Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1841)
- Article
- Die Emancipationsfrage in dem Herzogthume Sachsen-Meiningen
- Date
- 1841-04-17
- Page
- Seite 128 (sequence 3)
- Language
- German
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128 daß wir viel größere pecuniäre Lasten tragen, indem wir zu dem Staats-Einkommen, wovon Kirchen- und Schulwesen wenigstens zum Theil bestritten werden, gleichmäßig beitragen, außerdem aber unfern eigenen Gottesdienst und unsere eigenen Schulen lediglich aus eigenen Mitteln unterhalten müssen (obwohl der. Unterstützung dieser Anstalten aus der Staatskasse fein Gesetz entgegensteht), und die Schutzjuden überdies; auch noch Schutzgeld zu zahlen haben, was nicht die geringste rechtliche Begründung mehr hat. Wird ja selbst unfern Lehrern die Wohlthat der Aufnahme in die Schullehrer-Wittwenkaffe verweigert, ebenfalls ohne daß eine gesetzliche Bestimmung dieser Aufnahme entgegensteht. Da nun überhaupt eine Entziehung der Bürgerrechte wegen des Bekenntnisses einer gewissen Religion vor der Vernuiift und Gerechtigkeit nur dann gerechtfertigt werden kann, wenn die betreffende Religion ihre Bekenner hindert, die Pflichtendes Bürgers zu.erfüllen, so ist es eine llngerechligkeit, wenn man uns, die wir nun über ein Viertel- Jahrhundert alle Pflichten gegen den Staat wirklich erfüllen, den Genuß gleicher Rechte gesetzlich vorenthält. Aber selbst ein wichtiger Theil derjenigen Rechte, auf die uns das Gesetz vom 11. Mai 1814 ausdrücklich Anspruch gibt, wird uns noch immer vorenthalten. In Allem, was das fragliche Gesetz Nachtheiliges und Drückendes für uns enthält, waren manche Behörden von Anfang an bis jetzt eifrig bemüht, dasselbe auf das Strengste zu vollziehen. Handelte es sich dagegen um eine Berechtigung, die uns das Gesetz verleiht und die wir auf dessen Grund in Anspruch nahmen, so hat man die Anwendung dieses Gesetzes zum Theil bis zu dieser Stunde glücklich zu verhindern gewußt. 3. Die Staatsklugheit fordert unser« rechtliche Gleichstellung. Abgesehen davon, daß der Staat, indem er den Juden wegen ihres Bekenntnisses die Menschen- und Bürgerrechte entzieht, eine Ungerechtigkeit begeht, was eine nachtheilige Meinung von ihm hervorbringt, wirkt er dadurch auch nach, theilig auf die Moralität seiner christlichen Unterthcmen, nach der: durch die Geschichte vielfach bestätigten Wahrheit, daß jede Unterdrückung einer Glaubenspartei durch die andere die unterdrückende mehr noch, als die unterdrückte, demoralisirt. Der Staat nährt durch die Ausschließung der Juden in seinen christlichen Unterthanen Fanatismus, Egoismus und andere niedere Eigenschaften. Er nährt dadurch in ihnen den leider noch häufig gefundenen traurigen Wahn, der Jude, der seit vielen Jahrhunderten das Glück und Unglück des Staates gethellt und seinen Gesetzen Gehorsam geleistet hat, sei im Staate nur durch des Christen Gnade, er sei schutzloser, als irgend ein anderer Unterthan, er könne strafloser beleidigt, beschimpft und mißhandelt werden. Dieser Wahn, vermöge dessen selbst der auf der untersten Culturstufe stehende christliche Unterthan, dem edelsten Juden gegenüber, sich als ein Wesen höherer Gattung betrachtet, kann nur dadurch zerstört werden, daß der Staat selbst den Juden mit mehr Achtung seiner Menschenwürde und Menschenrechte behandelt und ihn nicht länger wegen .seines Glaubens zurücksetzt, vielmehr gesetzlich erklärt, derselbe habe, wie gleiche Pflichten, so auch gleiche Rechte mit den Bekennern deö christlichen Glaubens. Andercrseits würde der Staat dadurch in dem