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Der Orient · 1841-02-06 · Heft 6 (6.2.1841) · p. Seite 47

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 6 (6.2.1841)
Article
Der Chassidismus in Polen
Date
1841-02-06
Page
Seite 47 (sequence 2)
Language
German
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47 bei’ Zeit erklären, unb in seinen durch die Wissenschaft der Zeit, welche er abwarf, ungesättigten Herzen erwachten andere Plane und andere Gedanken, die nicht von einem gewöhnlichen Geiste zeigen. Die bei ihm zum Bewußtsein gewordene Unzureichendheit der damaligen Wissenschaft ging leider in eine gänzliche Verachtung derselben über und doch nebenbei wenig pragmatischen Geistes, sondern vielmehr überschwenglichen Gemüthes, warf er mit dieser Verachtung der Wissenschaft zugleich das Mittel von sich, die gewünschte Vergeistigung auf dem rechten Wege zu verfolgen; er gab den Buchstaben ganz auf und suchte die Ausgleichung zwischen Wissen und Leben in jenen dunkeln Regionen des Gefühls, in welchen sich zwar das Göttliche offenbart, aber nur dann erst sichtbarlich an das Auge des Geistes hervortritt, wenn die Fackel der Vernunft es beleuchtet. So wurde dann, ganz consequenter Weise, die Kabbala der trübe Quell, aus welchem der Rabbi seine dürstende Seele zu letzen suchte, die tiefe, inhaltsschwere Weltanschauung derselben, in ihrem orientalischen Gewände zumal, berauschte seine Sinne, die für jene bilderreichen Phantasien eines jugendlichen Menschengeistes viel zu pygmäenartig greisenhaft waren, und Rabbi Israel ward — zum S ch w a r m e r. Er rühmte sich überirdischer Offenbarungen und erklärte: „mein Geist trennt sich oft vom Körper und holet Nachrichten aus der Geisterwelt; er entdeckt mir, was darin vorgeht und wendet auch viele Gefahren ab, welche von der Geisterwelt dieser Erde oder Körperwelt gedroht werden." Deshalb legte man ihm den Namen eines Geisterbeschwörcrs bei und nannte ihn Bal schein. Die in diesen seinen obigen Worten selbst ausgesprochene Befähigung von einer außerordentlichen Communicacion mit der Geisterwelt, die er geschickt in mystischer Lehre und Weissagungen wiederzugeben wußte, welche ihn bald den Geruch des Wundertätigen und Heiligen verschafften, gewannen ihm bald einen starken Anhang, der bei der Neigung des hohen und niederen Pöbels nach geheimer Wissenschaft, die damals vorzüglich in hohem Schwünge war, bei dem Durste der Zeit nach Befriedigung des Herzens und bei .der, wie wir bald.sehen werden, laxen Moral des Rabbi tagtäglich wuchs und innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren aus mehr als Zehntausend Köpfe sich belief. Er selbst gab seinen Anhängern den Namen Chassidim und erklärte die Berechtigung dazu nicht allein aus dem Streben, das mosaische Gesetz nach einer Liefern Auffassung zu erfüllen, sondern auch aus dem unablässigen Ringen nach vollkommner Heiligkeit und dem 'Aufgehen in Gott. Grade das, .was dieser Secte entgegen arbeiten sollte, bewirkte ihre weitere Verbreitung, der Schriftenkampf namllch, der von seiten der Latinudisten degegen unternommen ward. Erst jetzt ward mancher darauf gufmersam, der früher vou der Privaransicht eines Rabbi rücksichtlich der Religion keine Noriz genommen hatte. Erft jetzt, als die gelehrtesten Männer dagegen in die Schranken traten, erhielt die Sache den Charakter des Ungewöhnlichen, ünd leider schenkte man den Waffen der gelehrten Lalmudisten nicht volles Vertrauen, denn ihre Gründe wurzelten nicht im Leben. Zuerst erhob sich der Rabbi Elia, der Gaon zu Wilna in Verbindung mit den -Aeltesten der brody'er Juden sch oft, um dem Umsichgreifen der Secte entgegen zu arbeiten. Es geschah in dem Buche Semir Aarizim. Die Schrift bemüht sich die Schädlichkeit des Chassidismus nachzuweisen, auf das Nachtheilige derselben ans religiöses Gesetz, Sitte und Staatöleben aufmerksam zu lachen. Ja Elias ging so weit, ein wirkliches Anathema über den Rabbi