Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 6 (6.2.1841)
- Article
- Hat die Kanzelberedsamkeit, die Ironie zu verbannen?
- Date
- 1841-02-06
- Page
- Spalte 77-78 (sequence 1)
- Language
- German
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77 78 Dr. Philippfon^ Hat die KanzelberedsamkeiL die Ironie zu verbannen? Hat die-Kanzelberedsamkeit, die Ironie zu verbannen? Eine homiletische Frage von Dc. G. Philippson. Da die ifr. Zeitschriften gern aufnehmen, was der isr. Homiletik, die eigenthümlich noch sehr dürftig im Judenthume angebaut, sich nähert, so dürste cs vielleicht nicht unwichtig sein, wenn einer der Mitarbeiter genannter Blätter einen Gegenstand zur Sprache bringt, der selbst in der christlichen Homiletik noch nicht ganz erörtert wurde. Da die isr. Theologen nun keinem bestimmten Systeme folgen können, so wäre es wohl an der Zeit ein solches freilich von praktischen and bewährten Geistlichen aufzustellen, und obschon es nicht auf die Form allein ankomme, vielmehr auf den Geist des Vortrages selbst, von dem er beseelt ist, und dieses Seelcnhafte immer gewichtig und erbauend -in das Herz des Auditoriums dringt, so giebt es doch einzelne Fälle, bei denen der Prediger leicht auf Irrwege gerathen könnte, ob diese aus die Kanzel gehören, oder nicht. — Dieser Zweifel aber beschäftigt schon den praktischen Kenner, der sich selbst und sein Wort revidirt, Er hat den heiligen Beruf sicher erkannt und wird sich auch nicht so leicht von den verschiedenen Eindrücken gängeln lassen, ohne sie vor das Forum des geistigen Bewußtseins zu bringen, welches Bewußtsein vedingt von dem Geiste der Zuhörer eine natürliche Homiletik erzeugt. Diese Natürlichkeit giebt der Predigt die Weihe und dem Prediger die Würde, und wenn dann der gefundene Schatz in dem unermeßlichen Gebiete der Offenbarung, dem Geiste des Judenthums, wie dem Geiste der Zeit entspricht, so ist dem Redner das Wort Gottes geworden, wie dem größten unserer Propheten. Das Wesen der Predigt maß also in sich fassen jene bezaubernde und hinreißende Sprache der Offenbarung; sie darf nicht stehen bleiben auf dem blumigen Felde der Belletristik, nicht stehen bleiben auf den lieblichen Gefilden der Aesthetik, noch stehen bleiben auf dem regelmäßig gefurchten Acker der Philologie, sondern sie muß ein bewegliches Ganze sein aus dem religiösen Boden der Geschichte; denn die Geschichte ist die Offenbarung und unsere Religion stützt sich auf sie, gleichsam wie der Himmel auf die Gebirge. — Das Streben des Predigers ist nach Wahrheit und Wahrheit ist Einheit und Einheit ist Gott, darum muß sein Wille durchdrungen seiu von den höchsten Wahrheiten und die Sprache muß daher als eine reine, heilige hinein gepflanzt werden in die fühlende, menschliche Brust. Das Wollen des Predigers muß fernerhin Streben sein nach Belehrung und darum muß seine Sprache eine überzeugende, scharf durchdachte seiu, die nicht nur den poetischen Eingebungen.gefolgt, sondern den logischen Formen des Denkens. — Dieses Streben nach Wahrheit und Belehrung, wenn es geistig aufgefaßt wird, bringet hervor jene heilige Scheu, jene Liese Ueberzeugung der höchsten Wahrheiten, jene zum Himmel aufstrebende Wahrheit der Erbauung; denn die Erbauung ist ihrer Natur nach ein subjektives inneres Organ des Auditon'i, das produktive Sein in uns — das Aufbauen der in uns führenden Wahrheiten im Sin ne, des Predigers. Hieraus wird uns nun der Zweck der geistlichen Rede klar, sie will nämlich Wahrheit, Ueberzeugung und Erbauung und aus diesen drei Elementen gewinnen wir das Resultat, nämlich die Besserung des Einzelnen in sich. Fragen wir nun, wie der Redner