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Der Orient · 1841-04-10 · Heft 15 (10.4.1841) · p. Seite 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 15 (10.4.1841)
Article
Wanderungen in Prag
Date
1841-04-10
Page
Seite 119 (sequence 2)
Language
German
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aber doch immer noch hohem Mer sind die heiligen Ge-, räthe; die Leuchter und Kandelaber, die in allen Ecken j durcheinander liegen, haben antiquarischen Werth, die Singpulte zeigen hie und da vortreffliche Schnitzarbeit, und ein ausgezeichnetes Werk der 'Erzgießerei ist die Bundeslade, das! Allerheiligste, wo das Gesetzbuch aufbewahrt wird. Auch die > Juden haben ihre Reliquien, wenigstens gilt das hiesige Gesetz-! buch für eines der aus dem Tempel geretteten Exemplare,! freilich nur ein kleiner Ruhm gegen den der römischen Ge- : meinde, welche das Original der zehn Gebote besitzen will. Es! war gerade Sabbat und wir sahen das heilige Buch nahe und j deutlich; es wurde rings herum gegeben, und von Allen ehr-! furchtsvoll geküßt. Uebrigens ist es in der Synagoge vielleicht I das einzige Stück, denn es wird jährlich in eine seidene, mit! Gold gestickte Decke eingeschlagen, worin es gehalten werden! muß, da keiner es mit bloßen Händen berühren darf. i Das Tröstlichste an diesem unheimlichen Ort waren die j schwarzen Augen der jüdischen Frauen und Mädchen, deren - Sterne glühende Strahlen aus den Mauerritzen schossen, hinter welchen sie, getrennt von der männlichen Gemeinde, dem; Gottesdienst beiwohnen müssen. In allen Synagogen trennt sie ein besonderer Verschlag mit Gitterfenstern von den Männern. Aber hier ist es doch zu arg, und so unartig gegen Damen zu sein, kann selbst ein mosaisches Gesetz nicht gebieten. Der innere Tempel-ist ein wahres Prunkgemach gegen die Mördergrube, wo die Frauen ihre Andacht halten. Eine Galerie, niedrig, feucht, voll Modergeruch, so finster, daß man die Hände zum Gehen gebrauchen muß , zieht sich, wie der Gang.- weg eines Schiffes, rings um das Heiligthum, durch fußdicke Mauern davon geschieden, und nur durch schmale Seh- und Schalllöcher damit verbunden. . Doch die Kerkerruft beengt die Brust und das Auge sehnt sich nach des Himmels Licht. Man athmet tief aus, wenn man aus der düstern Nacht wieder an den Tag tritt, und schüttelt von Körper und Geist die Fesseln , worin uns das dämonische Schauspiel gefangen hielt. Der bunte Wechsel des Lebens, der uns wieder umgiebt, ruft Wirklichkeit und Gegenwart schnell zurück. Wie, wann und warum entstand der merkwürdige Bau? selche Fragen drängen sich, und die schon erwähnten Sagen antworten darauf. Allem Anscheine nach diente es Anfangs neben dem heiligen zu weltlichem Zweck, als ein festes Bollwerk in Zeiten der Gefahr, wie dies auch bei christlichen Kirchen früher der Fall war. Darf man übereinstimmenden Traditionen trauen, so ist er das älteste auf uns gekommene Menschenwerk in der ganzen Umgebung und die Juden, wenn sie den Bau wirklich angelegt, haben schon längst hier gelebt, als die Czechen das Land in Besitz nahmen. Immer aber bleibt es wünschenswert!), daß dieses Monument einen verständigen Forscher finde. Nicht weit von diesem befindet sich ein zweites interessantes Denkmal des Judaismus. Durch ein Gewirr enger Straßen erreichen wir die Pforte eines niedrigen, halb eingefallenen Hauses, wo wir nach langem Pochen, wobei jeder Schlag ein lautes Echo in den leeren Räumen weckt, den Eintritt erhalten. Wir sind zwar mitten in der Altstadt und bewohnter Gebäude; dennoch herrscht hier gegen die andern Quartiere auffallende Stille und Leere;, es schreckt der Tod, dessen Felder wir betreten. Es ist der alte, jüdische Kirchhof, der seit 1.746 geschloffen ist, von wo an die Todten außerhalb der Mauer begraben werden. Könnte man Jemanden plötzlich ohne sein Wissen dahin versetzen, es ginge ihm wie bei der Synagoge, er