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Der Orient · 1841-03-13 · Heft 11 (13.3.1841) · p. Seite 87

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 11 (13.3.1841)
Article
Rabbi Samuel Halevy
Date
1841-03-13
Page
Seite 87 (sequence 2)
Language
German
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87 Lern macht. Vergebens suchte die liebliche Nahet ihn zu beruhigen, er wurde nur ernster, stiller und einsylbiger, bis eine männliche Thräne in seinem 2Cuge sich zeigte und der fromme Vater nach Hause kam, der neues Leben in die düstere Stille der ernst liebenden Gemüther brachte. S. Es neigte sich die Sonne gen Westen und gab nur noch spärlich ihre goldenen Strahlen der einen Erdenseite, um ein eben so freundliches Gestirn auch dem andern Welttheile und seinen Bewohnern zu werden. — In den Straßen der Judenstadt in Damaskus herrschte rings ein ernster, stiller, feierlicher Ton. Das lebendige Volksgetümmel hatte sich in die Häuser zurückgezogen, nur hie und da gewahrte man muntere Kindlein, schon 'zum -Feste reinlich gekleidet mit den Gebetbüchern in der Hand, die Stunde zum Rufe in die Synagoge erwartend. Hin und wieder erblickte man auch wohl die Diener derselben, theils noch einiges zum Bethause zu beschaffen, theils auch bei den Rabbinen in Betreff des Festes noch Mehreres zu erfragen. — In dem Hause des frommen Samuel Halevy herrschte die regste Thatigkeit, verbunden mit dem feierlichen Ernste der kommenden Pesachfeier. Das Studierzimmer war nicht mehr zu erkennen. Die verschiedenen Einzelheiten hatten alle das Gepräge der Heiligkeit angenommen. — Die großen Folianten bei Seite geschafft, standen jetzt als Zierde in dem großen eichenen Schranke, dessen Aeußeres alt und morsch dennoch stolz zu sein schien, diese heiligen Bücher zu bewahren. Alle Gerüche waren vorsichtig mit Decken belegt, silberne Leuchter und silbernes Trinkgeschirr glänzten auf dem Tische! Ueberall sprach sich der Geist des Festes aus, denn, in einer religiösen Familie nimmt alles Gewöhnliche die Gestalt der Bedeutsamkeit an. — Hätte man diesen alten Mann gesehen, sein noch feuriges Auge, seine freie mit mehreren Falten durchfurchte Stirn, die den denkenden Eifer bekundet, kurz mit dem Antlitze, das seine Geschichte auszusprechen schien, mit den grauen Haar und dem langen weißen Barte, dem schwarzen Talart, der über ihn hing, umgeben von einer holdseligen Tochter, in deren ganzes Wesen das verjüngte Bild des Vaters, nur in zartern, weiblichen Formen sich wiederholte, in deren Lächeln ein Himmel, in deren Ernst eine Heiligkeit lag; wer wollte da noch zweifeen, daß das wahre Glück nur in einer religiösen Familie zu finden ist? Hier ruht die wahre Freude auf geheiligtem Boden, hier erscheint uns das Leben in seiner wahren Gestalt, die nur segenreich auf die Umgebung wirkt. — Jehuda erschien, um den Vater zur Synagoge zu begleiten. Auch in seinen ernsten, feierlichen Zügen war die .hohe Bedeutung des Festes zu lesen. Er war nichts weniger als schön. Auch gab eine Mischung von Freundlichkeit und Wehmuth seinen scharf markirten Zügen sehr viel Anmuthiges. Sein Antlitz blaß, sprach von frühen Leiden, denn noch Kind gingen seine Aeltern schon den Weg alles Fleisches. Als Knabe von zehn Jahren nahm ihn R. Samuel als Kind in sein Haus und vertrat unaufgefordert Vaterstelle .bei ihm. Als er nun zum Jüngling herangewachsen, mit allen Lugenden und Kenntnissen eines Rabbinen ausgerüstet, verlobte er ihn mit seiner einzigen und vielgeliebten Tochter, die schon lange der wißbegierige Jehuda liebte. Rabbi, sprach Jehuda im Eintreten, alles ist schon in der Synagoge versammelt, erlaubt mir also euch Zu begleiten. Gott segne dich mein Sohn erwiederte Halevy, übergab ihm sein Gebetbuch