nach angeführten, freilich nur individuellen Ansichten, die Schwächen die seiner Gemeinde ankleben, hervorheben soll, auf daß sein Wort, eben sowohl ein Wort des Friedens, als auch ein strenges nach Bekehrung des Allgemeinen strebendes werde, so kommen wir auf Schwierigkeiten , die nur eine fest gestellte Homiletik lösen kann und es dringt uns abermals die Nothwcndigkeit auf, ein System zu erschaffen, nach welchem-jeder isr. Theologe, wenn er als solcher gelten und wirken will, den Maaßstcib zu seinen Reden zu nehmen habe. Ihr Rabbinnen und Prediger, ihr lasset so viele Predigten drucken, und sprechet so begeistert zur OeffenLlichkeit, warum vergesset ihr aber an das Nothwendigste, warum einen Haltpunkt uns verweigern, der uns so Noch thut, auf daß wir nicht überall jene corrupten Ansichten hören müssen, daß dieser oder jener Redner einen eigenen Weg sich gebildet habe, wonach er seine Worte vergeistigt. Warum denn immer eigene Wege? Warum denn immer noch jene Absonderung, jenes Abgeschlossene bei den Besprechungen einer so schönen Harmonie? — Einen neuen, eigenen Weg dieser Art hat vor nicht garlanger Zeit ein recht gewandter Redner — ein Lüchtiger Denker und mit einem schönen Talente begabter Theologe emgeschlagen und es fragt sich nur, weil eben der Mann in seinem Eifer für Israelitenthum und auch in seinem Streben nach Wissen und Erkenntniß nur zu loben ist, oö dieser Weg der richtige sek. — Es wäre mir daher überaus angenehm , wenn praktische Theologen ihre Meinungen hierüber öffentlich darthaten, weil erstlich und Hauptsächlich die isr. Homiletik dadurch gewönne, zweitens aber auch mir eine Belehrung würde nach der ich schon lange vergebens strebte. Damit man aber nicht meine, daß ich einen persönlichen Angriff dabei beabsichtige, soll der Name jenes Predigers ungenannt bleiben, sondern nur die Thatsache meiner Betrachtung hervorgehoben werden, welche wir mit der Frage beginnen: Ob die Ironie auf die Kanzel gebracht werden dürfe, ob sie überhaupt einer geistlichen Rede sich anschließen dürfe, und ob sie nicht vielmehr die heilige Sprache prosaniren könnte? Folgen wir nun dem Sinne des Werkes selbst, so giebt er uns den Spott mit der angenommenen Miene des Ernstes. Aber fragen wir, soll denn nicht derjenige, der das Wort Gottes in seinem Herzen und aus seinen Lippen tragt, sich so geben wie er ist? Darf derjenige, dem es um Wahrheit zu thun ist, sich beherrschen lassen von der Ironie, die sich doch dem Gotteshause ganz entfremden sollte? — Sollte aber der Redner wirklich durch sic eher die Wirkung auf das Allgemeine erzielen, so müßte wieder die Ironie als ein dem Prediger nothwendiges Talent angesehen werden, ja man könnte in diesem Falle die Behauptung aufstellen, daß ohne dieselbe das Studium des Redners nicht vollendet wäre, man würde selbst diejenigen tadeln muffen, die keine Spötter wären und die ächte Ironie müßte eine theologische Tugend genannt werden. Ist meine Folgerung nicht unrichtig so widerspricht sich die geistliche Rede ihrem Inhalte nach. Sie soll ja die höchste Liebe predigen, und das Wort so streng es auch sein mag soll und muß von jener heiligen Liebe wiederhallen; wenn es crber ironisch anfpiclt auf Verkehrtheit, falsche Aufklärung u. s. w. um das Gegentheil also die Besserung zu erzielen, muß nicht die Sprache an und für sich schon jenes heilige Gepräge vertieren,' und zu jener Bühnensprache herabsinken, die doch schwerlich mit der Kanzelrede identisicirr werden kann? — Und sollte ein Mensch wirklich eher gebessert werden, wenn man sich über seine Fehler öffentlich lustig macht, als durch die heilige, überzeugende würdevolle Liebesprache? —