Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1841)
- Article
- Wanderungen in Prag
- Date
- 1841-04-03
- Page
- Seite 111 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360147-2360162-2365212--1612-2365242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 Die Altstadt begrüßt uns gleich beim Eintritt mit Werken der Jesuiten, prächtig und imposant, wie man es bei ihnen gewohnt ist. Das Collegium der Schüler Loyolas bildet ein eigenes Quartier und nimmt mit seinen Kirchen, Klöstern, Kapellen, Seminarien und andern Lokalitäten einen Ungeheuern Flächenraum ein. Es kostet Entsagung, flüchtig durch seine Hose und Gänge zu eilen; aber ein anderes Ziel hat unsere Wanderung. Am Rathhause, der Nichrstätte des Grafen Thun und so vieler Edlen, an der Teknkirche, wo die. Hussiten unter Ziska den feierlichen Schwur der Rache thaten, vorbei, in das enge Gaffenlabyrinth hinein, welches vielverzweigt wie ein Dachsbau nach allen Seiten auseinanderläuft, und es ist erreicht. Der Abstich ist grell: die Indolenz und Schwerfälligkeit des Slaventhums auf einen Schlag vertauscht mit der Rührigkeit und Betriebsamkeit des Volkes, welches hier sein Lager aufgeschlagen. Es ist der Ghetto , das Iudenviertel Prags, eine weniger bekannte und doch vielleicht die größte Merkwürdigkeit. So weit die Chronik, die sich tief in die Sage verliert, reicht, spricht sie von dem Volke Israels als einer feit undenklicher Zeit hier bestehenden Gemeinde. Man sollre meinen, es scy hier der erste Ansiedler gewesen. Es fehlt ganz an historischen Berichten über die kurz auf die Zerstörung Jerusalems folgenden Schicksale derJnden. Sie zerstreuten sich in die weite Welt, und nach Jahrhunderten findet man sie aller Orten und Enden, ohne daß sich sagen laßt, wie sie dahin gekommen; sie sind einmal da. In Kleinasien und auf den nahen griechischen Küsten fand die neuere Forschung die ersten Spuren von Einwanderungen dieses Stammes. Von dort können einzelne Streifzüge nordwärts nach der Donau gedrungen und in ihrem rastlosen Treiben bis in diese Gegenden gelangt seyn, auf dem von ihrer Heimath nächsten, ganz natürlichen Wege. Alles ist freilich noch Mythe und auf ungewisse Anzeichen gebaut, doch von der Art, daß es nicht unwahrscheinlicher klingt als-vieles Andere, was wir als wahr gelten lassen. Welche Völker zu dieser Zeit Böhmen bewohnt, kann Niemand sagen, denn sie geht der großen Völkerwanderung lange voraus. Mit ihr erst oder nach ihr fangt die Geschichte Böhmens an. Die Czechen, ein asiatischer Stamm, ein Glied aus dem slavischen Völkerbunde, nahm Grund und Boden in Besitz. Mit der fabelhaften Königin Libussa fallt die Gründurg Prags zusammen. Ob nun die Juden die einzigen Bewohner des Landes waren, oder noch eine andere Nation hier wohnte, und dem Einsall der Fremden gutwillig oder gezwungen Platz machte und in-dem allgemeinen Wirbel mit fortgerissen wurde, wer könnte darüber entscheiden? Es bedarf auch keiner Entscheidung, wenn nutzer Umstand bewiesen würde, daß die Jrrden vor den Ezechen La waren und bei deren Niederlassung zurückblieben. Freilich sind es schwache Momente, worauf sich diese Annahme stützt. Man denke beim Prager Ghetto , nicht an die Iudengaffe Frankfurts, die, obgleich sie mit jedem Jahr den eigentümlichen,Charakter mehr und mehr verliert, doch vor vielen andern noch immer die gangbare Idee von jüdischer Nationalität ' verwirklicht. In Prag zeigt der- Jude weniger als irgendwo in Gebräuchen, Benehmen new Kleidung das Auffallende seiner Nation; selbst in seinem Kultus ist er wunderbar vorwärts gegangen. Die Gemeinde ist stark, wohl mehr als zehntausend Köpfe, und in steter Zunahme; denn das Gesetz ist mild und macht die Niederlassung in der Stadt, nicht schwer. Sie sind aber streng auf das Viertel beschränkt, welches sie; so lange die Stadt steht, inne haben. Das