lebens wurde er zum Islam bekehrt, und er schrieb zum Lobe Muhammed's, des entspricht hier freilich dem Worte: Muse (daß uns der Muse Stimmen sind verklungen); aber im Mundeein.es frommen Juden hat das Wort keinen guten Sinn. . 3) Nur Leo Afrikanus spricht von einem derselben, worüber unten» 4) S. Magazin Nr. 22 d. I. Mannigfaltiges.. Der Herausgeber weist unwiderleglich nach, daß der Name nicht Alniokri (d. h. Vorleser des Koran), sondern nach ei^er Stadt Nord-Afttka's Almakkari auszusprechen sey. 5) Die Araber nennen ganz Spanienvon der Provinz, die sie zuerst darin kennen lernten: Andalusien. 6) Dieser christliche Dichter wird Almazzari genannt. Jbn Abbad Almotamed abor herrschte über Sevilla und Cordova zu Ende des 11. Jahrhunderts. 17