Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1841-03-06 · Heft 10 (6.3.1841) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 10 (6.3.1841)
Article
Rabbi Samuel Halevy
Date
1841-03-06
Page
Seite 79 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360147-2360158-2365014--1527-2365041
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 79 — Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der GegenwArt. Rabbi Samuel Halvvy, ein Familienbild aus der neuesten Geschichte der Israeliten. *) (Eingesandt.) Es waren nur noch wenige Tage zum Pesachfeste, das mit dem Andenken an die wiedergeborene Freiheit auch neue Liebe und Hoffnung senket in jede suhlende echt religiöse Brust. Die Sonne stand schon hoch am Firmamente, begrüßte mit ihrem freundlichen Strahl die ganze Natur, verbreitete Heil und Segen rings umher und wem sie die milde Sonnenhand reichte, der erglühete erwachend zu neuem Leben und zu frischer Thätigkeic. Der fromme Samuel Halevy saß emsig studirend in seinem Stübchen in Damaskus. Es war der Traktat Pcsachim, der vor ihm aufgeschlagen war und dessen Inhalt den frommen. Rabbi so begeisterte, daß er ganz Seele wurde, und ganz mit seinem Gegenstände beschäftigt, nahm er nichts wahr, was um ihn her vorging. Wohlgefällig definirte er einem Jüiizlinge, der sein Schüler und Freund schien, mit der ihm eigentümlichen Gestikulation, die strengen Gesetze des Pesach. Es erhoben sich Fragen auf Fragen aus dem Munde seines Jüngers, Namens Juda, und alle Lösungen der verschiedenen Commentatoren sowohl als die des Rabbi schienen den Gegenstand nicht erschöpfen zu wollen. Immer hitziger wurde der Streit, immer heftiger wurden Beweise auf Beweise gesammelt und immer tiefer gestalteten sich die Forschungen. Gläubig und redlich zugleich wurden die strengen Gesetze revidkrt, bis endlich die wichtigste talmudische Autorität den Ausschlag gab. Mit der gefundenen Antwort ziemlich zufrieden gestellt, blickte das Auge wieder freundlich weiter in die tiefen Forschungen unserer Weisen, bis man auf neue Schwierigkeiten stieß, neue Probleme sich entwickelten, und zu neuen Definitionen Anlaß gaben. — Inzwischen hatte sich die sechzehnjährige Tochter Rahel mir den' wirthschaftlichen Vorbereitungen zum bevorstehenden Feste beschäftigt. Sie hatte schon seit Ihrem zehnten Jahre, wo ihr die Mutter gestorben, die kleine Haushaltung mit der Treue einer sorgsamen Gattin — gleich einer liebenden Tochter versehen, und wenn dann 4) Jr> den Licht- und Schattenbildern haben wir jetzt nur historische Abrisse gegeben, soweit sie sich zu einem großen Thema abgerundet erschienen, wir bedürfen daher bei der Mittheilung dieser Novelle, da jede Belletristik von diesem Blatte immer entfernt gehalten wird, "einer Entschuldigung. Die Angelegenheit zu Damaskus hat im Schooße des Judenthums ein so tiefes und ergreifendes Mitgefühl gefunden, daß wir es für keine Verletzung der historischen Ansprüche erachten, wenn wir diese romanhafte Einrahmung der Schaudergeschichte, die in ihrer Nacktheit die Leser fast 'zurückschreckt, hier mittheilen, um dem Leser ein Totalbild zu geben, was die bloße Geschichte indem ihr der Schlußstein fehlt, nicht thun kann. Belletristik bleibt aber nach wie vor ausgeschlossen. Red. der Vater sie mit einem zufriedenen Blicke belehrte, so war dies die größte Wonne ihres Lebens. Emsig mit den Osterkuchen beschäftigt, ihnen den bestimmten Platz zu geben, blickte sie nur zuweilen nach dem studirenden Jüngling, dem ihr verlobten Bräutigam, dem sie von ganzer Seele zugethan war; aber dann erglühete sie wieder verschämt und schlug die Augen nieder, als ob sie den so verzeihlichen Blick bereuen wollte und bei diesem heiligen Ernste ihres reinzig Geliebten auf Erden für sündlich hielte. In ihrem ganzen Wesen fpisgelten sich Demuth und Sittlichkeit, ihr mildes, stilles Auge hatte nicht jene Lebhaftigkeit des Orientes, vielmehr die stille Gluth echter Weiblichkeit, die das innere Leben des Weibes, seine Bestimmung nämlich, so würdig und treffend darthltt. Ihr schwarzes Haar senkte sich nicht in künstlerischer Lockenpracht auf den schönen Nacken herab, sondern spielten sich in natürlichen ungeformtcn Ringen an ihrem Kopfe. Die Natur hatte ganz ihr Recht behauptet, darum trat die von ihr verliehene Schönheit-nicht so gewöhnlich stechend hervor, sondern senkte sich wie der goldene Strahl der Sonne allmahlig aber tief in das fühlende Herz. — Eben hatte sie ihre Arbeit vollendet, als auch der Vater zu seinen Amtspflichten abgerufen wurde, und Jehuda seiner Braut sich -näherte. Ein inniges Vergnügen malte sich auf seinem freundlichen Gesichte, als ein durchdringender Blick der schönen Jungfrau, die er sein nennen durste, dem seinigen begegnete. Beider Seelen schwelgten schweigend an den Banden echter Hingebung und der innere Adel, der in der wahren Liebe in jedem Lebensverhältniffe sich ftuib thut, verbannte die Sprache. Wahre Liebe ist ja immer ein sich hingegebenes Gespräch und der inwohnende Laut verdunkelt des Menschen höchste Himmelsgabe. Der in uns ruhende Gedanke der ächten Seligkeit durchströmt unser ganzes Herz. Die Wahrheit diese-r Worte bestätigte sich vollkommen in diesem liebenden Bilde. Hand in Hand standen sie am Fenster, Aug in Aug pflegten die Seelen geheime Zwiesprache, nur zuweilen blickten sie zum freundlichen Himmel hinauf, in dessen klarer Bläue dennoch eure stille Schwermut!) lag. Dem tief empfindenden Gemüthe entgeht oftmals der geheimste Ton der Natur nicht. So gefesselt von einem unsichtbaren Etwas, schwiegen sie lange, inn ganz dem Geiste ihrer Liebe zu leben, doch weckte Jehuda mit einem Seufzer diese süßträumende Seligkeit. — Was ist dir, mein Geliebter, fragte ängstlich das holde Mädchen, indem sie zärtlich seine Hand in der ihrigen hielt. Sei. unbesorgt, meine Liebe, entgegnete er, ich weiß nicht; schon seit einigen Wochen suhle ich ein herbes Weh in meiner Brust; es ist kein körperlicher Schmerz, fuhr der Jüngling fort, aber desto mehr wirkt er hemmend auf meinen Geist. Meine mir eigene Munterkeit scheint er untergraben zu wollen und mitten im Taumel der inneren Zufriedenheit und Lust sehe ich mich im Geiste in einen finsteren Abgrund von unabsehbarer Tiefe gestürzt. Es ist das feurige Jünglingsblut, das dir in natürlichen Wallungen diese Unruhe erzeugt, meinte Rahel, denke nicht mehr daran und entferne nicht gewaltsam deine würdevolle Ruhe, die du in den verschiedenen Begegnissen deines Lebens so oft bewährtest. Ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.