wüßte wahrlich nicht, wo er wäre, so originell und phantastisch muß ihm Alles Vorkommen. Am ehesten glaubte man unter, den Trümmern einer durch Erdbeben zerstörten Stadt zu sein , oder man dachte an eine Auferstehung der Tobten, wo der Posaunenschall die Leichensteine hoch emporgehoben und durcheinandergeworfen. Hier liegt Material genug, den größten Pallast der Welt zu bauen, hunderttausende von Grabplatten, in Würfel-, Quader- und Pyramidenform gehauen, mit hebräischen Charakteren bezeichnet, wie zu einem Thurmbau an- und übereinander gereiht und gestellt. Schmale Wege, kaum für Einen gangbar, dnrchschneiden dieses Steinmeer, und wo nur die kleinste Spalte die Erde frei läßt, hat sich ein Fliederbusch an's Licht gedrängt, die Aeste weit ausgebreitet, und ist mit den Nachbarn so verwachsen, daß sie über den ganzen Kirchhof eine grüne Decke weben und es unmöglich wird, in das Dickicht einzudringen. Die Natur ist auch hier sich selbst überlassen, der Jude laßt sie ungehindert schalten , kaum daß er einzelne Gange frei hält, welche zu den Gräbern berühmter Rabbincn führen. Diese zeichnen sich vor den andern durch ihre Größe und sorgfältigere Construction aus. Es ist eine Art Katafalk von Stein, bisweilen mit Sculpturen geziert, zur Seite seine Gattin, die Kinder und Schüler; eine lange Denkschrift enthält den Lebenslauf. Es herrscht dabei die sonderbare Sitte, als Zeichen der Verehrung kleine Steine auf das Grabmal zu legen, aus deren Menge man die Verdienste und den Werth des Todten erkennt. Viel besucht ist das Monument des Rabbi Löw, desselben, dem die Erfindung der Camera obscura zugeschricben wird. Kaiser Rudolf, der den gelehrten Mann und Astrologen öfters besuchte und selbst gern den Hexenmeister spielte, soll ganz betroffen gewesen sein, als er plötzlich den großen Hradschin in der Stube des Juden auf einem Pergament wunderbar genau abconrerfeit erblickte. Sämmtliche Alchymisten und Magier, deren es damals in Prag eine Menge gab, wurden eifersüchtig und hezten Gott und den Kaiser gegen den Rabbinen. Doch sie konnten nicht an ihn. Zum Erstaunen gut hat sich aus den meisten Steinen die Grabschrift erhalten, und doch ist die jüngste bereits 94 Jahre alt. Der Kirchhof, durch die ausgegrabene Erde selbst etwas erhaben, ist mit einer massiven Mauer umgeben, woran die benachbarten Wohnhäuser hart stoßen und seine ganze Fläche überschauen. Er liegt, obgleich eine kleine Stunde im Umfange, doch, wie gesagt, mitten in kn Mstalt, die dadurch eine für die Einwohnerzahl unverlMtnißmäßige Ausdehnung bekommt. Auch hier verliert sich die Geschichte in die Sage. Wenn man die nur geringe Gemeinde selbst für die Vergangenheit so zahlreich annehmen wollte, als sie jetzt ist, so bedürfte es doch mehr als tausend Jahre, um einen solchen Todtenacker zu füllen, wo Stein an Stein nicht gelegt, sondern gestellt ist, das Höchste angenommen, daß ein Generation in fünfzig Jahren ausstarb. Freilich ist es Gesetz, daß eine Leiche m'eauögegraben, noch ein Sarg über den andern gestellt werden darf; immer aber bleibt es schwer begreiflich, wie diese Masse entstehen konnte, denn ein jüdischer Sarg ist weiter nichts als ,,vier Bretter und zwei Brettchen," und die Todten neben einander zu legen, war erlaubt, geschah wohl auch, wie die gehausten Grabsteine beweisen. So weit historische Gewißheit geht, überstieg die Zahl der Juden niemals die jetzige; und es bleibt, um das Seltsame einigermaßen zu erklären, nichts übrig, als einige, vor Kurzem entzifferte Grabplatten zu Hülfe zu nehmen, welche Jahreszahlen trugen, wohin selbst die Mythe nicht mehr reicht. Zweifel an der richtigen Lesart werden nicht fehlen; doch wie «dem auch sei, es laßt sich vielleicht durch solche Spuren ein Zusammenhang mit der Sage um so eher finden, als die beiden Denkmäler von so eigenthümlicher Be-

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