Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1841)
- Article
- Ueber die Karaiten
- Date
- 1841-01-23
- Page
- Seite 32 (sequence 3)
- Language
- German
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32 „Seht! seht! das ist die kleine Mangub," sagte mir der Lhürwachter der karattischen Synagoge in Odessa, mit dem ich im Gärtchen derselben stand, die Aus.- und Eingehenden zu. betrachten, indem er dabei auf einen wunderhübschen Knaben hinwies, der aus der Synagoge mit vielen anderen hervorlief, „sein Vater ist der reichste von uns Odessa'schen Karotten, bei dem könnt Ihr Euch die Kleidung, um die Ihr mich fragt, recht genau betrachten; denn er hat sie nach dem beßten Schnitt." -- Die Knaben hatten ihre Pantoffeln vorder Thüre der Synagoge gelassen und amüsirten sich damit, zum Intermezzo während des Gottesdienstes in bloßen Füßen unter den Bäumen umherzulauftn. Diese 'karattischen Knaben sehen übrigens alle so elegant goldig und seiden wie eine Schaarjunger Prinzen aus. Ich mischte mich unter sie und sagte dem kleinen Mangub', daß ich seine Kleider so hübsch fände, er möchte sie mir doch ein Mal zeigen und nennen. „lswoltje, pa Turetzki I “ „Auf Türkisch?" fragte er mich, „recht ger'n!"— Sic Karatten sprechen nämlich unter sich tatarisch und nennen das, wie die Tataren selber, türkisch, die Odessaischen verstehen übrigens auch alle Russisch. Die karattischen Kleider, wie der kleine Mangub sie mir angab, waren nun folgende: Das seidene Gewand, welches unser Hemde repräsentirt, heißt „Külmek," — die Pcmtalonsmeistens ebenfalls von-Seide, werden „Kontschak" oder „Schallvar" (Schariwari) genannt. Ueber Schalwar und Külmek hangt in weitem Faltenwürfe, nur oben auf der Brust erg anschließend und mit einer Menge kleiner silberner Haken ^gehäkelt, der „Ton" herab, welchen in der Mitte des Leibes der „Kuschak" (Gürtel) zusammenhält. Ueber dieses lange Unterkleid ziehen sie alsdann noch ein kurzes, meistens mit Pelz verbrämtes Oberkleid, oder eine Oberweste, „Dschübae" genannt. „Seht, und obenauf setze ich dann noch mein rothblaueö Feß," sagte der kleine Maugub, „empfehle mich Euch zw Gnaden und springe fix und fertig mit oder ohne Babuschen (Pantoffeln) davon." Und damit hüpften alle die kleinen Prinzen wieder in die Synagoge, um sich zu. ihren Vätern auf die Teppiche zu legen und eine Zeit lang dem Gottesdienste zu lauschen. Von dem Barte der Karatten läßt sich besonders bemerken, daß Alle ihn auf der Lippe stehen lassen, übrigens ihn aber wegrast'ren bis auf einen ganz merkwürdigen, äußerst schmalen, langen Backenbarts-Streifen, der unten vom Kinn über die Kinnladen hinweg und bel'rn Ohre vorbei so weit hinauf geht, als nur Haare wachsen. Auf dieser äußerst dünnen Linie dürfen aber auch die Haare nicht wachsen, wie sie wollen, sondern werden gleich einer Gartenhecke so stark unter der Schere gehalten, daß sie nur einem gemalten Streifen gleichen. Diese streifige , über die Haut hinirreirde Bartschatrirung findet sich auf der Wange aller Karatten ganz aus dieselbe Weise und vollkommen'in derselben Richtung- Nicht so bei den Tataren. Wahrscheinlich, ließe sich von dem Ursprünge dieses sonderbaren, die Karatten von den Tataren unterscheidenden Bartstreifens irgend ein Geschichtchen erzählen, das mir aber nirgends bekannt wurde. Nichts gleicht der prunkenden Pracht, mit welcher die karattischen Weiber auftreten, doch tragen sie dieselbe in den Straßen von Odessa nicht so häufig zur Schau, wie die Frauen während sie schon ein Mützchen nach österreichischem Schnitte tragen. ihrer talmudischen Glaubensgenossen. Die karattischen Weiber sicht man vielmehr nur in ihrer Synagoge oder im Inneren ihrer Häuser im vollen Staate, und so Lange sie am Sabbat über die Straße gehen, halten sie sich immer in ein großes europäisches Umschlagetuch gehüllt. Entweder fühlen sie, daß ihre orientalische Pracht zu sehr gegen alles übrige, sie umgebende Europäische abstichr, oder es ist noch eine alte furchtsame Gewohnheit, die ihnen von den Tatarenzeiten her anklebt. (Schluß folgt.) Personalchronik und Miseellen. Wenn Cremieux nicht schon in dem Bewußtsein, durch seine Reise in den Orient ein edles Werk erfüllt, nicht allein viele Familien von Tod und" Qual, sondern auch ein ganzes Volk von Schmach und Schande, eine ehrwürdige Religion von Verleumdung befreit zu haben, seinen schönsten Lohn dahin hätte, so müßte ihn der Triumph, in welchem er durch Deutschland getragen wurde, die Verehrung, die Bewunderung, die man'Ihm zollt, schon ein großer Lohn seines Strebens sein. In allen Städten, durch die er reiste, hat man sich beeifert, ihn auf das Ausgezeichnetste zu ehren und von nah und fern kamen Gemeinde-Deputationen, Privaten, Schreiben, Geschenke u. s. w. Wir erfahren neuerdings, daß Nikols bürg und Prag ihm die „Morenu" verliehen, daß Nürnberg, wo er mit 'seiner Gattin am 2. Dec. eintraf, sich anstrengte, den edeln Mann würdig zu begrüßen, daß namentlich aber die Gemeinde zu Fürth, welche ihm zu Ehren ein Gastmahl anstellte, den man so herzlich und wahr empfing, daß die Erinnerung an solche Aufnahme ihm wohL nie aus der Seele kommen dürften. * »• * In Baiern muß vor dem Beginne des Unterrichts in den Schulen auch für den König gebetet werden. Natürlich sind die israelitischdn Schulen auch von diesem Befehle getroffen und die Rabbinen haben sich anstrengen müssen, solche Gebete zur Welt zu fördern, unter denen alsdann das königl. Staats- Ministerium ausgewählt hat. —- Ob dies Mittel die Pietät und Liebe zu Fürst und Vaterland heben wird, mögen Pädagogen entscheiden. Auch Dr. Frankel in Dresden hat am Sabbat Chenuka in seiner ergreifenden Rede der Kämpfer für israelieische Unschnld und gepeinigte Menschen, Moses Montefiore und Cremieux, gedacht und ihr Streben, entsprossen der Treue gegen Religion und Volksgenossen als die Vollendung der Liebe zu Vaterland und Menschheit hmgestellt» Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von I. H. Nagel.