Israel und seinen Anhang auszusprechen und den Seinigen das Versprechen abzunehmen, nie in irgend eine Berührung mit dieser gefährlichen Secte zu treten. War somit einerseits eine förmliche Scheidewand gezogen, und die Chasstdim zur Secte gestempelt worden, so hatte dies für ihr Wachsthum selbst und ihre innere Ausbildung nicht den geringsten Nachtheil; die gegm sie gerichtete Anklage der Staatsgesährlichkeit berührte die Juden nicht, die unter dem Drucke des Staates keine Rücksichten gegen denselben kannten, indeß der Staat selbst zur Zeit keine Notiz davon nahm, und was Sitte und Gesetz anlangte, so schien man erst erproben zu wollen, ob aus dem Chassidismus nicht mehr geistiges Leben hervergerufen würde, als aus dem dürren Rabbiniömus. Immer mehr also breitete sich der Anhang Rabbi Israels aas und die Lehre fand vorzüglich bei den Reichen vielen Eingang. Jetzt war Israel Balschem mit sich einig, sein System war gemacht, es erschien in dem Werke: Z e w a o t R i b a s ch, das er zu Kortschick und Zolliew drucken ließ. Er selbst erklärte dieses Werk für das Gesetzbuch, die Richtschnur seiner Partei und trennte sie dadurch selbst als Secte von der übrigen israelitischen Bevölkerung ab. Indem wir es auf weiter unten verspüren, das ganze durchgebildete System der Secte, wie es" jetzt ausgesprochen vorliegt, unsere Leser in populärer Sprache zur Anschauung zu bringen, begnügen wir uns jetzt nur mir der Bemerkung, daß zu allem Unglück, und um den Bruch noch größer zu machen, die Zeitgenossen das obwohl mystische und in seinen Folgerungen gefährliche, doch immer tiefdurchdachte System mißverstanden und sich in ihren Anklagen desselben gesielen, die Folgerungen aus dem Zusammenhänge zerreißen, auf die Spitze zu stellen und in ihren entsetzlichen praktischen Wirkung zu zeigen. Rabbi Israel stellte den Menschen auf die höchste Stufe, wohin maa ihn stellen kann, er fand sein größtes Heil in dem Machtigwcrden des Göttlichen in der Menschenbrust, und kam, wie alle mystisch-pietistischen Setten zu dem Satze, daß die individuelle Vernunft um desto mehr gefangen gehalten und aufgegebeis werden müsse, je mehr das Göttliche überhand nehme. Eine Vermehrung irdischer Kenntnisse schien ihm hinderlich für das Göttliche und daraus entsprang ihm der harte Vorwurf, daß er den Menschen entmensche, zu dem Thiere zu erniedrigen gedachte. Weil er, das Göttliche mit dem Menschlichen in höchster Vereinigung gedacht, das Beten, namentlich in sofern es mit Zerknirschung verbunden ist, für etwas Überflüssiges hielt, da die Einheit des Gemüths eine solche äußere Beschwörungsformel, um zur Einheit zu gelangen, nicht nöthig habe, da er philosophirte, daß der himmlische Vater die Seligkeit und nicht die innere Gewissenheit seiner Kinder verlange, so machte man ihm zu einem Verächter des Gebetes und dadurch zum Destructor aller Moral. Es gab freilich noch gefährlichere Cousequenzen in dem Systeme, wie wir unten deutlicher sehen werden. Der Rabbi in inniger Vereinigung mit der Gottheit, also gleichsam ein Stück Gott, war im Stande von Sünden loszusprechen, ja konnte die Sünder Anderer sogar durch Selbstdegehung oder durch die Selbstneigung zu den gleichen aufheben, weil man folgerichtig schloß, daß das, was der Gott in ihm beabsichtige oder wenigstens zulasse, von demselben nicht eben wieder bestraft werden könne. Freilich waren diese Ausbammgeu und Ausgeburten des .Systems der Chassidim mehr wohl auf Rechnung seiner Jünger, als seiner selbst zu schreiben. Er ging ungefähr 15 Jahre nach Stiftung der Secte in mitten seiner Wirksamkeit und der' Durchbildung seines Systemes mit Lode ab. Die äußere und innere Leitung der Secte nahm-eine veränderte Gestalt an, es traten mehrere Oberhäupter an die Spitze der Leitung, jeder versuchte seine eigmthümliche Ansicht in das nicht durchgebildete System zubringen, es fanden sich wohl auch in dem

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