Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1841)
- Article
- Der Chassidismus in Polen
- Date
- 1841-02-06
- Page
- Seite 48 (sequence 3)
- Language
- German
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48 Nachlasse des Verstorbenen mancherlei Papiere vor, welche die Embryonen zur weitern Vervollständigung des Systems enthielten, aber noch nicht durchgebildet, von dem Stifter zurückgehalten worden waren. Sie wurden von seinen Verehrern mit einer gewissen Gier ausgegriffen, nach ihrer Auslegung, nach ihren oft verzweifelnden Folgerungen zugestutzt, und als hinterlaffene Offenbarungen Israels in die Welt gesandt. So erschien zu Korstchik und Zolkiew gedruckt, in zwei Banden das Buch: K e t e r S,ch e m t o b. Hauptinhalt ist die Kundmachung von Offenbarung und Gesichten, welche der Stifter einst gehabt haben wollte. Es wird erzählt, daß er einst in der Entzückung seiner Seele in den Himmel versetzt worden sei, daß der Erzengel Michael, der Schutzgeist der Juden, sich ihm genahet und ihn über menschliche Vergehungen den nöthigen Aufschluß gegeben habe. Die Sünde erscheint in dem Buche als das Hewortreten der Persönlichkeit des Menschen außerhalb seines Mitttlpunctes, Gott. Sie geht auf, d. h. wird vergeben oder abgethan, durch das Aufgeben der Persönlichkeit, durch das Ringen nach Vereinigung mit dem Göttlichen; ja sie erscheint sogar unter gewissen Bedingungen, als etwas Lobenswerthes, als etwas zu Belohnendes, so z. B. der Umgang mit ungöttlichen Menschen, den Talmudisten, behufs ihrer Bekehrung; so ferner das Talmudstudium, (obwohl es als ein Befassen mit menschlicher Wissenschaft unter die Sünden gehörte, welche außerordentliche Seelenschmerzen nach sich ziehen), in so fern es angewandt wurde zur Bekämpfung der Talmudisten. Daher die Erscheinung, daß in diesem Buche allen Anhängern der Secte geboten wird, ihre Söhne Talmudisten werden zu lassen und ihre Töchter an Talmudisten zu 'verheirathen. Diesen als Gott wohlgefällig hingestellten Handlungen wird die Vergebung aller begangnen und noch zu begehenden Sünden als Folge zugeschrieben. Der zweite Theil des Werkes verbreitet sich über das Gebet und lehrt ganz consequenter Weise der Ansicht von göttlichen Menschen zufolge die Gebete an den Stammvater des jüdischen Volkes, an Abraham zu richten/der gleichsam als Mittler zwischen Gott und der Menschheit erschienen sei, viele Verirrte zum wahren Glauben bekehrte, viele Abtrünnige zurückgehalten habe. Im Widerspruche mit der oben als Tugend angerechneten Vermischung mit den Talmudisten wird hier empfohlen, die Kinder nicht mit Menschen umgehen zu lassen, die nicht zu ihrer Nation und ihrer Partei gehörten. Kurz darauf erschien ein zweites Werk im Drucke, das ebenfalls in dem Nachlasse des Stifters ausgefunden worden fein sollte und den Titel: Likute Amarim führte. Das Kapitel von dem moralisch Bösen wird hier auf eine entsetzliche Art mit dem Göttlichen zusammengestellt. Das Sündigen erscheint als ein sich Aufzehren des sinnlichen Menschen und daher die Häufung der Sünden auf Sünden gleichsam als das Beeilen, zu dem Göttlichen zurückzukehren, der größte Sünder wird als der unterste in der großen Wesenkette dargesteltt, welcher darum, dieselbe sich als großen Ring gedacht, sivieder in seinen Urquell und den Anfang Aller, zu Gott, zurückk-ehrt; so daß die Extreme sich berühren. Natürlich, daß sich auch inmitten diesem Allen, die Apostel dieser Lehre mit eigenen Geistesproducten hervor thaten. Der erste, welcher Rabbi Israels Lehre und Tradition, wie sie unter seinen Anfängern lebte und sich ausbildete, in ein, wenn auch nach seinem Kopfe gemodeltes System brachte, war Baer Medsirsitz,. Rabbiner zu Kortschik. Die Grundsätze-des Stifters erscheinen in häufigen Anmerkungen des Verfassers erläutert, oder wenn man lieber will, getrübt. Als Hauptfolgerung erscheint das Verbot der Tugcndübung. Neben diesem Werke ist als Hauptquelle dessen, was als das Charakteristische des m's Leben getretenen Chassidismus anzusehen ist, das Buch: N o a m H a m e il e ch von dem Rabbi Melech zu Lezanst. Hier wird vollkommen ausgesprochen, was anderwärts nun nahe lag oder stillschweigend gefolgert wurde, daß jedes Oberhaupt der Secte in seiner Heiligkeit und Gottinnigkeit, im Stande sei, jede Sünde zu vergeben, ja daß ein moralisches Vergehen an sich nicht strafbar sei , sobald das geheiligte Oberhaupt selbst die Neigung zu demselben Vergehen äußere; denn — lautet die Erklärung — da jedes Oberhaupt eine Person in Gott ausmacht, so kann doch Gott das, was in seiner Einheit begangen wird, nicht verdammen und bestrafen. Dem Oberhaupte werden ganz folgerecht wunderbare Kräfte über die Natur zugeschrieben, und durchs ihre Wünsche und Gebete sollen sie im Stande sein, dieselbe nach Willkür zu lenken. Bei dem Glauben von der Durchdrungenheit des Menschlichen von dem Göttlichen kam Rabbi Melech aus den bisher neuen Gedanken von der Unnörhigkeit, in Krankheiten Arzneimittel anzuwenden 5 weil der durch die Frömmigkeit der Secte in dem Menschen lebendig gewordene Gott, der das ewige Leben zu geben im Stande sei, natürlich keiner äußern Mittel bedürfe, wenn er für gut befinden sollte, das irdische ferner zu erhalten. (Schluß folgt.) Personalchronik nnd Miscellen. In Algier wird den israelitischen Beamten gestattet, am Sabbate die Geschäfte ruhen zu lassen, sobald dies ihr Gewissen belästigt. * * * In Mühlhausen (Oberrhein) erhielt der Rabbiner Dreifuß bei seinem Austritte aus der Synagoge am 5. Decbr. von einem gewissen Herrn Wahl eine Ohrfeigeweil letzterer glaubte, die von dem Rabbiner gehaltene Predigt mit ihrem Tadel gegen diejenigen, welche sich jeder Verbesserung widersetzten, sei gegen seinen Vater gerichtet. — Wenn diese Art von Censur erst Mode werden sollte!! * * Das Metzer @011 fiftortum hat seine Entlassung eingereicht. * * * Zn der Provinz O b e r r h e i n sind bereits 30W Fr. subskribirt, und es hat sich ein Comitü zur Begründung einer Handwerks- und Kunstschule gebildet. * * Verlag von C» L. Fritzsche. Druck von I. H. Nage l.