Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1841)
- Article
- Kopenhagen: die Stände in Holstein noch nicht emancipiert ...
- Date
- 1841-02-06
- Page
- Seite 46 (sequence 3)
- Language
- German
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46 der Concurrenz der Juden aushalten können, erstlich weil'sie dann (200: 1) sehr bornict sein müßten und zweitens weil noch obendrein bei der großen Armuth der Juden (100 Arme auf einen Vermögenden) an ein Rivalisiren ihrer Seits mit den Christen nicht gedacht werden könnte. Der Bericht, der am Ende gegen die Holsteiner sich sehr geringschätzig ausspricht, schließt mit den Worten: Man soll ein Volk nach seinen Handlungen beurtheilen. Wir haben gesehen, von welchem steifen und egoistischen Aristokratismus die holsteinsche Ständeversammlung beseelt ist. ■— Wir bemerken, daß Holstein lange zu thun haben wird, um dieses nicht eben ehrende Denkmal wieder niederzureißen. Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Der Chassidismus in Polen. 1. Artikel. Auch dos Judenthum mit seinen klaren, bestimmten Formen hat sich des Eindringens fremder Elemente in sein dogmatisch-religiöses Leven nicht erwehren können, sondern erlag, wie jede historisch gegebene, positive Religionsform den beiden geschichtlichen Extremen, hier durch das Kriterium des kalten Verstandes bis zur Freigeisterei gesteigerten Negation, dort durch die erkannte Unzureichendheit des menschlichen Geistes, bezüglich der Aufklärung der Verhältnisse des Göttlichen zu dem Menschen, des Guten zu dem Bösen hervorgerufenen Passivität, .Supernaturalksmus, Mysticismus, Pietismus , Schwärmerei und dergl. zu finden. Wir haben, um dergleichen Erscheinungen zu erklären, nicht nöthig, spätere Begebenheiten auf frühere Elemente zu stützen. Die erwähnten Abirrungen liegen vielmehr, leicht erklärlich in der allgemeinen Menschennatur selbst vor; verfehlte Erziehung, hier Borwatten der Verstandescultur, dort der, Einbildungskraft, seichte Bildung, Unwissenschaftlichkeit u. s. w. vollenden das Werk und gemeiniglich erst, wenn der in sich selbst Versunkene das Labyrinth seiner Gedanken aufgebaut hat, ergeht er sich in der Geschichte um nach Glaubensgenossen zu suchen, deren Worte und Schriften er dann nach seiner eignen Gedankenwelt anschaut und ordnet und daraus ein neues System gebart, das dem früher vorliegenden vielleicht nur seine Vollständigkeit verdankt. Der C h a s si d i m u s, damit wir sogleich auf unser Object kommen, ist eine Schwärmerei, die in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts in Polen und zwar im Schooße des Judenthumes entstand"und die rücksichtlich ihrer Ueberzcugung von der Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft zur Begründung religiöser Wahrheiten sich eben so gut der Rechtgläubigkeit und streng theologischen Auffassungsweise des Judenthums, wie jeder Frcigersterei widerfetzt, obgleich sie in gewissem Sinne, so gut wie jede andere Schwärmerei, selbst wieder zur Freigeisterei. oder vielmehr zur Ungebundenheit wird. Um die historische Erscheinung des Chassidismus sich Zu erklären, bedarf es nur eines Blickes in die Zeit, in welcher er entstand. Es hieße, allcm ProgmatismuS Hohn sprechen wollen, wenn wir, die vollkommne Abgeschlossenheit des Judenrhum behauptend, nicht zugeben wollten, daß die mystischpiecistische Richtung des Zeitalters die zu erklären hier nicht am Platze ist, ohne Einfluß auf die Entstehung des Chassidismus gewesen sei. Der nächste Grund dazu war freilich der dürre und trostlose Rabbinismus, Pharisäismus, Ceremoniendienst, orthodoxe Wortklauberei oder wie man es sonst nennen will, welche sich um die Halste des vorigen Jahrhunderts über das Judenthum in Polen ausgebreitet hatte, und jeden Lebensquell, der das menschlich« Herz erfrischen kann, zu versanden und auszutrocknen drohte. — Der Chassidismus (von T-Dfi Frommer) der mit Asketik und einem blos beschaulichen Leben nichts zu thun hatte, trat vielmehr als resormatorisches Prinzip auf, welches sich angelegen sein lassen wollte, die unter der Tyrannei des Buchstaben und dem Drucke von außen verstarrten Formen des Gesetzes zu vergeistigen, dem starren Formglauben also gleichsam einen lebendigen Odem einzuhauchen. Daß er diesen an sich ehrwürdigen Zweck nicht erfüllte, daß er, statt zur Reformation zu werden, in ein mystisches Versinken, Versumpfen und moralisches Elend gerieth, das lag thcils an seinem Stifter, der wohl das Vedürfniß fühlte, aber dem die tiefere Einsicht m die Sachlage und in die Mittel fehlte, ther'ls in der unlauter» Quelle, aus welcher er in seiner Verkehrtheit den Strom des Lebens zu schöpfen gedachte. Daß aber das Bedürfniß nach einer Reformation da war, daß die Herzen dürsteten nach einem lebendigen Worte, davon liegt der Beweis in der ungeheuren Teilnahme, welcher sich der Chassidismus erfreute. Es war zwischen den Jahren 1760 und 1765, wo der Rabbine I s r s e l zu M i e d z y h o r z in der Ukräne Aufsehen zu erregen begann. Zeitgenossen schilderten ihn ehrgeizigen Gemüthes, dabei ciber wenig bewandert in talmudischer Gelehrsamkeit, und daher als eine unbekannte Größe, die sich wenig Hoffnung auf irgend ein Hervorragen machen durfte, so lange die rabbinifch-talmudische Gelehrsamkeit den Scepter führte. Wollen wir gerecht gegen den Mann sein, so dürfen wir dieses sein Wegwenden von dem Talmud nicht sowohl auf eine geistige Beschränktheit schieben, sondern dasselbe uns vielmehr als eine förmliche Abneigung gegen die dürre Gelehrsamkeit