und eilte nach dem Gotteshause und indem Jehuda noch einen freundlichen Blick seiner Rahel weihte, folgte er dem vorausgeeilten Vater. — Rahel war nun allein und stand mit dem festlichen Kleide, wie eine Königstochter vor der erleuchteten Krone, die über dem Tische prangte, um nach des Gesetzes Willen, den Lichtglanz zu segnen, der Israels Glaube umschließt, und nachdem sie mit feierlichem Ernste, die einer frommen Israelitin obliegenden Pflichten erfüllt, und wie sie sich noch von ihrer verstorbenen Mutter erinnerte, auch das Fest, beim Anzünden der Lichte begrüßte, denn solche Erinnerungen gehen nimmer verloren, und versenken sich tief in das menschliche Herz, da verrichtete sie auch, die zum Feste ungeordneten Gebete. Ihre Andachtsübung war noch nicht beendet, als auch schon der Vater mit Juda nach Hause kamen. Es hatten sich noch andere Freunde versammelt um an dem Ostermahle Theil zu nehmen, damit der fromme Rabbi nach seinem Gebrauche im Beisein von 10 Personen, seinen Herrn nach aufgehobener Mahlzeit benedeien könne. Es war ein erfreulicher Anblick, wie ein jeder Einzelne sich bemühte, dem Greise helfend und grüßend zur Seite zu stehen, und als nun jeder an seinem bestimmten Orte nach dem Alter saß, als nach herkömmlicher Sitte der Rabbi sein Sterbekleid angelegt, um im Frohsinn auch an des Glückes Wechsel zu denken und er mit begeisternden Worte die Hagada des Auszuges aus Egypten anhub, da schien das kleine, unscheinbare Zimmer zu einem Gottestempel umgewandelt, in welchem jeder Einzelne seinen Himmel sich dachte und frohlockend ihn begrüßte. Schon war die Erzählung beendet, die Segenssprüche hatten ihren Anfang genommen, über das elende Brot und die bitteren Kräuter, so hörte man in der Stille der Stacht auf dm Straßen des etwas entfernten Viertels ein plötzliches Lärmen und Schreien. Anfangs glaubte man, daß in der Nähe ein Feuer ausgebrochen, doch als das Toben und Lärmen immer lauter wurde, und auch Scheltworte und Hohngelächter unter den verworenen Stimmen vernehmbar wurden, da stand ein Jeder zitternd von der Lasel auf und rang ängstlich auf und abgehend die Hände. — Man ließ die Lichter löschen, bis auf eines, welches auf das festlich-geschmückte Zimmer einen düsteren ahndungsvollen Schein warf. Jehuda, eilte auf Befehl seines Schwiegervaters fort, um den Hergang des plötzlichen Ereignisses genau zu erforschen, während R. Samuel die Psalmen recitirte. Er war kaum fort, als der Synagogendiener mit verstörter Miene ins Stübchen trat: Rabbi, sagt er, ein neues Unglück ist über uns gekommen. — Ein Mönch ist in unserm Viertel dieser Tage verschwunden, und da man ihn vergebens überall suchte, so hat sich auch hier das Gericht, welches Israel schon oft Wunden schlug, verbreitet, daß wir zum Pesachfeste, des Christenbluces benöthigten. Einer der Unfern, den Gott verdamme, hat sich wahrscheinlich erkaufen lassen, und auf die Angesehensten unserer Gemeinde jene Blutschuld gewalzt. Schon hat man sie zum Statthalter geschleppt und auch die zwei älteren Rabbinen mit Gewalt dem fröhlichen Mahle entrissen. Er hatte kaum diesen Bericht vollendet, als eine Menge Türken und Christen, wie wüthende Tiger ins Zimmer stürzten, und den Rabbi, der vom Schrecken überwältigt, dem Tode näher als dem Leben war, emporrissen. Laßt mir meinen Vater schrie Rahel, warf sich zwischen die Wüthenden und alle Anwesenden erhoben ein furchtbares Geheul, aber die zunehmende Menge warf sie bald zurück, und als Jehuda, der von böser Ahnung zurückgetrieben, mit dem Messer in der Hand seinen geliebten Barer und Lehrer befreien und rachen wollte, ergriff man auch ihn und schleppte ihn gebunden, dem ohnmächtigen Greise nach. —

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