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Der Orient · 1841-02-20 · Heft 8 (20.2.1841) · p. Seite 59

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 8 (20.2.1841)
Article
Berlin: Gründung und Organisation des neuen Schullehrer-Seminars ...
Date
1841-02-20
Page
Seite 59 (sequence 2)
Language
German
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— 59 rung machen wir, wenn wir auf die Vermögensumstände derer blicken, die sich angemeldet haben. Alle sind unbemittelt, die meisten bedürftig. Eine große Mahnung mehr an alle Gemeinden des Vaterlandes, eine Sache zu unterstützen, die nur erst dann herrlich gedeihen und unverkümmert emporblühen kann, wenn sie sich der kräftigen Unterstützung nicht Einzelner, sondern des Vaterlandes erfreut. — Nach dem Berichte, welchen die Direction herausgegeben hat*), sind von den 24 Individuen, die sich angemeldet haben, bis jetzt zehn ausgenommen worden, und zwar sehr weislich nach denselben Verhältnissen rücksichtlich ihrer Heimathsgehörigkeit, in welchem die Angemeldeten zu einander erscheinen; also fünf aus Posen, zwei aus Schlesien, ein aus Westpreußen, zwei vom Auslande. Eine Stelle ist noch unbesetzt. Das Fortschreiten der Zöglinge der Anstalt bringt sie natürlich an ein höheres Klassenziel, und alsdann wird für die Neueintretenden eine zweite Klasse geschaffen werden, so daß alsdann zugleich die Zahl der Schüler sich verdoppelt. Der Einrichtungs- und Lehrplan des neuen Instituts welcher von Dr. Zunz entworfen worden ist, verdient es in jeder Hinsicht, zur allgemeinen Publicity zu kommen, und deshalb erlaube man uns wenigstens das Hauptsächlichste desselben mitzutheilen, während wir rücksichtlich des Ganzen auf die oben angeführte Schrift verweisen. Wir erfahren daraus, daß das Seminar von dem Berliner jüdischen Gemeindevorstande.zur Bildung jüdischer Schullehrer ins Leben gerufen, von demselben Vorstände auch erhalten werden soll, d» h., daß derselbe 1) für die nöthigen Lokalien, Lehrzimmer, mit den nöthigen Mobilien, Heizung, Beleuchtung, Bedienung u. dergl. m. Sorge tragt; 2) die Unterrichtsbedürfnisse, (Schreibmaterial, Lehrmittel z. B. geographische und mathematische, ferner Lehrbücher, sogar eine Seminarbibliothek) anschafft; 3) einen Direktor und zwei ordentliche Lehrer anstellt, welche nach Bedürfniß durch außerordentliche unterstützt werden. — Die Wirksamkeit des Direktors erstreckt sich, wie gewöhnlich, über den ganzen Bereich der Innern Verwaltung. Er schafft Lehrplan und Klassenziel, nimmt die Lehrer an, weist ihnen ihre Wirksamkeit an und controllirt sie, beruft sie zu Conferenzm, verfügt rücksichtlich der innern Tüchtigkeit über die Aufnahme der Zöglinge, halt die öffentlichen Prüfungen ab, sorgt für Anschaffung der Lehrmittel, beaufsichtigt die Sammlungen des Instituts rc. In Conferenzen gibt der Beschluß des Directors den Ausschlag. Er hat selbst wöchentlich 8 — 12 Lehrstunden zu geben. Jeder der übrigen Lehrer wird wöchentlich mit höchstens 21 Lehrstunden belastet. — Die Anstalt nimmt u n- *) Das jüdische Schullehrer - Seminar in Berlin. Eröffnet am 18. Nov. 1810. (Berlin, bei Veit und Comp. 1840.) entgeltlich zwölf Zöglinge auf, indem sie über bk Zulassung Bemittelter eine Entscheidung sich Vorbehalt. Zur Aufnahme wird erfordert: u) körperliche Gesundheit; b) cm Alter nicht unter fünfzehn Jahren; c) Berechtigung zum Aufenthalte in Berlin; d) sittliche Aufführung; e) Vorbildung, Lust und Tüchtigkeit zum Schulfache; f) ein Minimum von Kenntnissen, so daß der Aufzunehmende das Deutsche geläufig und sinngemäß lese, Diktirtes ohne sonderliche Fehler niederschreibe, in den vier Spezies die nöthige Uebung, und Bekanntschaft mit den ersten geographischen Begriffen habe. Außerdem muß er Pentateuch und Raschi lesen und verstehen, Mischna-Stellen lesen, die täglichen Gebete übersetzen können, die gewöhnlichen gottesdienstlichen Gebräuche kennen und im Lesen und Schreiben der jüdischen Cmsivschrift geübt sein. Diese Erfordernisse hat der Bewerber durch ärztliche obrigkeitliche und Schulzeugnisse zu beweisen. — Die Prüfung des Bewerbers und der Bestand derselben wird vom Director zu Protoeoll genommen. — Der Unterricht des Seminars, auf drei Jahre berechnet, ist frei nebst allen Unterrichtsmitteln, und es werden dem Dürftigen überdem noch Stipendien zugesichert. Zahlende Seminaristen haben nicht über zwölf Thlr. vierteljährig zu entrichten. — Belohnungen der Zöglinge finden nicht statt, die einzige Straft, wenn Ermahnung und Zurecht-. Weisung nichts fruchten, ist Entlassung aus der Anstalt. — Das Seminar zerfällt in zwei Klassen, und der Cursus einer jeden ist auf 1£ Jahr berechnet. Die Aufnahme neuer Zöglinge kann daher auch nur nach Ablauf eines solchen Zeitraumes erfolgen; nur mit Erlaubniß des Gemeindevorstandes finden Ausnahmen davon statt. - Der Versetzung in die erste Klasse geht eine Prüfung voran. Die Unterrichtsgegenstande sind mit besonderer Rücksicht auf die Anstalt als jüdische: Deutsch, Geschichte, Erd- und Naturkunde, Geometrie, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Logik und Psychologie, Methodik und Pädagogik nebst praktischen Uebungen im Reden und Unterrichten. Die letzeren sind: Religion, Bibel, Bibelkunde, jüdische Geschichte und Literatur, Hebräisch, Jüdisch-Schreiben, Talmud. Als besonderes Bedürfniß: Lateinisch. 1) Lehrziel beim bibl. Unterrichte ist: Übersetzung biblischer Bücher aus der Ursprache, zum Theil mit Hinzufügung des Raschi-Commentars. Erklärung des Gebetbuchs. Der Religionsunterricht beginnt mit brb?. Geschichte und Bibelerklamng, geht zur Gottes- und Pflichtenlehre über und schließt mit der Anleitung zur Unterweisung in diesem Fache. 2) Talmud im weitern Sinne oder Gesttzesstudium umfaßt Mischna, Gemara und die spateren Gesetzquellen-, namentlich Schulchan Aruch. 8*

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