Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1841)
- Article
- Ueber die Karaiten
- Date
- 1841-01-30
- Page
- Seite 39 (sequence 1)
- Language
- German
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39 Licht- und Schattenbilder aus der jüdiscyen Geschichte Zer Gegenwart Ueber die Karaiten von K o h l. (Schluß.) Genug, erst, wenn der Thürwächter sie in's Innere des stets verschlossenen Tempelhofes eingelassen hat, lassen sie die Hülle fallen und daraus neben einem Paar schöner Auger alle die Strahlen ihres Goldes und ihrer Perlen hervorblitzen. Sie tragen alle, wie auch die tatarischen Weiber und die tatarischen Zigeunerinnen, das rothe Feß mit blauem Seidenbüschel aus dem Haupte. Sie erhalten dadurch etwas Männliches, und hübsche Kara'tten- und Tataren-Madchen kamen mir innrer des Feß wegen wie junge Amazonen vor. Wahrend aber das Feß überall, wo es getragen wird, bei den Männern einfach ist, ist es bei den karcü'tischeu Frauen dagegen mit Gold bordirt, und außerdem sind rund herum hebräische Buchstaben mit Perlen gestickt, von denen sie mir sagten, daß es Sprüche aus der Bibel seien. Bei den Verheirateten windet sich das rabenschwarze Haar in einer dicken Flechte um den unteren Rand des Feß herum- Bei den Unverhekratheten aber fällt das Haar in einer Unzahl dünner höchst zierlicher sämmtlich gleich langer Flechten herab, die wie Franzen rund um den Kopf hängen, was denn freilich mehr sonderbar als hübsch aussieht. Ich zählte gewöhnlich, so viel mir die Flüchtigkeit der Mädchen zu zählen gestattet, 40 bis 50 Flechten. Man begreift nicht, woher die karaitischcn Mütter und Geschwister die Muße und Geschicklichkeit nehmen, ihren Töchtern Md Schwestern so viele mühsame Zöpfchen, in deren Enden noch gewöhnlich hübsche Bändchen eingeflochten werden, anzudrechseln. Denn nehmen wir auch im Durchschnitt den Zopf nur zu einer Elle Länge an und geben wir einer Mutter auch nur vier Töchter, was doch nichts so Seltenes ist, so hat eine solche arme Frau nicht weniger als 200 Ellen Zöpfe zu flechten, was denn bei der untadeligen Glatte und Kunst, mit der die kara'ttischen Mädchenzöpfe geflochten werden, allein schon ein ganzes Tagewerk sein muß. Vielleicht erspart ihnen aber eben die Festigkeit jener zierlichen Zöpfe neue Arbeit, und die Haare werden wohl immer nur an Festtagen neu geflochten, indem sie während der Woche aushalten. Die Tracht der jungen Mädchen ähnelt der oben beschriebenen der Knaben. Die Matronen aber sind alle in den prunkendsten Sammet gekleidet. Das Unterkleid, das etwas kurz ist, besteht aus mit Gold gesticktem, purpurrothem Sammet, worüber ein weites, langes und ans dem Boden schleifendes Oberkleid von demselben Stoffe und bei allen von violetter Farbe getragen wwd. Dies Oberkleid ist vorn von oben bis unten offen und läßt unter schön dunkelnder violetter Bedeckung den Schimmer und das Feuer des' Unterkleides und des Busenschmuckes sehen. Was den letzteren betrifft, so wird hier am meisten der Relchthum und der Glanz der schönen Karaitinnen entfaltet. Sie haben große Kränze und (Gewinde von Goldstücken um den Hals geschlungen, die auf die Brust herabhängen. Ein paar Schnüre mit ganz kleinen türkischen Goldmünzen, ein paar mit holländischen Dukaten und zuletzt noch einige mit großen spanischen Dublonen oder türkischen Doppelzechmen, befinden sich reihenweise über einander. Ihre Brust ist bis tief herab so stark mit solchen aufgereihten Goldstücken bedeckt, daß sie einen förmlichen Panzer bilden. Dicht um den Hals zieht sich noch ein Collier von Perlen, von dem ein Perlennetz über jenen Ducatenpanzer herabfällt und seinen Glanz noch vermehrt. Auch selbst aus die Religion der Kara'iten scheint der Mohammedanismus der Tataren von nicht geringem Einflüsse gewesen zu sein, höchst wahrscheinlich auch auf die Art und Weise, über Religion zu denken, augenscheinlich aber auf das Aeußerliche ihres Gottesdienstes. Ihre Synagogen gleichen in ihrer schmuck- und geräthlosen Einfachheit vollkommen den Moscheen, wenigstens entschieden in der Hauptabtheilung. Nur ein kleiner Theil ist vorn gleich bei der Thür davon abgesondert und mit Bänken versehen, wie man es in den Moscheen nicht findet, und über dieser Abtheilung befindet sich die Galerie, in welcher hinter einem Gitter die geschmückten Frauen prangen, und eine solche Frauengalerie fehlt denn in dm Moscheen allerdings auch. Der übrige größere Raum aber bietet ganz den Anblick einer Moschee, er ist frei und der Boden mir Teppichen belegt, welche die Kararten eben so wie die Mohamedaner nur mit bloßen Füßen betreten und auf denen sie bei'm Gottesdienste knieen, sitzen oder liegen. Es befindet sich in diesem ganzen Raume sonst weiter nichts als der Schrein, in welchem die heiligen Schriften aufbewahrt werden, und zu dem einige Stufen hinanführen. Ich wohnte hier am 20. September, an welchem Tage sie ihr großes Buß- und Sühnfest feierten, ihrem Gottesdienste bei. Sie begehen dies Fest eben so wie die talmudischen Juden, mit denen sie sonst viele Feste nicht gemeinschaftlich haben, nämlich die, welche Moses nicht unmittelbar selber eingesetzt hat, ganz so, wie die Protestanten die Feste auch nicht mit den Katholiken feiern, welche nicht unmittelbar aus der Bibel ihre Veranlassung nehmen. Sie hatten ihre Pantoffeln, Schuhe und Stiefeln vor der Thür abgelegt und auf den Brettern eines Schrankes aufgehaust, der wie ein reich assortirter Schuhmacherladen aussah. Die Synagoge war sehr gefüllt, und cs war Gelegenheit genug gegeben, das tatarische Gepräge der karcü'tischen Gesichtsbildung vielfach bestätigt zu finden und überall die Grundzüge dieses Gepräges wieder zu bemerken. Die Meisten hatten Kalpaks von den seinstgekrauselten krim'schen Fellen zur Kopfbedeckung. Keiner Wange fehlte jener oben bezeichnet Bartstreifen, und Alle lasen eifrig in der Bibel, Einer jedoch nur laut, wahrend die Andern still folgten, bald Dieser, bald Der, bald ein Alter mit zitternder Stimme, bald ein ganz knabenjunges Blut mit mädchenhaften Tönen, bald ein armer kranker Blinder, der den Text auswendig wußte, dann Einer mit einem tiefen durchdringenden Baß, dann wieder ein ganz Bescheidener, Schüchterner aus entlegenem Winkel kaum hörbar. Dann und wann repetirte und sang der wie ein Beduine von oben bis unten in weißes Ge-