Israeliten, zu dessen allgemein anerkannten guten Eigenschaften auch die Dankbarkeit. gehört, und der heutzutage nicht mehr allein Schacherjude, sondern auch Gelehrter, Künstler, Handwerker Md Kaufmann ist, lebendigeres Interesse, regere Tyeilnahme an dem Wohle des Staates, dem er angehört, erregen, was dem Israeliten seine Religion ohnehin zur Pflicht macht. So vereinigen sich Religion, Gerechtigkeit und Staatsklugheit in der Forderung unserer rechtlichen Gleichstellung. Altem ungeachtet alles Dessen, was Religion, Gerechtigkeit und Staatsklugheit für unsere Gleichstellung sagen können, werden von den vorurtheilsvollen und egoistischen Gegnern derselben zahlreiche Einwendungen dagegen vorgebracht, deren hauptsächlichste wir in Folgendem zu würdigen uns erlauben. 1. Einer der wichtigsten Einwürfe gegen die Emancipation ist die angebliche Nationalität der Juden. Die Gegner sagen: „Die Juden sondern sich durch Gesetze, Sitten und Gebräuche als eine besondere Nation ab, sie sind Fremde, sie bilden einen Staat im Staate." (Fortsetzung folgt.) Personalchronik nnd Miseellen. Neue Predigten. Israels Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein religiöser Vortrag, am ersten Morgen des neuen Jahrhunderts (Neujahrsfest 5601) den 28. Sptbr. 1849 gehalten von Dr. I. Maier, K. Würtembergischer Kirchenrath und Rabb. zu Stuttgart. Ein treffliche Predigt zur ruhigen Ueberschau der Gegenwart. — Gottesdienstlicher Vortrag am Huldigungstage Friedrich Wilhelm IV., gehalten in der Nepräsentaten - Versammlung der isr. Gemeinde zu Posen, v. A. Wiener (vgl. Orient Nr. 14, 15, Art. Posen) 1841. Eine Predigt des Kampfes, für Posener Verhältnisse höchst passend. — Festreden und Festvorbereitungen für das ganze Jahrv Gehalten u. herausgegeben v. Salomon P l e ß ner, Religionslehrer in Berlin. 1841 Berlin. Eine wahrhaft ausgezeichnete große Sammlung für die tiefe religiöse Beschaulichkeit des jüdisch-religiösen und ceremonialen Lebens. — Bon Dr. S amu el H ol d heim; Antrittspredigt bei feiner feierlichen Jntroduction als Großh. Meklenb. Landesrabbiner in Schwerin (geh. 19. Sptbr. 1840). Jacob und Fsraet (geh. 12. Dec. 1840). Die geistreiche Auffassung der modernen religiösen Zustände in den Predigten Hold Heims ist bekannt. — Was ist d. Hauptbegriff und die Hauptbestimmung eines isr. Priesters und Geistlichen jetziger Zeit? Prrdigt v. W. S. Rothenheim in Wallerstein. Nördl. 1841. Ein guter Beitrag zu einer künftigen wissenschaftlichen Bearbeitung dieses Thema's. — Die großartigste und glänzendste Predigtfammlung ist aber entschieden: Elia, ein heiliges Lebensgemälde. In neunzehn Kcmzelvorträgen, gehalten im neuen isr. Tempel zu Hamburg, von Dr. Gottf. Salomon. Hamburg, 1841 (bei Perthes, Besser und Mauke). Diese ausgezeichnete Sammlung , die trefflichste in der neuesten Zeit, schließt sich würdig den frühern Sammlungen desselben berühmter Predigers, welche sind: David, der Mann nach dem Herzen Gottes, als Mensch, Israelit und König. Ein heiliges Lebensgemälde in 26 Kanzelvorträgen; ferner: Moses, der Mann Gottes. Ein heiliges Lebensgemälde in 21 Kanzelvorträgen. — * * * Merkwürdige Beschränkung. In Baiern wurde den Juden neuerhings untersagt, mit Lunnpen zu handeln, d. h. wirklich speciell mit Lumpen! Cs ist zwar sehr Lumpig, den armen jüdischen Lumpsen den erbärmlichen Lumpenhandel zu entziehen, es ist zwar eine Entweihung, für Luirwen ein christliches Bekenntniß zu fordern; allein die Juden mögen sich tröstm, daß man sie durchaus zu vornehmen Leutenmachen will. — Verlag von C. L. Frrtzsch^. Druck von I. H» Nagel.