Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1841)
- Article
- Pesth: jüdische Schul- und Culturzustände
- Date
- 1841-04-03
- Page
- Seite 109 (sequence 2)
- Language
- German
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- 109 - durch die angestrengteste Tätigkeit weniger Erleuchteten gleichsam aufgezwungen worden war: die Lehrer, welche angestellt wurden, und die überhaupt bei dem Vorhandensein der wenigen Schulanstalten sehr rar waren, weil Niemand zu diesem undankbaren Geschäfte, namentlich auf das Ungewisse hin, sich hergeben wollte, waren überhaupt wenig Gebildete, für ihren Beruf keineswegs begeisterteLeute, denen das Schulamt und seine dürftige Besoldung nur für eine Complettirung ihrer anderweiten, nicht ausreichenden Anstellung als Vorsänger, Vorbeter rc. ansahen, und Seitens der Rabbinen konnte nichts gethan werden, weil sie für das Schulwesen keinen Sinn hatten und wurde nichts gethan, weil sie dasselbe noch oben darein-für eine Beeinträchtigung der Synagoge, für ein Haschen nach menschlicher Weisheit, für einen Umsturz der Altgläubigkeit, des Talmud u. s. w. ansahen. So war es nicht etwa blos vor 10, vor 20 Jahren, so war es bis auf die neuste Zeit,, so ist es' leider noch, wenn man die wenigen Orte wie Pesch, Arad, Großkcmischa, Großwardein, Palota, Nikolau und andere, abrechnet. Noch zu jung ist die neue Zeit, als daß die Ueberzeugung von der Notwendigkeit guter Schulen bis in die beschränkten und ungebildeten Gemeindekreise abgelegener Comitate gedrungen wäre; noch zu jung ist die neue Zeit, als daß sich bereits Fonds und Anstalten gebildet haben sollten, gute Schulen zu etabiliren; noch zu jung ist die neue Zeit, als daß schon jetzt gut gebildete Lehrer in genügsamer Menge sich finden sollten; noch zu jung ist die neue Zeit, als daß schon jetzt die Rabbinen ausgestorben sein sollten, welchen das Schulwesen eine terra incognita ist, welche das Heil blos von der Synagoge erwarten, oder wenn es zum höchsten kommt, die Schule unter dem Einflüße ihrer talmudischen Weisheit erstarren lassen. - Nur das Beispiel derjenigen Städte, wo bereits ein Anfang gemacht worden ist, wo schon gute Schulen sich gebildet-haben, kann hier mit der Zeit von wohlthätigem Einflüsse werden, und darum wollen wir in der Folge ihnen noch eine besondere Aufmerksamkeit widmen. — Die Synagoge anlangend, so sieht es auch in dieser Hinsicht bei uns noch etwas alterthümlich und starr aus, und im Allgemeinen waltet das polmschrabbinische Element vor. Leider ist zur Zeit das Rabbinenthum immer noch nur als eine Pfründe zur Versorgung einer bedürftigen jüdischen Famile betrachtet worden; und junge Männer der neuen Zeit, ausgestattet mit wissenschaftlicher Gelehrsamkeit, haben diesen nachstehen müssen. Talmud zum Frühstücken, Talmud zum Mittagsessen, Talmud zum Abendbrode ist daher das tägliche Gebet der meisten unserer Rabbinen und die Synagoge noch als das ,-alte, bei der gebildeten Welt so sehr in Mißcredit gekommene Judenschule" wie wir sie nicht nöthig haben, näher zu characterisiren. Deutsche Predigt überhaupt war darum bisher noch ein ganz fremdartiges, ja verpöntes Element und gar viele Rabbiner gibt es noch, die.dagegen eifern, noch mehrere aber, die, wenn sie auch nichts dagegen aufzutreten wagen, doch für eine zeitgemäßere Gestaltung des religiösen Lebens nicht das mindeste thun; aber auch nichts zuthun vermögen, weil ihnen die wissenschaftliche Kraft abgeht, so daß, wo wir sie auch als Redner auftreten sehen, nur höchst unreife Products zu Tage kommen. Auch hier leuchten nur einige Gemeinden mit ihrem Beispiele voran und an ihnen ist es, alles mögliche zuthun, damit dieser Geist weiter leuchte, damit von ihnen aus das Licht über das ganze Land sich verbreite. Wir haben es schon oben ausgesprochen, daß wir vorzüglich einige den Reigen eröffnende Städte ins Auge fassen müssen, wenn wir uns von dem neuen Leben und Streben, dem Ringen und Emporkommen der Israeliten Ungarns einen deutlichen Begriff machen, wenn wir unsre Erwartungen in das gehörige Licht stellen wollen. Nicht als ob von den Städten überhaupt, und von denen, die wir berühren werden, ins Besondere die Freiheit und das Heil Israels ausginge, sondern weil im 19. Jahrh. Volksleben, Volksbildung, Volksgedeihm sich einzig wahrhaft im Bürgerthume ausspricht, weit das Bürgerthum Hauptbestandtheil des volklichen Lebens ist. Wenn von Freiheit, von Toleranz, von dem Edelmuthe der Magyaren die Rede ist, so müssen wir freilich den Magnaten den ersten Platz anweisen, nicht allein deswillen, weil in den Städten sich ein gemischtes Element vorsindet, weil hier der magyarische Stamm nicht rein, nicht unvermischt dastcht, sondern auch deswillen, weil wirklich von den Magnaten und Gutsherrn aus der Geist der Duldung, der Billigkeit und des Fortschritts geht. Es ist dies sehr natürlich und laßt sich erklären, ohne deshalb dem Charakter der Städte zu nahe zu treten. Der Magnat, begeistert für sein Vaterland, stolz auf die ungarische Erde, sucht nicht blos im Allgemeinen seines Vaterlandes Ruhm und Kraft zu heben, sondern strebt auch noch insbesondere dahin, seine Herrschaft, seine eigenrhümliche Besitzung durch Intelligenz, Kunst und Gewerbfleiß empcrzubringen, rühmlichst bekannt zu machen, jeder der ihm dazu Mittel an die Hand gibt, jeden, den er in solchem Streben betrifft, ist ihm willkommen, und während er daher im Ganzen und Großen daraus denkt, jede Kraft im Daterlande zu emancipiren, damit keine verkümmern, sucht er für seine Herrschaft die eifrigsten, die (hakigsten Werkzeuge für Cultur und Gewerbfleiß und findet in den Israeliten rege Jünger. Wir wollen hiermit durchaus nicht sagen, daß in den Städten nicht dieselbe Vaterlandsliebe, dieselbe Begeisterung für das Magyarenthum waltet, allein hier macht sich zu gleicher Zeit der allen Menschen eigenthümliche egoistische Zug geltend, und während wir den Bürger, nicht blos Ungarns, sondern aller Länder, sehr liberal finden, wenn es sein.Wohl angeht, oder wenn ihn etwas nicht unmittelbar berührt, sehen wir