Viertel, auf welches die Juden in Prag beschränkt sind, ist im ältesten Theil der Altstadt, eng und winkelreich; die Häuser sind massiv, bald hoch, bald niedrig, in der größten Unordnung durcheinander gesetzt, bemoost von Alter und von Rauch geschwärzt, hie und da ein neues, anständiges, modernes in der schlechten Gesellschaft, am Ende aber ungefähr Alles wie in den meisten Gegenden der Altstadt. Das Erdgeschoß ist eine fortlaufende Bourike, worin die Industrie in allen nur denkbaren Branchen feil bietet. Die Hauptgasse, wo dieser ewige Jahrmarkt am stärksten getrieben wird, heißt der Tandelmarkt, für einen humoristischen Pinsel ein ganzes Kabinet der pikantesten Genrebilder. Luxus herrscht in den Gewölben oder vielmehr Höhlen nicht, noch auch mehr Reinlichkeit, als in ein solches Quartier gehört. Man thut gut, eine Kleinigkeit zu kaufen, um ungestörter von der stürmischen Zudringlichkeit das lebensvolle Bild zu genießen. Die Juden Prags und Wiens, überhaupt ganz Oesterreichs, unterscheiden sich nicht wenig von ihren andern Stammgenossen in Deutschland durch Gestalt und Gesichtsbildung. In den Zügen findet man seltener die orientalischen Reminiscenzen, welche bei andern auf den ersten Blick ihre Abkunft verrathen; es fehlt das markirte Gepräge/das den Juden unverkennbar charakrerisirr, auch die reiche Fülle des Haupt - und Bartyaares kommt weniger vor. Die malerische Tracht der polnischen Juden, der Kaftan von schwarzer Seide und die hohe Mütze aus demselben Stoff, einfach und doch imponirend, verschwindet; Alles tragt sich nach Belieben, nach christlichen Moden und in den buntesten Farben. Auch das Benehmen, all ihr Thun und Treiben zeigt andere Seiten als sonstwo. 'Geschwätzig, mchr im Kleinen als im Großen betriebsam, sind sie ausgelassen heiter und fröhlich; sie fühlen wenig von politischem und bürgerlichem Druck, haben sich mit dem Volke, unter dem sie wohnen, vermischt und scheinen zu wissen, daß sie ein Recht auf den Boden haben, den sie vielleicht zuerst bebauten. Die österreichischen Juden besitzen eine menschliche Eigenschaft, die ihren übrigen Glaubensbrüdern fast durchgehends mangelt, sie besitzen viel Gemüth. Von ausgeschnittenen und verspeisten Christenkinderherzen weiß selbst der reiche Sagenkreis des Landes kein Beispiel zu erzählen. Hier gibt cs keine Shylocks, Zadiks und Judas, um sie zu Nacht - und Nachestücken zu verarbeiten, höchstens zu-r Staffage eines Lustspiels einen Jsaac und Jonathan, den Quersack über den Schultern, mit der nie stlllstehenden Zunge, und so viel Berschmiztheit, als nöthig iss, um als ehrlicher Jude zu gelten. Von romantischen Scenen bietet die Geschichte dev hiesigen Gemeinde so gut wie nichts; denn selbst bei mehreren erlittenen Verfolgungen Laben sie ihr Geld lieber freiwillig her und behklten dafür das Leven. Daß in frühem Zeiten manche verbrannt, gerädert, nach damaliger Sitte auf mannigfache Weise in's Himmelreich geschickt wurden, ist leicht möglich, hat aber, da mau damals mit einem Christenleben wie jetzt kaum mit einem Hundeleben verfuhr, nicht die geringste Bedeutung. Greuelthcmn, wie sie die Iudengasse Frankfurts gesehen hat, haben in Prag nie statt gefunden. Dafür besitzt die Judenstadt Prags zwei Denkmäler der Vergangenheit, so einzig in ihrer Art, daß'man sie den übrigen bekannteren Merkwürdigkeiten mit Recht wenigstens zur Seite setzen kann. Das erste ist die sogenannte alte Synagoge, welche isolirt auf einem unregelmäßigen Platze steht. Beim ersten Anblick ist man verlegen, wofür man das Bauwerk halten soll. ES könnte ein Gesangniß, ein Magazin seyn, zu allerletzt wird man auf einen Tempel rathen. Keineswegs Ruine, zeigt das Gebaube doch augenfällige Spuren des Atterthums, das die umherstehendcn, schon viele Jahrhunderte alten Hauser nur Kinder dagegen scheinen. Um das Gemäuer hat die Zeit eine