Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1841)
- Article
- London: Bestrebungen der Missionäre ...
- Date
- 1841-03-20
- Page
- Seite 92 (sequence 2)
- Language
- German
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92 - vielen Jammer, so vielen Kummer über Israel gebracht, so müssen ernste, kräftige Maßregeln ergriffen werden, Maßregeln durch welche dem Hebet vom Grunde aus, nicht oberflächlich abgeholfen wird. Wenn ich nun ver-. sucht habe, die Umrisse des Jammerbildes unserer syrischen Brüder anzudeuten, so geschah es nicht in der Absicht, ein unfruchtbares, sich durch ein bloßes Achselzucken zeigendes Mitleidsgefühl zu erwecken. Nein! wie der Arzt nur darum Gebrechen kennen lernen will, um sie zu heben; so will ich nur den angeführten traurigen Zustand besprochen haben, um ihm abzuhelfen. Und welche Zeitumstande, welche Ortsverhältnisse scheinen dazu günstiger als die gegenwärtige, als die hiesigen zu sein? Jetzt wo die Aufmerksamkeit aller unserer Brüder im Abendlande auf den Orient gerichtet ist, wo man hier damit umgeht, die Großthat der Herren Montefiore und Cremieux durch ein bleibendes Denkmal zu verewigen, jetzt dürste es auch am Leichtesten sein, etwas Bleibendes für unsere Brüder in Syrien zu thun. Man hat die Errichtung einer Statue, eines Collegiums, die Überreichung eines Silberservices an Monteft'ore als Zeichen der Dankbarkeit vorgeschlagen, man hat Subscriptionen hierzu eröffnet. Ich frage nun: wie könnte der edle Mann besser beehrt werden, wie seine That der Nachwelt dauernder, nachdrücklicher überliefert, wie die mit wahrhafter Begeisterung selbst von dem ärmsten Theil der hierlandischen Juden überreichten Beiträge besser verwendet werden, als dadurch, daß man in die hochherzigen Gesinnungen .des Edlen eingehend, Hand in Hand mit ihm in der Verfolgung der von ihm angestrebten Zwecke geht? — Ich werde in diesen Gegenstand, den ich jetzt nur berühre, und der gewiß eine genauere Würdigung verdient, ein andermal tiefer eingehen, für jetzt genüge die Andeutung. Italien. Italienische Grenze, 25.Febr. (Forts.) Einen edeln Mittelstand aber, dessen Gemüth der Tempel der Religion ist, gibt es so lange nicht, als die Regierungen sich bemühen, demselben durch die Verweigerung der Theilnahme der Juden an Künsten und Handwerken niederzuhalten. Wir finden darum in diesem italienischjüdischen Leben eine Leerheit, Schlaffheit und Oede, die uns bei der bekannten Empfänglichkeit des Italieners wunderbar Vorkommen mußte, wenn nicht eben das Gesagte dies erklärte. Der italienische Jude wird, obwohl bei ihm mehr Enthusiasmus vorausgesetzt werden darf, wie bei dem zäheren Deutschen, dennoch immer weit hinter dem gediegenen Leben diesseits der Alpen Zurückbleiben, so lange in dem gesammten Staatsleben keine Aenderung eintritt. Am Besten zeichnen uns die Bildungsanstalten den italienischen Juden, und wir müssen darum einen Blick aufSynagogen, Schulen undWohlthatigkeitsanstalten werfen. Es versteht sich, daß wir zuvörderst nur im Allgemeinen sprechen, und daß das Abweichende erst bei Betrachtung der einzelnen Staaten gezeigt werden kann. Wie der Italiener überhaupt "kein abstracter Verstandesmensch ist, so auch der italienische Jude kein Philosoph; denn es waltet in ihm der poetische Theil des Lebens vor. So wie der katholische Cultus recht eigentlich das Lebenselement des Italieners ist und bleiben wird, so werden wir auch bei dem italienischen Juden, so bald er sich auf das Gebiet der Religionsübung versieigt, immer viel Bildliches, Anschauendes finden, und wo er dies aufgiebt, hat er zugleich seine Religion aufgegeben. Wenn daher, nebenbei bemerkt, auf die Veredlung und Verbesserung des jüdischen Cultus gewirkt werden wird, so muß man Phantasie und Herz vor Allem beachten, und durch reine, den Geist verherrlichende Formen, durch kindliche Gemüthlichkeit dahin zu ringen suchen, wohin man in Deutschland durch Andauung des Verstandes strebt. — Von Predigten und religiösen Vorträgen hören wir darum in Italien fast gar nichts, wir müßten den dahin rechnen, daß der Rabbiner aller 14 Tage ungefähr am Sabbate den Kindern weiblichen Geschlechtes einen religiösen Vortrag hält, damit sie nur einiger Maßen für den Ausschluß von dem Gottesdienste entschädigt werden. — Der Gottesdienst, ganz in der alten hergebrachten Weise, wie namentlich bei den portugisischen Juden gehalten, denen sich die Italiener auch in der Aussprache des Hebräischen, natürlich mit Jtalienismen vermischt, anschließen, besteht meistentheils in allegorischen Ceremonien und in Gebeten und währt dabei bis zur Erschöpfung lang. Nur der Vorbeter betet laut, halb singend, halb recitirend, und wird von der Gemeinde bei yüVJ und yw nur durch ein halblautes Brummen begleitet, was dem, welcher fremd ist, als sehr störend erscheinen muß. Sogar der -zur Tora Gerufene spricht seinen Segensspruch leise, so daß nur der Chascm mit seiner Antwort laut wird. Die männliche Jugend wird bei dem Gottesdienste sehr bethätigt und wir möchten sagen, es ist dieses ihr Synagogenleben der hauptsächlichste Theil ihrer religiösen Erziehung. Die 5jciftctta wird oft von Kindern recitirt; der Abendgottesdienst an Festtagen in der Regel einem Knaben überlassen und nicht selten kann man hören, wie derselbe durch Vortrag einstudirter Melodien aus beliebten Opern hier gleichsam Concecte gibt. Das Laubhüttenfest aber wird zum wahren Jubelfeste für die Kinder, am Schluffe desselben kommt jedes mit einer brennenden Kerze in der Hand in die Synagoge und es entsteht dadurch die splendideste Beleuchtung, die man je gesehen. Den Operngesang aber und die Kerzenträgerei haben die Inden unstreitig von den